Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 64 (9.8.1900)
- Date
- 1900-08-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449109--51299-2501804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1310 dienen deßhalb unsere Bewunderung. In ihrem äußeren Auftreten, in ihren Sitten und Lebensgewohnheiten von den Chinesen kaum zu unterscheiden, sind nur ihre Gesichtszüge und ihre Sprache, ein Jargon von Chinesisch, Persisch und Hebräisch, ihre jüdischen Erkennungszeichen. Von den Chinesen werden sie wie die Mohamedeaner Holi-Holi genannt; sie selbst aber nennen sich Tiao-Kin-Kiao, weil sie dem jüdischen Gesetze gemäß die Venen aus dem Fleische herausziehen. Ihre Synagoge (Li-pai-se), die leider in Verfall gerathen ist, kam dem Modell des früheren Tempels in Jerusalem näher, als andere Synagogen. Dieselbe war 300—400 Fuß lang, 150 breit u. in vier Abtheilungen gesondert. In der ersten östlichen stand, von schattigen Bäumen umgeben, ein Triumphbogen mit der chinesischen Aufschrift Kim-Tien („der Gottheit heilig"). Eine große Flllgelthür mit zwei kleinen öffnete den Eingang in das zweite Gemach; nördlich lagen zwei Zimmer für die Custoden. Ein zweites Flügelthor führte in die dritte Abtheilung. Hier befand sich ebenfalls ein von prächtigen Bäumen umringter Triumphbogen, auf welchem zwei Marmortafeln mit chinesischer Schrift prangten, die theils Begegnisse der Juden in der Provinz und die Zurückführung ihrer Religion auf Adam, Abraham und Moses, theils die Geschichte der Synagoge enthielten. Südlich befand sich ein Zimmer zu Ehren des jüdischen Mandarins Tchao, der das abgebrannte Gotteshaus restauriren ließ. Hier wurde alljährlich für die Seele dieses Tchao eine Gedächtniß feier veranstaltet. Nördlich lag ein ferneres Zimmer zu Ehren eines anderen jiidischen Mandarin, Criminalrichters in Tcheou, erbaut, der das Lippai-se (Gottes haus) errichtete. Ueber diesen Zellen befanden sich Fremden- und Versammlungsräume. Als besonderer Schmuck war vor der Eingangspforte ein steinernes Thierbild angebracht. Im vierten Theile stand eine große eherne Räucherpfanne, zur Seite zwei marmorne Löwen und über diesen westlich zwei eherne Vasen mit Blumen. Hinter der zur Entaderung des Fleisches eingerichteten Küche, welche nördlich lag, befanden sich an der Nord- und Südseite die Ahnensäle, wo alljährlich im Frühling und Herbst eine Todtenfeier abgehalten wurde. In der Mitte erhob sich die eigentliche Gebetstätte, ungefähr 40 Fuß breit, 60 Fuß lang, mit vierfachem Aufsatz, unten von einer Balustrade und einer doppelten viersäuligen Eolonnade umgeben. Auf dem freien Platze vor dem Gotteshause wurde am Laubhüttenfeste ein großes Zelt errichtet. In der Mitte stand ein Katheder mit einem Kuppeldach, an welchem zwei Tafeln angebracht waren. Die eine enthielt in goldenen chinesischen Ehiffern den Namen des Kaisers, die andere in hebräischer Quadratschrift, ebenfalls mit goldenen Lettern,, die Worte: „Höre, Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig. Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches für immer und ewig. Gelobt fei der Ewige, der Gott der Götter und Herr, der groß, mächtig und gewaltig ist." In der Nähe des Katheders stand ein großer Tisch mit einem dreifüßigen Henkelfaß voll immerduftenden Räucherwerks; vor demselben flammten zwei Leuchter mit Fackeln, zwei mit Kerzen, zwei mit Laternen. Neben dem Tisch stand ein Waschbecken. Hinter dem Tische befand sich der „Himmelstempel," hebräisch Beth-el, chinesisch Tieutang genannt, außen geviertet, innen rund, das Allerheiligste darstellend, welches nur der Vorsteher der Synagoge betreten durfte. Auf 13 Tischen standen 13 Gesetzrollen (Ta-Kings) in seidenen Hüllen, 12 entsprechend den ztvölf Stämnien, eine zum Ehrengedächtniß Mosis. Hinter dem Allerheiligsten am äußersten Westende blitzten die Gesetzestafeln mit goldenen hebräischen Buchstaben; zu beiden Seiten standen zwei Schränke voll alterthümlicher Bücher, und vor ihnen je ein Tisch mit einem Kandelaber zwischen zwei Basen. Der Tempel war der Ort gottesdienstlicher Versammlungen und durfte nur barfuß betreten werden. Der ans der Thora Vorlesende trug einen blauen Hut auf dem Haupte und war in einen baumwollenen Talith ge hüllt. Der Rabbi trug als Zeichen seiner Würde eine rothseidene Schärpe, die, von der rechten Schulter aus unter den linken Arm geschlungen, vorn in einen Knoten geschürzt war. Sonst hatten sie in der Synagoge keine besonderen Feierkleider an. Das Gesicht aber richteten sie beim Beten nach Westen, gen Jerusalem. Diese und eine Anzahl anderer Berichte stammen sämmtlich von christlichen Missionären, tvelche für die Ausmerksamkeit, die sie den chinesischen Juden widmeten, in erster Reihe ganz andere Motive hatten, als diejenigen, tvelche uns Inden beivegeu. So ritirt Johannes Jakobus Sch u d t in seinen „Jüdischen Merk tvürdigkeiken" einen von einem römisch-katholischen Schriftsteller, namens Jvvet herrührenden Bericht über die Juden in China, in ivelchein unverhohlen die Hoffnung ausgesprochen wird, daß, sobald die Jesuiten in Kai-föng-su Haus und Kirche haben und die Zahl der Christen dort zunehinen ivürde, große Aussicht für die Bekehrung der dortigen Juden vorhanden sei, „da sie genugsam geneigt sind, ihr Gesetz zu ändern, leichtlicher das Wahrhaftige annehinen werden, welches mehr Aehnlichkeit und Gleichheit mit dem ihrigen hat, als sonst irgend ein anderes." Auch die Londoner Society for Christianizing Jews richtete ihr Augenmerk auf die in China lebenden Juden und sandke durch Vermittelung des Bischofs von Honkang am 25. November 1850 zwei intelligente bekehrte Chinesen zum Zwecke der Nachforschung aus. Schon nach wenigen Monaten kamen die Abgesandten zurück und brachten zwei chinesische Juden im Alter von 40 und 45 Jahren mit, von welchen einer 8cht jüdische Züge hatte und überaus interessante Angaben über Herkunft, Vergangenheit und gegenwärtigen Zustand der chinesischen Juden machten. Diese Angaben wurden im Jahre 1867 auch durch einen Juden Namens Lieber-