Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 65 (13.8.1900)
- Date
- 1900-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von »r. ft^mattu in M«tnz Montag, den 1». August 5660(1900). Leitender Artikel. •vniifr kn (ioiiliil'fii iif[ $(iitliipir. Wien, 9. August. Falls Jemand die alte köstliche Geschichte jenes Schreibkünstlers noch nicht kennen sollte, der durch einen antiripando verübten Tintenklecks die Virtuosität bekundete, schon vor Beginn seines Schreibens einen Fehler 311 machen, so verweisen wir ihn auf die neueste Auflage, welche diese Dummheit in diesem Augenblicke bei unseren lieben Antisemiten erlebt. Die Wiederaufnahme des Polnaer Prozesses steht bevor und sie brauchen neue Blutzeugen für ihre Blutlüge. Die alten ziehen nicht mehr. Zumal in Oesterreich, wo in der forensischen Welt noch das Fiasko in zu frischein Gedächtniß ist, das der Meineid-Professor Rohling mit seinem Angebote verschiedener Meineide zur Plausibelmachung des jüdischen Blutmärchens erlebt hat. In den fünfzehn Jahren, die seitdem verflossen sind, ist die Frage so vollkoinmen geklärt worden, daß sie für keinen höheren österreichischen Gerichtshof mehr diesen Namen verdient. Aber auch jeder nur des Lesens kundige Nichtjurist kann sich heute über die Verlogenheit, Fälschung und Niedertracht jeder Art selber sein Urtheil bilden, deren Summe die Verdächtigung eines jüdischen Ritualmordes ausmacht, wenn er die Akten des Prozesses Rohling-Bloch durchlieft. Es ist das Verdienst des Abgeordneten Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Joseph K 0 pp , die Akten dieses Prozesses zum Gegenstand , einer besonderen Schrift gemacht zu haben. (Zur Ju- -denfrage, nach den Akten des Prozesses Rohling-Bloch. Leipzig 1886.) Daß in den Köpfen derer, die nicht alle werden, sich trotzdem noch empfänglicher Nährboden genug für die Giftsaat der Blutlügner findet, soll nicht in Abrede gestellt werden. Für diese bedarf es von Zeit zu Zeit immer wieder neuer Zeugen, besonders jetzt, wo jeder Tag eine Masche mehr in dem Netze von Lug und Trug zerreißt, das die verschlagene List unserer Feinde auswirft. Als besonders wirkungsvoll hat sich in solcher Noth zu allen Zeiten der Kniff erwiesen, charakterlose, abtrünnige, mit dem Judenthum und der Judenheit zerfallene Juden ausfindig zu machen, die gegen ihre eigene Brüder zeugen und auf ihre Mutter selber Steine iverfen. Da sich meistens die niederen Motive, aus welchen solche Subjekte handeln, der Oeffentlichkeit entziehen, da ferner die große Masse die unsauberen Machenschaften nicht kennt, die angewandt werden, um solches Gesindel zu gewinnen, so machen Zeugenaussagen dieser Art, von Juden gegen Juden, auf den großen Troß für den ersten Augenblick einen gewissen Eindruck, wenigstens so lange, bis der dürftig verhüllte, moralische Defekt an die Oeffentlichkeit gelangt, der allen diesen Charakterlosen eigenthiimlich ist. Wäre man in der Lage, einen Blick hinter die Coulissen zu werfen und dort Nachfrage und Angebot falscher Zeugen mit eigenen Augen zu sehen, so könnte die plumpe Täuschung auch nicht einen Augenblick Vorhalten, sie wäre der Lächerlichkeit verfallen, bevor sic nur ihr unsauberes Metier beginnt. Einen solchen Blick eröffnet eine köstliche Mittheilung der böhmischen Zeitung „Czas" aus Prag, die wir nach einem Telegramm der hiesigen „Neuen Freien Presse" vom 5. ''August hier wörtlich folgen taffen. „Wie die Antisemiten im Geheimen arbeiten, um ein effektvolles Material, durch welches sie für das Ritualmärchen im Volke Stimmung machen könnten, vorzubereiten, dafür zeugt ein Quiproguo, welches sich am 8. August in unserer Redartion abspielte. Es besuchte uns, offenbar in Folge eines Jrrthums, der Rabbiner Jehuda Villinger *) aus Zablotow in Galizien, welcher in der Wohlthätigkeits-Gemeinde zu Berlin als Rab- *) Der richtige Name ist Dillinqer, wie er in einer späteren Nummer des genannten Blattes richtig gestellt wird. Anmerkung des Eorrespondenten