Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-08-16 · Heft 66 (16.8.1900) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 66 (16.8.1900)
Date
1900-08-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449111--51341-2501848
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1342 meinte. Abaji's Scharfsinn fand einen Ausweg. Da eine Ueberlieferung lehrte, daß man Waisen leinen Beitrag für Wohlthätigkeitszwecke auferlegen solle — selbst nicht für Auslösung von Gefangenen — so müsse die Gefangenenauslösung für eine große Liebesthat gehalten worden sein und er rieth, das Geld für diesen Zweck zu verwenden. Die hingebende Verehrung gegen Rab Joseph, dessen kenntnißreiche Lehren er gern ausdeutete, that übrigens der Selbstständigkeit seiner Forschung, der autochtonen Freiheit seines Denkens keinen Abbruch. Nicht selten finden wir ihn im bewußten Gegensatz zu seinem geliebten Meister. Selbst in grundlegenden Fragen gehen ihre Ansichten weit auseinander. Als einmal im Lehrhause der merkwürdige Vorfall berichtet wurde, daß ein Mann nach dem Tode seiner Gattin, die ihm einen Säugling hinterlassen hatte, diesen durch ein Wunder — er war zu arm, sich eine Amme zu miethen — selber habe säugen können, rief R. Joseph aus: «L nw e: nBWtr >m öi« fc-H nöö nxi: „Komm' und sieh', wie groß ist dieser Mensch, dem ein solches Wunder geschehen ist." Abaji hingegen bemerkte: ns-nx rwc wo 'mc ’b umwB'fiT ö”x vn; ncn „Umgekehrt, wie gering ist jener Mensch, daß seinetwegen die Ordnung des Schöpfungswerkes verändert werden mußte." Abaji sieht in dem regelmäßigen gesetzvollen Walten der Naturkräfte ein fortdauerndes, ständig wirkendes Wunder. In den frühen Zeiten, da der Menschengeist noch des Elementarunterrichtes seines himmlischen Erziehers bedurfte, da muß es der göttlich« Lehrmeister in der Bilderfibel seiner Wunder lesen, da waren es die cd: die großen Ausrufungszeichen, die die Herzen auf Gott Hinweisen sollten, und durch die Durchbrechung des regelmäßigen Naturlaufes durch die scheinbare Aufhebung der gewohnten Ordnung mußte der Glaube an den Ordner und Lenker des Weltalls den Geistern eingepflanzt werden. Jetzt, nachdem diese Erziehungsphase der Menschheit durchlaufen sei, müsse ein Jeder — meint Abaji — Gottes wundervolles Wirken und Walten auch im ordnungsreichen Gang der Erscheinungen erkennen und anerkennen. Wenn erst eine Veränderung der Naturgesetze 'aa ’nyo an die stets nahe Leitung des Allgegenwärtigen zu erinnern vermag, der ist noch yn: an« ein religiös niedrigstehender Mensch. Ueber den äußeren Lebensgang Abajis sind wir nur dürftig unterrichtet. Er war aus priesterlichem Geschlecht, in seiner Familie lebte die Ueberlieferung, daß Eli der Ahnherr seines Hauses war. Seine äußeren Verhältnisse waren dürftig, beinahe ärmlich. Der kränkliche Mann, der oft so schwach war, daß er in der Synagoge nicht den Priestersegen verrichten konnte, sah niemals Wein auf seiner Tafel. Seine Armuth trug er freudig; denn seine Ueberzeugung war xbx *jy px ny-iö „es ist nur arm, wer wissensleer ist." Von milder, versöhnlicher Gesinnung, thcilt er gerne und freudig von seiner geringen Habe, und als er später durch die Heirath einer begüterten Frau Vermögen er-- hielt, verwandte er dies lediglich zu wohlthätigen Zwecken. Seine Güte gewann ihm aller Herzen. Selbst die Heiden verehrten ihn. Als einst sein Esel sich verlief, gaben sie ihm diesen, ohne daß er Zeichen angegeben hatte, auf seine Erklärung, daß es sein Thier sei, zurück und sagten: „Wärst Du nicht Nachmani, wir gäben auch auf Deine Zeichen nichts." Seine Rechtlichkeit wird viel gerühmt. Wenn er von zwei Leuten, die gemeinsam Fleischhandel betrieben, Fleisch gekauft hatte, dann achtete er darauf, ihnen auch gemeinschaftlich den Erlös zu zahlen, damit keiner den anderen hintergehen könne. Dies war der Mann, der nach dem Tode Rab Josephs an die Spitze Pumbeditas trat. Rab Sera und Rab Matna wählten ihn zum Oberhaupte, nachdem er glänzende Proben seiner wissenschaftlichen Bedeutung abgelegt hatte. Sein etwas jüngerer Zeitgenosse, der geistvolle Raba, huldigte ihm nach der Ernennung mit den Worten: „Nachmani, beginne Deinen Lehrvortrag, denn der Himmel hat Dir das Ehrenamt des Schuloberhauptes verliehen." Das Motiv seines edlen Wirkens in Schule und Leben gibb seine Schriftdeutung an "p* bv anxno wv rtp nanx „Du sollst Gott lieben, heißt so leben, daß Gott durch dich geliebt wird." Seine edle Gesinnung, seine Freundlichkeit und Friedensliebe leuchtet aus seinen Worten hervor p',vzv naa cy H'vx anix in „Sei freundlich selbst zu dem Heiden auf der Gasse," predigte er. Wissen ist ihm Vorbedingung wahrer Frömmigkeit nxi'2 öny nnx x.t> öbiyb „Immer sei der Mensch klug in der Gottesfurcht." Er selbst schätzte auch weltliches Wissen und hatte nicht geringe Kenntnisse auf dem Gebiete der Heil- und Sternkunde. Auch in der Gotteslehre, in der religiösen Ueberlieferung, suchte er für alle Gesetzesbestimmungen eine einleuchtende Begründung zu finden. Gelang ihm die Auffindung einer logischen Begründung nicht, so erklärte er x:iv: xne: xjy-1 uh xiao „ ich habe diese Satzung als Tradition erhalten, vermag aber ihren Grund nicht aufzufinden." Gegen den Aberglauben der Zeit und das Unwesen der Traumdeuterei fand sein heller Verstand wirksame Rügeworte der Ironie und des Witzes. Daher warnte er vor Nachahmung heidnischer Sitten, durch die viel astrologischer und anderer Wahnwitz in die jüdischen Volkskreise drang. Nur bei wissenschaftlich erprobten Heilmitteln ging nach seiner Meinung das Verbot, heidnischer Weise nachzuahmen, nicht an. Von seinen Schülern verlangte er Aufrichtigkeit, Uebereinstimmung von Gesinnung und That :iaa «in Er empfiehlt ihnen neben dem Studium ein Gewerbe oder Ackerbau zu betreiben und weist auf R. Jsmael als Vorbild hin, der Studium und Gewerbe mit gutem Erfolge harmonisch vereinte und warnt vor der Nachahmung des einsiedlerischen und weltfremden Rabbi Simon b. Jochai. Sein offener Sinn für Welt und Volk zeigt sich vielfach. Von ihm stammt ein später viel angewandtes Wort nripw

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.