Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 65 (13.8.1900)
- Date
- 1900-08-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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vr>v •" '7 1326 feiner thätig war. Er hatte sich mit seiner Gemeinde iiberworfen und schied nach mancherlei Conflikten aus derselben. Aus seinen Beziehungen mit der genannten Berliner Religions-Gemeinde erblühte eine Reihe von Streitschriften, die er uns insgesammt unterbreitete, wobei er sich als einen in seinen Rechten verkürzten und verfolgten Menschen hinstellte. Schließlich wurde er aus Berlin ausgewiesen. Nunmehr begannen sich dieses Rabbiners, eines offenbar feeklagenswerthen Menschen, die Antisemiten in ihrer Art zu bemächtigen. Sie fühlten heraus, daß er sich bei seinem geistig erregten Zustande sehr leicht für ihre Zwecke ausnützen lassen werde. Alsbald schenkten die Redaktionen reichsdeutscher antisemitischer Blätter ihm ihre Beachtung, und zwar die „Staatsbürger-Zeitung," welche Heuer den Konitzer „Ritualmord" ersonnen hat, und der „Deutsche General-Anzeiger," welcher ihm Empfehlungen nach Oesterreich gab, darunter an Ernst Vergant. In Prag kam Villinger mit dem bekannten Verfechter des Ritualmordmärchens Canonicus Rohling zusammen, welcher ihm an Canonicus Zschokke, gewesenen Universitäts-Professor und Hofrath, und an Pfarrer Deckerl in Wien Empfehlungen gab. in welchen Rohling ihn als eine in orientalischen Sachen sehr gewandte Arbeitskraft bezeichnet und darauf aufmerksam macht, daß Villinger zur katholischen Kirche überzutreten beabsichtige und daß er der antisemitischen Sache sehr gute Dienste leisten könne. Uns setzte Villinger auseinander, daß er viel mehr als Rohling wisse. Inzwischen solle er Mitarbeiter des Vergani'schen „Deutschen Volksblattes" werden, für welches er schon von Berlin aus zu schreiben pflegte. Außerdem soll er Correspondent der beiden genannten reichsdeutschen antisemitischen Journale werden. Seine Beziehungen zu antisemitischen Blättern lassen sich leicht erklären. Villinger glaubt an den Ritualmord und schützt Beweise für denselben vor. Am 21. Juni veröffentlichte er in dem antisemitischen „Deutschen General-Anzeiger" einen Artikel „Der Talmud und der Ritualmorch" und am 8. Juli einen Artikel „Uebersetzung der jüdischen Geheimschriften." Jetzt soll er offenbar im „Deutschen Volksblatt" Artikel über die Blutbeschuldigung gegen die Juden veröffentlichen. Es ist dies die alte Methode der Anhänger des Ritualmärchens. Sie suchen unter den Judeq Leute, welche in Form von Conflikten mit ihren Glaubensgenossen oder aus anderen Gründen sich zu unmöglichen Auslegungen des Talmud und der jüdischen Tradition gebrauchen lassen." Der „Czas" erinnert sodann an den analogen Fall des Paulus Mayer und bemerkt, es sei gewiß kein Zufall, daß sich die Antisemiten gerade vor dem Polnaer Prozeß Juden, die mit ihren Glaubensgenossen verfeindet sind, für ihre Redactionen beschaffen. Daß Villinger sich gerade in die Redaction des „Czas" verirrte, erklärt sich daraus, daß in dem Hause, wo sich diese Redaction derzeit befindet, bis vor Kurzem die Druckerei und ein Theil der Redaktion der antisemitischen „Radikalni Listy" etablirt waren. Villinger glaubte also in der Redaction eines antisemitischen Blattes zu sein und meinte auch, Dr. Baxa werde eine Freude haben, wenn er von seinen Artikeln hören werde. Dieser Tage fand sich, wie die „Bohemia" mittheilt, Herr Villinger auch in der Redaction dieses Blattes ein, wo er sich jedoch nicht als Antisemit geriete, sondern lediglich über die preußische Verwaltung Beschwerde führte. Er sei, weil er ohne Bewilligung der Behörde als Rabbiner fungirte, angeklagt worden, habe jedoch die Verhandlung nicht abgewartet und sei durch freiwillige Abreise der Ausweisung zuvorgekommen. Er erging sich in lebhaften Ausfällen gegen die preußischen Behörden, die ihn als Oesterreicher persecutirt hätten, und legte auch der „Bohemia" zahlreiche Schriften und Abzüge vor, allerdings nicht alle diejenigen. die er in der Redaction des „Czas" gezeigt hatte. So unterließ er es beispielsweise, jenes Schriftstück bekannt zu geben, welches seine Beziehungen zu den antisemitischen Führern Rohling und Vergani betrifft. Zur Erläuterung seiner Conflicte mit der jüdischen Wohlthätigkeits-Gemeinde in Berlin wies er mehrere Nummern der „Staatsbürger-Zeitung" vor, und auf die Einwendung, daß dies ja ein antisemitisches Blatt sei, erwiederte er rasch gefaßt: „Ja, selbst die antisemitischen Blätter haben sich meiner Sache angenommen." Nachdem Herrn Tillinger etwas so Menschliches passirt ist, werden unsere Antisemiten um einen Zeugen ärmer und wir um einen Schuft reicher sein. Daß es sich nach dieser Blamage nicht mehr verlohnt, katholisch zu werden, wird vielleicht selbst Herr Tillinger einsehen. Kein Taufwasser ist stark genug, ihn von dieser begangenen Dummheit rein zu waschen. Vollständig von ihren Rockschößen abschütteln werden sie ihn wohl nicht. Auf Grund ihrer inneren Wahlverwandtschaft mit diesem Kumpan würden sie sonst nicht ohne Grund fürchten müssen, daß er unliebsame Mittheilungen über die Höhe des empfangenen Handgeldes und sonst manches Unliebsame ausplaudern kann. Aber wenn sie ihn auch nicht als Zeugen gebrauchen können, so wird er ihnen doch als theologischer Geheimrath sich nützlich machen können. Aber jedenfalls wird es rathsam sein, daß die Brodherren des Herrn Tillinger ihrem Söldling einen kundigen Cicerone mitgeben, falls er seine Besuche bei den Redactionen verschiedener Zeitungen fortzusetzen gedenkt. Noch besser ist vielleicht ein Mundkorb, damit er kein unliebsames Zeugniß gegen diejenigen ablegt, die ihn ausgesandt haben. Wir aber schließen diese Betrachtung mit den Worten des 92. Psalms: „Du verbleibst (ohne un-