Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 64 (9.8.1900)
- Date
- 1900-08-09
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1318 Rußland. Petersburg. (A ctien - Gesellschaft zur Hilfe für j ü d. H a n d w e r k e r und Arbeiter.) Als vor einiger Zeit die Delegirten des Conseils der jüdischen Colonisationsgesellschast in St. Petersburg weilten, hatten sie, wie der „St. Petersburger Herold" berichtet, eine Unterredung mit dem Minister des Innern, welcher sie auf die unbefriedigende Lage der jüdischen Handwerker und Arbeiter in Rußland aufmerksam machte. Der Minister wünschte, daß die Colonisationsgesellschast sich der Juven annehme, indem sie für dieselben besondere Häuser baue und Land erwürbe. In den Häusern würden die Armen Werkstätten errichten und aus den Grundstücken Obst- und Gemüsegärten anlegen. Die jüdische Colonisationsgesellschast fand die Intentionen des Ministers nützlich und schritt an deren Realisation. Es wurde eine besondere Commission zur Organisation einer Actiengesellschaft, welche die armen jüdischen Handwerker und Arbeiter unterstützen soll, niedergesetzt. Zum Grundkapital wurden für die erste Zeit eine halbe Millon Rubel bestimmt; 90 pCt. dieser Summe zahlt die Colonisationsgesellschast ein und die übrige Summe sollen private Wohlthäter durch Kauf von Aetien, deren eS 1000 zu je 500 Rubel gibt, aufbringen. Das Statut der Actiengesellschaft befindet sich gegenwärtig im Finanzministerium zur Durchsicht. Die Hauptzüge des Projektes sind folgende: Ihre Thätigkeit eröffnet die Act.-Gesellsch. in der Stadt Wilna, wo bereits aus den von der Colonisationsgesellschast vorgestreckten Mitteln zürn Bau von zrvei großen Häusern mit über 290 Quartieren geschritten wurde. Zum Herbst werden die Häuser fertig gebaut und die Quartiere an die örtlichen armen jüdischen Handwerker und Arbeiter unter möglichst günstigen Bedingungen vermiethet. Die Thätigkeit der Actiengesellschaft wird sich auf 26 Gouvernements erstrecken. Es ist beschlossen, in anderen Städten in den Miethshäusern, die gebaut werden, auch noch Tagesasyle zur Aufnahme von Kindern der Arbeiter, ärztliche Ambulanzen, Abendcurse und Vorlesungen zu organisiren. Rumänien. Bukarest, 0. Aug. (Das M i n i st e r i u m Carp und die Antisemiten.) Die Berufung des Ministeriums Carp hat unsere Antisemiten in eine um so größere Aufregung versetzt, je höher die Erwartungen gewesen sind, welche an diesen Regierungswechsel in Bezug auf eine Verbesserung der Lage der rumänischen Israeliten geknüpft werden konnten. Nun hat man zwar in letzter Beziehung insofern über das Ziel hinausgeschossen, als ein Versuch zur radikalen Lösung der rumänischen Judenfrage unter den gegebenen Verhältnissen einfach unmöglich ist, ohne zur Revolte, zu Mord und Todschlag und zum gewaltsamen Sturz jeder Regierung zu führen, welche eine Abänderung der Verfassung im Sinne einer politischen Emanzipation des israelitischen Bevölkerungselements im Lande »vagen wollte. Der neue Ministerpräsident ist aber, unbeschadet seiner humanen Denkungsart, doch viel zu sehr Realpolitiker, als daß er durch ein allzu rasches und voraussichtlich die innere Ruhe des Landes ohne jede Aussicht auf Erfolg gefährdendes radikales Borgehen sich selbst der Möglichkeit berauben wollte, überhaupt etwas zur Verbesserung der Lage der rumänischen Israeliten zu thun. Doch hat schon die Nachricht, daß die neue Regierung die Distriktspräfekturen angewiesen hat, das Freizügigkeitsrecht der Israeliten zu respektiren, und daß sie auch bereits Schritte gethan habe, um durch die Organisirung vom Staate anerkannter und mit dem Rechte der Selbstbesteuernng zu Schulu. Kultuszwecken auSgeftatteter israelitischer Kultusgemeinden der einheimischen Judenschaft eine bessere Pflege ihrer kulturellen Interessen zu ermöglichen, vollständig hingereicht, um den Geheimbund der Antisemitenliga zur Mobilisirung ihrer agitatorischen Kräfte zu veranlassen. Vorläufig wird man sich auf die Veranstaltung von antisemitischen Meetings beschränken, aus welchen gegen jede den Interessen der orthodoxen Landeskirche und des RumänenthumS angeblich zinviderlaufende Begiinstigung des israelitischen Bevölkerungselements protestirt werden soll. Gleichzeitig hatte aber die als Organ der Antisemitenliga berüchtigte „Aparaea nationaler" eine so rüde Sprache der Drohung geführt, daß daraus sehr wohl auf die Absicht terroristischer Ciuschüchterungsversuche geschlossen werden konnte. Glücklicherweise ist aber Earp nicht der Mann, um sich durch solche Crawallmachereien in's Bockshorn jagen zu lassen, sondern er hat vielmehr die Chefs der Verwaltungsbehörden in der Provinz verständigt, daß er sie für jeden Akt der Unterdrückung oder Verfolgung der in ihrem Rayon lebenden Israeliten persönlich veranwortlich mache. Wie es scheint, ist denn auch die von der neuen Regierung au den Tag gelegte Energie nicht ohne Eindruck gewesen. Wenigstens versichert die „Apararea nationala," daß sie den Kampf gegen das Judenthum nicht auf gewaltsamem Wege, sondern auf dem Wege nationaler Arbeit führen wolle. Gleichtoohl ist aber gegen die Antisemitenliga größte Vorsicht am Platze, zumal die Möglichkeit nahe liegt, daß dieselbe sich eines schönen Tages als Werkzeug der parteipolitischen Opposition entpuppt. Amerika. Newttork, 28. Juli. Die Regierung ordnete eine Untersuchung wegen der Masseneinwanderung rumänischer Juden an, indessen werden die Vorbeugungsmaßregeln nur getroffen, insofern die Einwanderung den gegenwärtigen Charakter verliert und Arbeitsunfähige kommen.