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Der Israelit · 1900-08-16 · Heft 66 (16.8.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 66 (16.8.1900)
Date
1900-08-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1347 sich als den Entrüsteten aufspielte. Er sagte deßwegen kurz und in halb verweisendem Tone: „Lieber Alfred, lasse dem Herrn das Vergnügen!" Und rasch sich zu dem an seiner Seite sitzenden Herrn IWeoer wendend, der sich als Gourinand nicht im Essen stören ließ, fragte er aufmunternd: „Na, Herr Meyer, was gibt es Neues in der K'Hille?" „Neues?" erwiederte der Gefragte und wischte sich mit der Serviette den Mund, als wolle er sagen, daß seine Zeit jetzt gekommen sei, „was sott es Neues geben?" Das war nämlich seine stetige Antwort auf jene Frage, selbst dann, wenn er vor Eifer förmlich kochte, um eine funkelnagelneue Sache zum Besten zu geben. „Was sott's Neues geben?" wiederholte er, halb kauend, halb schluckend; mau sah ihm deutlich an, rvie er nachdachte. „Wissen Sie schon?" platzte er dann mit einem Male los — eine Kunstpause — die Aufmerksamkeit Atter war auf Herrn Meyer gerichtet; er aber fuhr, nur zu Herrn Fromann gewendet, eifrig fort: „Wissen Sie schon, was in der neuen Synagoge vorgeht? Na, daß vor Kurzem Fräulein Klein von der Oper zum ersten Male in dem Freitag-Abend-Schlußgesang Jehischolaum eine Solostelle vortrug, ist ja allbekannt!" „Keine Ahnung habe ich davon!" replizierte unser Gastgeber ironisch. „Nun, dann wissen Sie's jetzt!" erwiederte Meyer in steigendem Eifer, „Sie dürfen es mir nachsagen! Ja, das ist aber noch nicht Alles! Das Schönste kommt noch! Man hat nämlich inzwischen beschlossen, solche Soli von jetzt an öfters in den Gottesdienst einzufügen. Zum Beispiel studiert man auf Peßach jetzt schon die große Arie aus Mendelssohn's Elias ein: „Höre Israel. höre des Herrn Stimme" — Herr Meyer trällerte die Melodie — und für Jomkippur soll Herr Karlstadt aus dem gleichen Oratorium die Arie „Zerreißet eure Herzen und nicht eure Kleider" vortragen. Sie dürfen es mir nachsagen," bekräftigte Herr Meyer, „der Chordirigent der neuen Svnagoge hat mir's selbst gesagt, gestern Abend erst!" „Alles natürlich mit Orgelbegleitung?" fragte Herr Darmstädter. „Na, das ist doch selbstredend," entrüstete sich Herr Meyer, „ohne Orgel geht'« doch nicht!" Mit wachsender Spannung war ich dem Berichte Meyer's gefolgt, nicht aus Interesse an der Sache selbst, denn zum Theil wußte ich ja bereits davon durch Berthold Spier, aber in der gewissen Erwartung, daß die Frage, deren Zweifel mich so lange beschäftigt hatten, und iUer die ich heute etwas Entscheidendes zu hören hoffte, nun ohne mein Zuthun auf's Tapet kann Ich vergaß in diesem Augenblick völlig, daß neben mir Herr Darmstädter seine hübsche Cousine durch allerlei Tän-! deleien ergötzte, und konzentrirte meine ganze Aufmerksamkeit auf meinen mir gegenübersitzenden Chef und Gastgeber. Herr Fromann hatte bis jetzt geschwiegen. Erst auf Meyer's entrüsteten Ausruf, daß es doch ohne Orgel nicht gehe, fragte er ruhig und trocken: „Warum nicht?" „Aber Herr Fromann, bester Herr Fromann," ereiferte sich Meyer, „solche Arie ohne Begleitung — das ist doch einfach ein Unding — die Orgel, die bringt ja erst die Harmonie zu der Melodie — sie gehört so nothwendig dazu, wie das Knochengerüst zum Körper des Menschen, sie gibt dem Ganzen erst Halt und Festigkeit." Sie sehen, der Allerweltsmeyer hatte auch ein bischen Musik genascht. „Ach so!" lautete Herrn Fromann's ganze Antwort auf Meyer's ästhetische Darlegung. „Na ja, allerdings," fuhr Meyer fort, „was kümmert Sie, Herr Fromann, die Orgel in der Synagoge?! Ich!veiß ja! Aber wissen Sie, man spricht nur so davon!" Da fragte Herr Darmstädter: „Wie meinen Sie das, Herr Meyer?" „Nun," lautete die Antwort, „Sie als leiblicher Neffe kennen doch wohl die religiösen Anschauungen Ihres Herrn Oheim?!" „Und was hat die Orgel mit religiösen Anschauungen zu thun? Du wirst doch zugeben, lieber Onkel," fuhr er zu Herrn Fromann gewendet, fort, „daß die Orgel ganz bedeutend zur Förderung und Erhöhung der Andacht beiträgt. Und solche Soli, wie man sie hier einführen will, die finde ich herrlich. Bei uns in Amerika hat man das längst! Ich sage Dir, das Herz geht einem auf. wenn diese Einzelstimme mit berückendem Wohllaut zu uns herniedertönt!" „Na ja," fiel ihm Meyer in's Wort, „das ist ja Alles recht schön! Gewiß. Herr Darmstädter! Sie haben vollkommen recht! Musik erfreut des Menschen Herzen und erhebt des Menschen Gemüth. Ein Stück Musik haben wir ja alle in unserem Gottesdienste, selbst die Allerfrömmsten unter uns: denn alle singen beim Gottesdienste, alle, von den Chassidim an bis zu den äußersten Reformern, die den Sabbat auf den Sonntag verlegen und ohne Kopfbedeckung beten! Gesungen wird überall, wo man öffentlich betet; — aber der Unterschied ist der: Bei den Frommen ist der Gesang der Träger der Andacht, er wächst von selbst aus dem Gebete heraus und fördert und steigert die Empfindung des Betenden; bei den Neuen jedoch ist der Gesang etwas rein Aeußerliches, Künstliches, und darum stets auch etwas Unnatürliches, dem Gottesdienste innerlich Fremdes!" „Bravo, Herr Meyer!" pflichtete jetzt mein Chef mit ernster Miene bei. „das haben Sie fein gemacht! Sieh mal an, das hätt' ich wahrhaftig nicht hinter

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