Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 64 (9.8.1900)
- Date
- 1900-08-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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4L Jahrgang. Erste Anlage zu M 64 des „Israelit". Leitender Artikel. Chinesische Duden. Mainz, 8. Aug. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgt die ganze cu vilisirte Welt die Ereignisse, die sich gegenwärtig im fernen Osten vollziehen. Für uns Juden aber haben sic gesteigertes Interesse, weil sie in uns die Hoffnung wecken, genaue Kenntniß über die in China ansässigen Juden erhalten zu können. Was wir bis jetzt über diese Söhne unseres Stammes wissen, verdanken wir fast ausschließlich den lückenhaften und mit großer Vorsicht aufzunehmenden Berichten der Missionäre und sonstiger christlicher Reisenden, denen es gelungen war, über einige den Europäern offen stehende Hafenstädte und Küstenstriche hinaus vorzudringen. Diese Angaben weichen aber wesentlich von einander ab und können schon deßhalb nicht als zuverlässig gelten. Zuverlässige Nachrichten werden erst möglich sein, wenn das ganze Innere Chinas dem Weltverkehr erschlossen sein wird. Vielleicht treten dann auch in Deutschland einflußreiche und mit Glücksgütern gesegnete Glaubensgenossen zu einem Comitee zusammen, um Nachforschungen über die Juden in China anzustellen. Ein solches Unternehmen wäre vom jüdischen wie vom rein menschlichen Gesichtspunkte aus wärmstens zu empfehlen. Bis dahin aber sind wir auf die bis jetzt bekannt gewordenen Einzelheiten angewiesen, die trotz ihrer Dürftigkeit und Unsicherheit manches Interessante u. Lehrreiche enthalten. Das über Jahrhunderte zerstreute, bis hart an die Gegenwart reichende hiergehörige Material liegt uns in einer mit vielem Fleiß und großer Uebersichtlichkeit zusammengestellten kleinen Schrift vor, die soeben erschienen ist und der wir hier Einzelnes entnehmen. Für diejenigen unserer geschätzten Leser, welche sich über den Gegenstand eingehender unterrichten wollen — und ihre Zahl dürfte nicht gering sein — lassen wir hier den vollen Titel des Schriftchens folgen: „Die Juden in C h i n a." Von Albert K a tz. Berlin 1900. Verlag von A. Katz, Rosenstraße 17. Es unterliegt keinem Zpeifel, daß Söhne unseres Stammes seit uralten Zeiten in China ansässig sind, allein wie und um welche Zeit dieser Zweig aus Judas Gefilden auf chinesischen Boden verpflanzt wurde, ist nicht sicher zu stellen. Man ist dabei lediglich auf die unter diesen Juden lebenden Traditionen, sowie auf Berichte von Reisenden angewiesen, welche nur mit großer Vorsicht aufzunehmen sind. Daß Juden schon seit langer Zeit in China wohnen, steht fest. Eine historische Quelle für die Anwesenheit von Juden in China vor bereits mehr als 1000 Jahren ist ein Bericht des Jbn Said über eine große Niedermetzelung, welche im Jahre 878 in Khanfu stattgefunden hat. Er erzählt, wie ein Rebell Namens Banschoa, im Jahre 878 Khanfu belagert, genommen, und die ganze Einwohnerschaft gelötet habe. Dabei sind 120,000 Mohamedaner. Juden, Nestorianer und Magier um ihr Leben gekommen. Für die Behauptung, daß Juden schon zur Zeit des ersten Tempels in China gewohnt haben, gibt es keine Beweise, die diesen Namen verdienen. Wenn man z. B. das Jesaja 49,12 erwähnte „Land Sinim" mit China zu diesem Zwecke identificirt, so hat man ein klassisches Beispiel für das Unzulängliche dieser Beweise. Von dem Sitz einer alten jüdischen Gemeinde in Kai-föng-fu berichtet zuerst Tripellius im Jahre 1617. Ein Jude dieser Stadt war zu Pater Ricci nach Peking gekommen, um, wie er vermuthete, die Bekanntschaft seiner Glaubensgenossen zu machen. Der interessante Bericht, den Menasse ben Israel in seine Schrift „Mikweh Israel" ausgenommen hat, findet sich in dem vorliegenden Buche in wörtlicher Uebersetzung. Auch Copien der heiligen Schrift bei diesen chinesischen Juden lagen Menasse ben Israel vor, und derselbe berichtet darüber: „Ich habe die Abschriften, welche nach Holland geschickt wurden, gesehen: sie enthalten ganz genau den Text unseres Pentateuchs." Auch aus den Berichten anderer Missionäre und Reisenden geht hervor, daß in China eine beträchtliche Anzahl Juden wohnt, die niemals von dem Stifter der christlichen Religion etwas gehört hatten, ja nicht einmal seinen Namen kennen, und daher nach Ansicht dieser Gewährsmänner Abkömmlinge der zehn Stämme sind. Dagegen weist James Fian nach, daß die Juden in China dem Stamme Juda angehören. Rabbi Moses de Pareyra Pavia vertritt dieselbe Ansicht, indem er in seinen portugiesischen Nachrichten über die nach seiner Meinung in Ostindien weilenden zehn Stämme schreibt, „daß unter Kaiser Titus Vespasianus Juden aus Persien an die malaberischen Küsten gewandert seien, von dort aus China erreicht und in der Hauptstadt der Provinz Ho-nan, die jetzt Kai-föng-fu heißt, sich niedergelassen haben." Die Juden in Kai-föng-fu haben unter den gr? ten Widerwärtigkeiten ihre Nationalität verheil* mäßig am reinsten erhalten. Keine Versuchung ' sich stark genug, sie dem Glauben an den einen Gott Israels abtrünnig zu machen. Sie r allerdings auf ein sehr kleines Häuflein zu schrumpft, aber sie haben sich doch behaur