Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 65 (13.8.1900)
- Date
- 1900-08-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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133] Lüge in den Sabbat eingetreten war und erschreckend sagte ich mir: Er hat ja gar nicht gebetet! Meine Gedanken verwirrten sich — ich wurde von Müdigkeit übermannt — immer wieder zog es mir durch das Gehirn: Er hat gelogen-er hat nicht gebetet-■ Ich schlief ein. 6. Aufklärungen. Mehrere Wochen später, etwa um die Peßachzeit, war ich an einem Sabbat Mittag bei meinem Chef zu Tisch geladen. Es geschah dies keineswegs zum ersten Male; auch früher schon hatte mich Herr Fromann zuweilen zu sich gebeten, und ich muß sagen: es waren für mich geradezu festliche Stunden, die ich in der Häuslichkeit dieses prachtvollen Mannes verlebte. Er war da ein völlig anderer als im Geschäft; dort ernst und streng, wenn auch voll edler Milde — hier von einer bezaubernden Herzlichkeit, die einen Jeden unwiderstehlich fortriß. Wie liebevoll verstand er mit Einem zu plaudern! Ich hatte stets den Eindruck, als ob ihm alle ineine Angelegenheiten wie die seines eigenen Kindes am Herzen lägen; mit einem erstaunlichen Feingefühl begabt, fand er sofort heraus, was den Menschen, mit dem er sich unterhielt, interessierte; wer mit ihm sprach, der hatte die Empfindung, im Innersten angeregt zu sein, denn der freundliche Mann, mit dem hellen, liebreichen Blick, schaute Jedem bis in den Grund der Seele hinein und holte unmerklich und doch sicher dasjenige aus ihr herauf, was sie ausfüllte. Darum wurde man in seiner Itmgebung keinen Moment den Eindruck los, daß man sich vorzüglich unterhalte und wunderte sich nun, wie schnell im Gespräche mit ihm die Zeit zu enteilen schien. Dabei war Herr Fromann eine wohlunterrichtete Persönlichkeit. Politische und religiöse Fragen, kaufmännische und auch wissenschaftliche Dinge beherrschte er mit seiner gereisten Erfahrung und seinem gesunden Urtheil. Sein Math in schwierigen Verhältnissen traf stets das Richtige und führte sicher zum gewünschten Ziele, und er war von liebevoller Bereitwilligkeit, einem Jeden, der ilm um seinen Rath anging, zur Seite zu stehen. So kannte ich den Mann, dem meine kaufmännische Ausbildung anvertraut war. Man wird daher auch begreifen, daß ich längst wußte, an tvelche Stelle ich mich zu wenden hätte, wenn ich je einmal in eine zweifelhafte Lage kommen sollte. Bon dem reinen Bilde dieses Mannes würde mir stets klärendes Licht und richtunggebende Weisung zu Theil werden: dessen war ich sicher. In dieser Zeit nun war ich zum ersten Male in einer Berfaffung, die mich mit aller Macht vor das Urtheil des Herrn Fromann hindrängte. Die Gedanken jener Freitag - Nacht wichen nicht mehr aus meinem Gehirn. Je mehr ich über das, was ich von Berthold gehört hatte, nachdachte,desto tiefer kam es mir zu Bewußtsein, daß zwischen den beiden Arten von Gottesdiensten, demjenigen, den ich gewohnt war, und dem der neuen Synagoge, ein himmelweiter Unterschied sei. Dennoch schien es mir wohl denkbar, daß die musikalische Einkleidung in der That ein Gefühl andächtiger Stimmung Hervorrufen könne. Warum denn nicht? sagte ich mir; warum sollte man sich dieses Hülfsmittels denn nicht bedienen? Hatte nicht Gott selbst die Menschenbrust so geschaffen, daß sie durch sanfte Klänge gerührt und ergriffen zu werden vermag? Und kann es sündhaft sein, diese gottgeschaffene Wirkung thatsächlich im Gotteshause zu benützen? Weßhalb hatte mir denn der Vater schon zu Hause immer mit einer tiefen Entrüstung von der unheiligen Reform der Orgelsynagogen gesprochen? Weßhalb mir die Abneigung gegen diese Neuerung in die Seele gepflanzt, wenn sie doch nichts weiter ist als ein Hilfsunttel, die Andacht zu erhöhen? Dann kam mir wieder der Gedanke, daß Berthold Spier ja gar nicht habe beten können. Die Orgelklänge hatten ihn wohl ergriffen, aber — am Beten hatten sie ihn gehindert! Also wird doch wohl nicht alles in Ordnung sein mit dieser Musik in der Synagoge? So fiel ich von einem Extrem in das andere; es ließ mir keine Ruhe, ich mußte über die Frage, die mich so lebhaft beschäftigte, in's Reine kommen. Gern hätte ich mir wirtlich einmal den Gottesdienst in der neuen Synagoge angehört — blos angehört, nur der Wissenschaft wegen, um die Wirkung zu prüfen, die er auf mich ausüben würde. Aber — der Gedanke an den Vater hielt mich wie mit Zaubermacht von diesem Schritte zurück. Ich wußte, der Vater wolle das nicht; darum schüttelte ich mit Gewalt den Gedanken von mir. wenn er einmal in mir auftauchte. Noch nie lvar ich mit einer solchen Erwartung nach dem großen, prächtigen Hause in der Breitenstraße gegangen, wie an diesem Sabbat. Als ich die teppichbelegte Treppe emporstieg, fühlte ich deutlich, wie mir das Herz pochte. Ich hatte mir vorgenommen, Herrn Fromann meine Zweifel darzulegen, und die Gewißheit, wie nahe mir gründliche Aufklärung bevorstand, regte mich förmlich auf. Herrn Fromann's Wohnräume waren mit einer gediegenen Eleganz ausgestattet. Da war nichts Aufdringliches; alles einfach, praktisch und doch werthvoll. Drei Zimmer, die nach der Straße zu nebeneinanderlagen, standen den Gästen des Hauses bei solchen Einladungen zur Verfügung, von denen das größte und mittlere als Speisezimmer diente. Im Salon versammelte man sich und nach Tisch zog man sich wohl auch einmal in die überaus behagliche Stube des Hausherrn zurück, wenn das Wetter einen sonst auch beliebten kleinen Spaziergang in den wundervollen Garten verbot. — Ich war von früher her gewohnt, mehr Gäste bei Herrn Fromann zu Tisch zu sehen, als heute da waren. Namentlich fehlten mir die sonst nie vermißten Armen; gewiß lag es nicht an Herrn Fromann, daß heute keiner