Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 66 (16.8.1900)
- Date
- 1900-08-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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41. Jahrgang. ■rr^^V^tTs Erste Aeikage zu M 66 des „Israelit". Leitender Artikel. 7it Ziansfilchk uni) iiir Zisuistcu. Berlin, 15. August. So gleichgiltig und geringschätzig die deutsche Judenheit auch dem Zionismus gegenübersteht, innerhalb der deutschen Christenheit gibt es Kreise, wenn auch nur sehr kleine, welche das zionistische Treiben mit großem Interesse und gespannter Aufmerksamkeit verfolgen. Cs sind das die Herren von der Judenmission, also die Kreise, welche es sich zur Lebensaufgabe gestellt haben, jüdische Seelen zu fangen und sie der christlichen Kirche zuzufiihren. Diese versprechen sich fette Ernten von der zionistischen Mache und suchen daher mit den Zionisten auf jede Weise in Connex zu treten. Die Frage, inwiefern dieses Liebeswerben bei den Zionisten Crlviederung oder Abweisung erfährt, tritt zunächst vor der Thatsache zurück, daß der Bekehrungseifer unserer Judenmiffion das instinktive Gefühl hat: durch den Zionismus ließe sich „ein Geschäftchen" machen. „Heute, wo sich die Entscheidung unter den Juden selbst vollzieht, wo sich im Zionismus das Volk erhebt, heute muß ein neuer positiver Weg eingeschlagen werden, um das Evangelium in die Mitte der Nation zu bringen!" So lautet das in dem Jargon eines getauften Juden, der in der Zeitschrift für die Mission der Kirche an Israel „Saat auf Hoffnung" seinen Meschummed- Schmerzen Luft macht und dabei recht viel Confuses und Ergötzliches ausvlaudert. Daß dieses Organ des evangelisch-lutherischen Eentralvereins für Mission unter Israel üch sehr angelegentlich mit dem Zionismus beschäftigt, lvird nach alledem keiner auffallend finden. Ter oben citirte Satz ist dem ersten Heft des 37. Jahrganges der genannten Zeitschrift entnommen. In einer Serie von Briefen, die Pastor A. Wiegand druckfähig zugestutzt bat, werden die Mängel der allgemein üblichen Praxis der Judenmission beleuchtet. Daran knüpft sich die Forderung, „eine Möglichkeit zu schaffen, daß christlicher Glaube und jüdisches Volksthum sich nicht aussckließen. Diese Möglichkeit liegt allein in einer nationaljüdischen Gemeinschaft oder Gemeinde christgläubiger Juden, in einer Z i o n s k i r ch e, in einer judenchristlichen Kirche oder christlichen Synagoge - oder wie man es sonst nennen will." Dieses Eitat folgt hier nur zur Erklärung des Sinnes, in welchem die Zionskirche in der Ueberschrift dieser Zeilen zu nehmen ist. Die Art und Weise, wie sich die Luftschlöffer in den Träumen eines abtrünnigen Juden gestalten, interefsirt uns hier nicht. Es gibt auch noch außer dem Judenthum und Christenthum viele Gegensätze in der Welt. Wenn man zwischen Ja und Nein, zwischen Sein und Schein den Gegensatz glücklich fortescomotirt hat, wenn man erst das Taschenspieler zu Wege gebracht haben wird, von einem bejahenden Nein und von einem verneinenden Ja zu sprechen, dann wird auch die Zeit für dieses Judenchristenthum mit seiner judenchristlichen Kirche oder seiner christlichen Synagoge gekommen sein. Aber die lutherischen Katholiken und die katholischen Lutheraner muffen erst mit gutem Beispiel vorangehen. Auf dem Wege dahin werden sich im politischen Leben fortschrittliche Conservative und royalistische Anarchisten einträchtig die Hände reichen, freihändlerische Schutzzöllner, gescheidte Dummköpfe, arme Reiche, und gesunde Kranke schließen den Zug, der in die herrlichen Gefilde zieht, in ivelchem Wolf und Schaf die Rollen gewechselt haben und Löwe und Rind sich an dem Stroh gütlich thun, das hier in so munificenter Weise producirt wird. Ilns intereffiren heute an der Zionskirche nur die Zionisten. Diese werden hier (Seite 23) als Beweis dafür angeführt, daß die Synagoge und der Talmud nicht mehr das jüdisch-nationale Charakteristikum bilden. Das ist ein köstliches Quiproquo. Wenn sich die Zionisten nicht mehr um Synagoge und Talmud kümmern, so fehlt ihnen eben das jüdische Charakteristikon. Daß aber durch das Vorhandensein unserer Zionisten das jüdische Charakteristikum aufgehört habe, das ist eine Nutzanwendung des Zionismus, die einem selbst im Munde eines Apostaten ein Lächeln abnöthigk. Doch rvie gesagt, diese lyrischen Sprünge intereffireu uns hier nicht. Wer über das jüdische wiffenschaftliche Kaliber des Herrn, von dem diese Leistung ausgeht, noch im Zweifel ist, dem fügen wir nur noch die eine Notiz bei, daß derselbe: „mit Andacht beten" durch die hebräische Uebertragung wiedergibt mit: kawune dawenen! Biel instruktiver für die Naturgeschichte der Zionisten ist ein Aufsatz in demselben Hefte: „Zionisten und Judenchristen," von dem Herausgeber P. L. Anacker. Wir entnehmen demselben folgende Stelle: „In Heft 2 des vorigen Jahrganges unserer Zeitschrift hatte ich in meinem Reisebericht erzählt, daß einige rumänische Judenchristen bei der Leitung des Zionismus haben ansragen lassen, wie sich dieselbe zu den Judcnchristen stellen würde. Die Leitung habe da geantwortet, sie kümmere sich um den Glauben des Einzelnen nicht. Das Wiener „Jüdische Volksblatt" gibt diese Mittheilung wieder und fügt hinzu: „Uns erscheint