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Der Israelit · 1900-08-09 · Heft 64 (9.8.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 64 (9.8.1900)
Date
1900-08-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1307 zur Versuchung aus dem Wege zu räumen, wie es die meinen bei mir gethan hatten. Berthold Spier hatte zwar am Sabbat und Festtage frei, aber das Geschäft selbst war geöffnet; das hatte seinem Vater genügt. So hatte dieser auch in keiner Weise für die geistige Weiterbildung und religiöse llnterweisung seines Sohnes Sorge getragen. Das Einzige war gewesen, daß er ihn bei Münz, einer wirklich frommen Familie, unterbrachte. „Geh' fleißig nach Schul' und bleib fromm!" hatte er den Sohn nochmals ermahnt; dann war er abgereist in der Meinung, seiner Pflicht vollauf genügt zu haben. Wenn ich selbst also am Sabbat und am Sonntage meine Schiurim bei Dr. H. besuchte, so bedauerte Berthold jedes Mal, daß er mich nicht begleiten könne. Es hätte, ja auch keinen Zweck gehabt, da er durchaus nicht die nöthige Vorbildung besaß, um an den Stunden meiner religiös-wiffenschaftlichen Unterweisung gleichfalls theilzunehmen. Er konnte es nicht einmal begreifen, wie man einen hebräischen Text ohne Vokale lesen, geschweige denn verstehen könne. Auch dieser Mangel war auf die Erziehung zurückzuführen, welche Berthold Spier im Elternhause genoffen hatte. Dafür eiferte er sich an meinem Beispiele zu einem regelmäßigen und gewissenhaften Besuch des Gotteshauses an, und zwar des Gotteshauses der orthodoxen Gemeinde. Am Werktag allerdings nahm er es nicht so genau, aber am Sabbat versäumte er niemals, eifrig plaudernd mit mir in die nahegelegene Synagoge zu gehen und dorten, wie ich selbst, andächtig sein Gebet zu verrichten. Auch sonst lernte er im Laufe der Zeit Manches, was er nicht gewußt hatte. So trug er die Kapsel seiner Tefillin stets mitten auf der Stirn, bis ich ihn darauf aufmerksam machte, daß dies verkehrt sei; am Chanuka entzündete er die Lichter in der falschen Reihenfolge, bis ich ihm die richtige zeigte. Er ließ sich bereitwillig zurechtweisen, freute sich aufrichtig meines Eifers und suchte es mir gleichzuthun. So verlebten wir eine ruhige und schöne Zeit, in der wir uns einerseits fleißig zu unserem Lebensberufe vorbereiteten und andererseits das Licht der Religion, welches unserem Lebensberufe erst die rechte Weihe und den rechten Sinn geben sollte, gewissenhaft hüteten; wie wir überzeugt waren, zu unserem eigenen Glück! Ein halbes Jahr war etwa vergangen, als an einem Freitag Abend im Frühjahr Berthold Spier bei Münz nicht rechtzeitig zu Tisch erschien. Herr Münz hatte bereits eine halbe Stunde gewartet, da er nicht gerne Kiddusch machen wollte, bevor Berthold da sei. „War er denn nicht in Schul?" fragte mich endlich Herr Münz, der anfing, ungeduldig zu werden. „Nein!" gab ich zur Antwort. Berthold Spier war thatsächlich zum ersten Male an diesem Freitag Abend nicht in der Synagoge gewesen. Wir pflegten Freitags Abends direkt vom Geschäft aus dahin zu gehen, da die Zeit zu kurz war, um zuvor nochmals unsere Wohnung aufzusuchen. Ich mußte auf dem Wege zur Synagoge an Berthold's Geschäft vorüber; da war er regelmäßig und pünktlich erschienen und hatte sich mir zugesellt. Heute aber hatte ich gewartet und gewartet — er kam nicht! Endlich war ich weitergegangen, in der Annahme, er sei aus irgend einem Grunde bereits früher entlassen worden und ich würde ihn in der Synagoge schon treffen. Ich hatte mich getäuscht. Er war nicht gekommen. „Kann mir gar nicht denken, was das zu bedeuten hat," setzte ich hinzu, nachdem ich die Frage des Hausherrn mit „Nein" beantwortet hatte, „Berthold war doch sonst immer pünktlich und gewissenhaft!" Schließlich erklärte Frau Münz, das Essen werde ihr schlecht, es könne nicht länger gewartet werden. So machte denn Herr Münz Kiddusch und wir aßen. Wir waren längst fertig damit, hatten auch bereits Smirauos gesungen und das Tischgebet verrichtet, als Berthold Spier endlich kam. „Bitte vielmals um Entschuldigung," platzte er alsbald los, als er kaum die Thüre hinter sich geschlossen hatte, „aber ich war heute in einer anderen Synagoge!" Mit vieler Umständlichkeit legte er dann erst draußen seinen Paletot ab, setzte sich eiligst an den Tisch und begann Kiddusch zu machen. Frau Münz brachte ihm inzwischen sein Essen und er machte sich eifrig darüber her. Endlich fragte unser Pensionsvater, von seinem Chumesch aufblickend, das er sich vorgenommen hatte: „Berthold! In welcher Synagoge waren Sie denn?" Der Gefragte antwortete nicht gleich. Er schob schnell noch ein Stück Fisch in den Mund und brauchte merkwürdig lange Zeit, bis er die unangenehmen Gräten aus dem Fleisch des Fisches entfernt hatte. Dann brummte er ein Wort in den Bart, das etwa klang wie „Südend." „In der Südendsynagoge?" fragte Herr Münz weiter, „bei Lilienthal?" „Hm!" kam es von drüben. Die Südendsynagoge war eine Privatsynagoge, welche sich der fromme Kommerzienrath Lilienthal eingerichtet hatte. „Wie kommen Sie denn bis dahin?" examinirte Herr Münz unverdrossen fort. Es war nämlich in der That ein Weg von bald einer Stunde zwischen der Südendsynagoge und unserer Wohnung. „Hatte gerade in der Nähe eine Kommisson gehabt!" erwiederte Berthold kurz. Damit war die Diskussion beendet. Berthold aß eifrig weiter und Herr Münz vertiefte sich wieder in die Sidra des betreffenden Sabbat. Ich selbst hatte unterdessen ganz still gesessen. Das

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