Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 64 (9.8.1900)
- Date
- 1900-08-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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WMWM 1306 zurückbefördern lasten. Also Schwierigleiten in dieser Beziehung würden die rumänischen Juden hier nicht zu bekämpfen haben, das Landen gestattet man ihnen ohne weitere Formalitäten. Es muß aber im Jntereste Derjenigen, die hierher kommen wollen, ausdrücklich bemerkt iverden, daß in der Hauptsache nur landwirthschaftliche Arbeiter und von weiblichen Einwanderern Dienstmädchen gebraucht werden, daß Erstere theilweise nach Beendigung der Ernte stellenlos werden und sich über den langen Winter am Bahnbau etc. so gut, wie es eben geht, durchschlagen müssen. Es gibt ja allerdings noch eine Menge freies Negierungsland im Nordwesten, 160 Acres per Person, aber um diese zu bewirthschaften, bedarf es nicht unerheblicher Geldmittel. Fersonalien. -f Köln, 5. Aug. Wie wir vernehmen, feiert der emer. Lehrer, Herr S. L o e b , am Samstag, den 11. August seinen 70. Geburtstag. Der greise Schulmann zählt in der Kölner Gemeinde viele hunderte Mitglieder zu seinen ehemaligen Schülern und erfreut sich in allen Kreisen der Gemeinde großer Beliebtheit. Möge ihm über des Psalmisten Wort hinaus ein glücklicher Lebensabend beschieden sein. Oppenheim a. Nh. Hierselbst wurde am 'pW rpn 'c unter allgemeiner Theilnahme die Wittwe des vor mehreren Jahren gestorbenen, allbeliebten Cantors Simon Reiß, zur letzten Ruhe bestattet. Die Heimgegangene, die das hohe Alter von 81 Jahren erreichte, war ein Biederweib im vollsten Sinne des Wortes, und all das Lob, womit der königliche Sänger das Esches chajil besingt, darf auch ihr gespendet werden. Dahin ist sie nun, die treubesorgte Mutter ihrer Kinder, die warmherzige Freundin der Armen, geschlossen das Auge, das so viel Güte und Milde strahlte, verstummt der Mund, der es so gut verstand, durch liebliche Rede gebeugte Gemüther aufzurichten, Trost zu reichen, Gottvertrauen zu ertvecken. Möge all das Gute, das sie geübt, ihr vorangehen im ewigen Leben und am Throne Gottes Zeugniß für sie ablegen. Ihr Andenken sei gesegnet; sie ruhe in Frieden! A. Feuilleton. Äin Schritt vom Wege. Jüdische Wovelke von Arnold Mann. üj 5. Der Freund. Berthold Spier — so hieß mein Stubengenosse — war in meinem Alter; er hatte ein intelligentes Gesicht und ein offenes, mittheilsames Wesen. Das zog mich zu ihm hin. Ich hätte schon nach den ersten Wochen unseres Zusammenseins einen Eid darauf geleistet, daß er kein einziges Geheimniß vor mir habe. Ueber Alles, was ihn beschäftigte, sprach er mit mir. Den köstlichen Inhalt der Pallete, die er von den Eltern zuweilen erhielt, theilte er mit mir brüderlich; ja, sogar die Briefe, die diesen Palleten beilagen, ließ er mich ohne Weiteres lesen. Ich muß offen gestehen, daß ich meinerseits die Offenheit nicht so weit trieb, und oft mit einer stillen Verwunderung über Berthold Spier's Charakter seine Zutraulichkeit entgegennahm. Nur mit Verwunderung, keineswegs mit Mißtrauen! Ich war der festen Ueberzeugung, und weiß es heute auch, daß ich mich darin nicht täuschte, Berthold gebe sich mir gegenüber ganz so. wie er wirklich war, ohne Hintergedanken, ohne Aufdringlichkeit. Wir waren ja auch noch viel zu jung, um uns gegenseitig zu mißtrauen. Was sollte solch ein Fant von sechzehn Jahren mit einer geheuchelten Freundlichkeit im Schilde führen? Keinerlei Interessen ließen sich denken, die er etwa durch ein unaufrichtiges, gemachtes Wesen hätte erreichen wollen. Nein! Berthold Spier war von einer aufrichtigen Zutraulichkeit, die mich zwar in der Zeit, wie gesagt, in Erstaunen setzte, an die ich mich aber allmählich gewöhnte und die ich bald als etwas ganz selbstverständliches hinnahm. Sie zeigte sich in allen Dingen. Jeden Abend sprach er mir ausführlich von seinen Fortschritten im Geschäft. Was da Alles vorging, erfuhr ich ganz genau. Große Dinge waren es ja nicht! Was eben einem simplen Lehrling so zur Kenntniß kommt! „Du, Leo, heut' hat mich mein Alter wieder mal tüchtig unter die Kur genommen!" „Nein, Leo, Hab' ich ein Pech! Trage heute die Pallete zur Post und lasse die Palletadressen im Geschäfte liegen! Mußte den langen Weg nochmals machen!" Solche u. ähnliche Ergüsse seiner bedrückten Seele waren an der Tagesordnung. Und nicht nur in seinen Reden und Mittheilungen, auch in seinem ganzen Gebühren schloß er sich mir eng an. Er bedauerte nur, daß er es nicht in allen Beziehungen konnte. Aus den Briefen seiner Eltern, die ich las, ersah ich zwar, daß es an Ermahnungen nicht fehlte, aber dieselben waren nicht von der Art und der Eindringlichkeit, in der meine Eltern mir zu schreiben pflegten. Wohl hielten sie ihn zur Frömmigkeit an, aber der ganze Ton der Briefe war ein laxerer, es fehlte ihnen jene ernste Innigkeit, die mich in meinen Briefen stets auf's Neue ergriff. Allerdings kam bei mir dazu, daß mir die früheren Ereignisse in meinem Elternhause immer vor Augen standen, daß ich gewissermaßen fortwährend auf den Ton gestimmt war, den die elterlichen Briefe immer wieder und wieder anschlugen. Das fehlte offenbar bei Berthold Spier. Auch hatten seine Eltern es versäumt, l in derselben ängstlichen Fürsorglichkeit jede Gelegenheit