Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 64 (9.8.1900)
- Date
- 1900-08-09
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449109--51306-2501811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
41/Jahrgang._ Zweite Aeikage zu Jfi 64 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. stachen, 6. Aug. Von dem Vorsitzenden des hiesigen Unterstütznngs-Comitees sür die osteuropäischen Inden erhalten wir folgende Zuschrift: „Als vor einiger Zeit ein dringender Aufruf der „Allianee isr. univers." in Paris, die Nothlage osteuropäischer Glaubensgenossen betreffend, an deutsche Synagogengemeinden erging, reagirten Vorstand und Repräsentanten-Versammlung der hiesigen Synagogen- Gemeinde sofort hierauf, indem die Mitglieder beider Körperschaften sich unter Zuziehung des Herrn Rabbiners als Unterstützungs-Komitee konstituirten. Der Erfolg war insofern ein recht günstiger, als die in Umlauf gesetzten Sammellisten schon nach wenigen Tagen ein Ergebnis) von über 3000 Mk. zeigten, welche sofort nach Paris gesandt wurden, und jetzt, gegen Schluß der Sammlungen, mehr als die gleiche Summe wieder einging. Leider ist, tute aus guter Quelle bekannt, nicht in allen Gemeinden so verfahren worden; vielmehr ist in den ineisten in Rheinland und Westfalen noch nichts geschehen. In anderen Provinzen dürfte es sich ähnlich verhalten. Angesichts der traurig großen Summe von Elend dürfte es sich empfehlen, daß den deutschen Glaubensgenossen die dringende Pflicht, sich der Rothleidenden kräftig anzunehmen, vor die Seele geführt lverde. Würden in Deutschland allgemein, wie hier geschehen, ca. drei Mark pro Kopf (die Zahl der jüdischen Einwohner Aachens ist etwa 2000) auch nur annähernd aufgebracht, so wäre damit einer beträchtlichen Anzahl der schwer Heimgesuchten zu helfen. Erfahrungsmäßig aber muß das in Betracht kommende Publikum aufgerüttelt werden, ehe es sich zur Leistung von Beisteuern ermannt. Daß dies geschehen möge, das soll der Zweck der gegenwärtigen Zeilen sein. Ein kurzer kerniger Aufruf muß, bevor die Leute durch die Eomiteemitglieder persönlich besucht werden, verschickt tverden. Durch Boten ist nur wenig zu erwarten. In Köln regt man sich jetzt auch, von dort sind schon die ersten zehntausend Mark nach Paris gesandt lvorden." (Andere Blätter werden um Abdruck des Vorstehenden gebeten. Red. d. „Israelit.") O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Budapest, 6. Aug. (Die Juden von E r z s e b e t f a l v a.) Hiesige Blätter berichten: Vor einigen Tagen ging durch die Presse die Sensationsmeldung von einem bevorstehenden Massenaustritte aus der israelitischen Kultusgemeinde in Erzsebetfalva. (Auch wir brachten eine kurze Notiz darüber. Red.) Die „große Sensation" reduzirt sich darauf, daß einige jüdische Sozialisten für die Konfessionslosigkeit Propaganda machen. Es wäre wirklich sehr bequem, so mirnichtsdirnichts die Lasten einer Konfession abzuschütteln und seinem Gotte kostenlos zu dienen. Speziell bequem wäre es für die Juden in Erzsebefalva jetzt, wo es sich um die Erbauung eines gotteswürdigen Bethauses handelt. Wir hoffen, daß die Juden von Erzsebetfalva diesen Verhetzungen kein Gehör schenken und ihrer religiösen — und wir betonen es — auch patriotischen Pflicht Genüge leisten werden. Der Aufbau eines neuen Tempels in Erzsebetfalva ist eine gebieterische Rothwendigkeit, denn die Häuser, wo die Juden von Erzsebetfalva gegenwärtig ihren Gott anrufen, sind alles eher, denn Gotteshäuser. Das Gebet des Gläubigen wird zwar auch im Wirthshause erhört, doch eine Gemeinde, wie Erzsebetfalva, ist es sich schuldig, ein würdiges Gotteshaus zu besitzen. In dieser Angelegenheit sandte der Vorsteher der Erzsebetfalvaer israelitischen Kultusgemeinde, Herrn Alexander Graner ein Schreiben, welches wir in deutscher Uebersetzung wortgetreu wiedergeben: Geehrter Herr Redakteur! Ich beehre mich, Sie zu benachrichtigen, daß heute eine aus zehn Mitgliedern bestehende Deputation bei mir vorsprach, die mir eine Petition überreichte, in welcher die Herabsetzung der Kultussteuer auf 2 fl. — dieselbe beträgt gegenwärtig 6 fl. 40 kr. — verlangt wird. Hieraus geht hervor, daß die in den Blättern erschienene Nachricht, wonach 150 Familien ihren Glauben verlassen wollen, jeder Grundlage entbehrt. Sie drohen wohl, aus dem Verbände der Kultusgemeinde austreten zu wollen, doch dokumentiren sie damit nur, daß sie die diesbezüglichen Bestimmungen des Gesetzes nicht kennen, da sie, selbst wenn sie aus dem Verbände der Kultusgemeinde austreten, dennoch, wenn sie in demselben Orte wohnen bleiben, „zur Aufrechterhaltung der Kultusgemeinde die Kultussteuern zu entrichten verpflichtet sind." Ihr Vorgehen kann höchstens diese Folge haben, daß der schon im Bau begriffene Tempel nicht vollendet wird. Uebrigens versprach ich der Deputation, ihre Petition dem Gemeinde-Ausschuß zu unterbreiten, der allein kompetent ist, in dieser Angelegenheit zu entscheiden. Indem ich dies zu Ihrer gefl. Kenntnißnahme bringe, verbleibe ich hochachtungsvoll Erzsebetfalva, 25. Juli 1899. Alexander Grauer, Gemeindevorsteher.