Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 65 (13.8.1900)
- Date
- 1900-08-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449110--51331-2501837- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
4L Jahrgang. Leitenv er Artikel Der vierte Monisten Kongreß. London, Sonntag Früh 2 Uhr. t Bereits am Donnerstag vor der Congreßwoche hatte sich eine große Anzahl von Delegierten ans aller Herren Länder in London versammelt. Die Ankömmlinge erschienen in Folge der Widerwärtigkeiten, die ihnen die stürmische See verursachte, sehr ermiidet und waren zu bedauern, >vie sie bei strömendem Regen, ohne die Landessprache zu kennen, quer durch die Weltstadt eilten, um eine Wohnung, ein Restaurant etc. zu finden. Bedauernswerther aber waren die armen, gutmiithigen, ortskundigen Leute, die sich ihren Gesinnungsgenossen als Wegweiser widineten und dein einen oder dem anderen als Ciceronen durch die Museen dienen mußten. Der gesammte zionistische Berkehr tonzentrirt sich um die Oueen'S Hall, einem riesigen Rundbau, dessen Räume gewöhnlich als Konzertlvtale benutzt werden und jetzt von den Zionisten für den Kongreß gemiethet wurden. In den Gängen des Hauses, in dem viele Bureaus sich befinden und auch ein Postamt aufgeschlagen ist, liest man bereits Ankündigungen von Meetings der einzelnen Landsmannschaften. Unter den Wandanschlägen befand sich auch eine Einladung zum Sabbatgottesdienste in der New Synagogue. Dieser Aufforderung folgte man gern, so daß das festlich erleuchtete Gotteshaus am Freitag Abend von Zionisten ziemlich erfüllt tvar. Am Sabbatmorgen vertheilten sich die Delegierten lvegen der großen Entfernungen in verschiedenen Bet hä usern. Am Samstag Abend versammelte man sich in der ungeheuer umfangreichen Assembly-Hall, wo die englischen Zionisten ihren auswärtigen Gesinnungsgenossen einen feierlichen Empfang bereiteten. Schon von Uhr ab strömte die Menschenmenge, Männer, Weiber und Kinder, von Aldgate her nach dem Osten zu. Wenn schon an einem gewöhnlichen Sabbatnachmittag die High Street Whitechapel, die gewöhnliche Promenade der ausländischen Juden, eine außerordentliche Lebhaftigkeit zeigt, tvar es gestern nur mit der größten Dchwicrigkcit möglich, fortzutommen. lim dl llhr war die Halle bereits Vollgefühl von denen, die zu Fuß hiugelvandert waren. und nur wenige Stehplätze vlicben siir Diejenigen übrig, die den Sabbatausgang avwarteten, um die Omanbusse benutzen zu tonnen. Fusgesammt lvaren über öonn Personen anwesend. Die Asscmbly Hall gehört, nebenbei gesagt, dem bcdes „Israelit". kannten Brauerei-Besitzer Carrington, der indessen selbst Temperenzler ist und den größten Theil des Reinertrages seiner Brauerei für die Temperenzler-Propaganda verwendet. Dann hat er auch stets freundliches Entgegenkommen unseren Glaubensgenossen im East- End gezeigt. Seit einigen Jahren wird hier an den hohen Feiertagen ein Gottesdienst für die Massen gehalten. Es tvar also nichts Ungewöhnliches, auch diesmal einen Ehasan, Rev. Perlzweig, auf der hohen Tribüne das Maariw-Gebet in höchst würdevoller Weise verrichten zu sehen. Rach der Habdalah gesellten sich zu dem Cor, der bisher nur aus männlichen Mitgliedern des Joung Zion Institute bestand, noch die weiblichen Mitglieder, die mit vereinten Stimmen die ankommenden Ehrengäste, Tr. Herz!, Dr. Nordau, Professor Mandelstamm, Herrn und Frau Professor Gottheil, Herrn Wolfsohn mit einem Boruch habo begrüßten.*) Außer diesen gruppirten sich um den Vorsitzenden der Versammlung der Chacham Dr. Gaster, Israel Zangwill, der Ghettoträumer, wie er sich selbst nennt, die Organisatoren des Kongresses, Sir Francis Montefiore, Mr. Greenberg, I. de Haas, Cowen u. a. Nachdem sich der Enthusiasmus der Versammlung cinigerinaßen ausgetvbt hatte, wurde den Anwesenden der Zweck des Abends, eine Beglückwünschungsadresse an die Delegierten, vorgelegt. Zangwill hielt die erste Ansprache, um der englischen Sitte gemäß die Resolution zu unterstützen. Unglücklicherweise wurden seine äußerst witzigen Bemerkungen weder von der Versammlung, noch anscheinend von Dr. Herz! und Dr. A. Marmore! (vom Pasteur- Institut in Paris), die in der Folge in ihren Reden darauf zurückkamen, richtig verstanden. Andere Reden, die alle mit großem Beifalle ausgenommen wurden, hielten Dr. Gaster, Mar Nordau, Frau Prof. Gottheil, letztere im Namen der amerikanischen Frauen, ferner Clarence de Solta aus Canada, „wo es überhaupt nur Zionisten gibt, weil sie alle aufrichtige Juden sind.." Dr. Herzl selbst, der sehr leidend aussah und in der Tbat seit seiner Ankunft im Longham-Hotel bettlägerig lvar, richtete nur einige wenige Worte an die Versammlung, indem er wahrscheinlich alle seine Kräfte für den Kongreß aufsparen will. Nach dein Absingen der englischen Nationalhymne begaben sich die Delegierten unter der Führung der englischen Zionisten nach der etwa 10 Minuten entfernten King'S-Hall, >vo eine gemüthliche Soiree vorbereitet tvar. Auch jetzt noch, da nur diese Zeilen schreiben, sind die Delegierten fröhlich beisammen. Heute Nachmittag treffen wir uns lvieder bei einem Gartenfeste im Royal Botani's-Garden. Das Wetter hat sich günstig geändert und verspricht anzuhalten. I i