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Der Israelit · 1900-08-13 · Heft 65 (13.8.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 65 (13.8.1900)
Date
1900-08-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1330 t~2' -,w:' gewahrten Frist blieben Hunderte von jüdischen Familien im Gouvernement Nishnigorod wohnen und zwar auf die Thatsache hin, daß sie schon vor dem 3. April 1880 da gewohnt haben. Jetzt, nach Ablauf von 10 Jahren, kam man wohl gelegentlich der Vorbereitungen zu der Messe in Nishnigorod, im Ministerium des Innern auf die im Gouvernement Nishnigorod halb vergessenen Juden zurück. Man fand nun, daß das Wohnen auf einem Platze seit 1880 die Juden des Ansiedelungrayons vor Ausweisungen aus dem flachen Lande, nicht aber aus dein im Innern Rußlands gelegenen Gouvernement Nishnigorod schützt. Der vom Gouverneur eingeforderte Bericht ergab, daß alle in Frage kommenden Juden bereits über 20 Jahre im Gouvernement wohnen und mit allen Fasern ihrer (Existenz an ihrem Wohnorte haften, eine Thatsache, die das Ministerium des Innern veranlaßte, den Juden eine neue Frist von einem Jahre zu gewähren. (Wie gütig! Red.) Es sind nun Vorkehrungen getroffen worden, am 1.(14.) August 1900 allen Juden eine Ausweisungsordre zum 1. (14.) August 1901 zuzustellen und ihnen zu bedeuten, daß sie unter keinen Umständen auf eine weitere Prolongation zu rechnen haben. Diese Milde gilt, wohlgemerkt, jedoch nur für solche jüdische Familien, die schon vor dem 3. April 1880 in Nishnigorod gewohnt haben. Alle anderen Juden dürfen auf eine solche Nachsicht nicht rechnen. T. Afrika. Algier, im Aug. Die erste Kammer des hiesigen Civilgerichts hat die sehr wichtige Entscheidung gefällt, daß die städtischen Gemeinden von Algier und Mustapha für die Verluste solidarisch haftbar sind, welche den jüdischen Einwohnern durch die Excesse der Antisemiten erwachsen sind. Dieses Urtheil ist von größter Bedeutung, denn nun werden unsere so schwer geschädigten Glaubensgenossen wenigstens einen Ersatz für den unmittelbaren Schaden finden, den ihnen die Hetzer zugefügt haben. Für den enormen Verlust freilich, der ihnen durch den Boykott seitens der verhetzten Bevölkerung zugefügt wird, kann Niemand aufkommen. Feuilleton. Cm Schritt vom Wege. Jüdische Wovelle von Arnold Mann. «1 Jetzt fiel mir's wie Schupen von den Augen. Es war sein schlechtes Gewissen, das ihn so scheu und schweigsam gemacht hatte. Seine Antwort aber ärgerte mich und ich beschloß, nun auch aufzutrumpfen. „Na, na," sagte ich, „weßhalb hast Du denn vorhin drüben gelogen?" „Muß denn Münz gleich Alles wissen? Er hätte mich ja nicht zu fragen brauchen! Dir habe ich ja nun auch die Wahrheit gesagt!" „'s ist gut! Hast Du denn in der neuen Synagoge auch geort?" „Geort? Nein! Ich mußte nur staunen über die prachtvolle Orgel und den wunderschönen Gesang! Jedesmal, tvenn ich anfangen wollte zu oren, begann die Orgel zu spielen, und da mußte ich immer nur horchen, es war zu schön! Und in dem großen Schlußchor, da sang eine Dame Solo — sie soll von der Oper sein, aber eine Jüdin — es war himmlisch!" Berthold's begeisterte Schilderung muthete mich an wie etwas unerhörtes. Ich dachte in meinem Innern, das müsse doch eine merkwürdige Synagoge sein, in der man vor lauter Gesang und Spiel, vor lauter Horchen und Lauschen nicht zum Beten komme! Aber ergreifend mag es vielleicht wirklich gewesen sein, dachte ich mir — und wenn man etwa schon vorher gebetet hat, oder nachher betet, kann man sich's wohl schon mal mit anhören. „Wieso bist Du denn dahin gekommen?" war demgemäß mein nächste Frage. „Unser Commis, der Kramer", lautete Bertholds Antwort, „hat Jahrzeit. Da hat er mich mitgeschleppt. Ich wollte durchaus nicht. Ich sagte zu ihm. Du würdest kommen und auf mich warten. „Ach, Dummheiten", erwiderte er, „gehen Sie doch nicht zu den Orthodoxen! Da ist ja alles ohne Sang und Klang, ein Geprappel und ein Gebrumme, daß einem Hören und Sehen vergeht. Wer kann denn da andächtig sein? Sie waren noch nicht in der neuen Synagoge? Na, da werden Sie was erleben! Das nennt man auch Gottesdienst! Zu Thronen wird man gerührt! Kommen Sie mal mit!" Na — ich ließ mich überreden und ging mit!" „Hast Du lange aus mich gewartet?" setzte er nach einer Pause hinzu. Ich gab ihm gar keine Antlvort auf seine Frage. Mein Inneres war zu erregt. Was mir Berthold da erzählt hatte, gab mir noch mehr zu denken. Der Commis schien mir von seinem Standpunkt aus gar nicht so unrecht zu haben. Mich selbst hatte zwar das „Geprappel und Gebrumme" noch nie gestört. Mein eigenes Gebet hat mich stets zu innig angeregt, um auf Anderes überhaupt zu achten. Die tiefe Andacht, in der ich meinen Vater immer hatte beten sehen, war mir stets ein begeisterndes Vorbild. Aber es schien mir einleuchtend, daß auch ein Gottesdienst, wie der in der neuen Synagoge andächtig stimmen könne. Ich mußte daran denken, daß ja auch im Tempel zu Jerusalem Musik und Gesang den Gottesdienst begleitete! Meine Neugierde war mächtig angeregt. Ich wollte mir's doch gelegentlich auch mal anhören! Was konnte dabei Schlimmes sein? Dann kam mir plötzlich wieder der Gedanke, daß Berthold Spier heute Abend mit einer

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