Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 64 (9.8.1900)
- Date
- 1900-08-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Agronom A. Sußmann, welcher im Aufträge der Odessaer Palästina-Gesellschaft kürzlich die jüdischen Colonien inspizirt hatte, in einer der jüngsten Sitzungen dieser Gesellschaft eine Reihe von Mittheilungen gemacht: Der erste Fehler der Rothschild'schen Administration war, daß man in einer Reihe von Colonien, welche für den Getreidebau wenig geeigneten Boden resp. zu wenig Boden hatte, statt durch Zukauf von neuem Boden, der s. Zt. in reichlicher Menge zu haben war, durch Einführung des Weinbaues zu helfen suchte. Judäa ist ein Land der Reben, aber kein eigentliches Weinlnnd. Die Herstellung des Weines aus den gerade in der heißesten Jahreszeit reif werdenden Trauben läßt sich nämlich nur in tiefen, mit kostspieligen Eismaschinen und theuren Kühlapparaten ausgerüsteten Kellereien bewirken. Ueberdies wurden gleich am Anfang französische Bordeauxreben angepflanzt, die einen zwar köstlichen, aber ziemlich theuren Wein liefern, der wegen seines höheren Preises kein Maffenartikel werden kann. Die Anlegung von großen Weinplantagen hat eine Menge Tagelöhner erfordert, es mußten zu guten Preisen Hunderte von Fellachen aus den Rachbardörfern beschäftigt werden, die bei ihrer Nüchternheit und fabelhaften Bedürfnißlosigkcit das verdiente Geld zur Tilgung von Schulden, Verbesserung ihres Bodens und Ergänzung ihres lebenden und todten Inventars benutzten. So haben sich die bis dahin blutarmen Fellachen in wenigen Jahren in wohlhabende Bauern verwandelt, „die es nicht mehr nöthig haben, einen Theil ihres Bodens zu verkaufen," und die jüdischen Colonien haben sich auf Jahre hinaus „selbst der Möglichkeit beraubt, sich durch Zukauf von Land auszudehnen." Die ausschließliche Beschäftigung mit dem Weinbau hat endlich dazu geführt, daß die jüdischen Colonisten alle Lebensmittel für baares Geld kaufen müssen. Die Eolonisten von Ekrou. Rischon l'Zion, Sichron- Jakob u. a. Rothschid'schen Colonien produzieren nichts als Wein und müssen Brod, Butter, Fleisch, Kaffee und Eier, ja selbst Gemüse gegen baares Geld kaufen. Ein „Bauer" aber, der in die Stadt fährt, um da Eier, Milch und Gemüse einzu kaufen, kann doch nicht als erstrebenswerthes Ideal angesehen werden. Im erfreulichen Gegensatz zu den Rothschild'schen Colonien stehen die von den jüdischen Colonisationsvereinen gegründeten, welche, wie Gadratz, Hastinjeh, Machnajim u. a. gemischte Wirtschaft, d. h. Getreide-, Obst und etwas Weinbau treiben. Abgesehen davon, daß der jüdische Bauer dadurch gegen eine gänzliche Mißernte geschützt wird, ist Palästina für ein solches Svstem wie geschaffen, da vorzüglicher Getreideboden, hüglicher Weinboden und sandiger Boden für Mandel- und Olivenbäume daselbst dicht nebeneinander liegen. Besonders haben Kastinjeh und Machnajim den Berichterstatter befriedigt. Die beiden Colonien sind richtige Dörfer, deren Bewohner als vollgültige Bauern angesehen werden müssen. Sie erzeugen alles, was sie zum Lebensunterhalt brauchen selbst, und geben für Lebensmittel im Jahr keinen einzigen Piaster aus. Leider besitzt Kastinjeh nicht genügend Wiesenland, wodurch es keine rationelle Viehzucht betreiben kann. Mit dem Vieh fehlt aber auch der Dünger, der aus den benachbarten arabischen Dörfern geholt werden muß. Herr Sußmann schloß seinen Bericht mit den Worten: Boden und Klima in Palästina machen das Land wie kein anderes zu Colonisationszwecken geeignet. In diesem Lande können wir einen jüdischen Bauer erziehen, wie er nirgends sonst anzutreffen ist. Kein Land ist daher siir die Juden so geeignet wie Palästina. D. Rumänien. Bukarest, 6. Juli. Die Regierung hat beschlossen, Alles anzuwenden, um die Judenauswanderungen, die bereits eine bedrohliche Ausdehnung angenommen haben, zu verhindern. In Ausführung dieses Beschlusses hat gestern der Polizeipräfekt General Algiu die Calea Dudesti, Calea Caearesti und die anderen Gassen, in denen sich Auswanderergruppen gebildet haben, ausgesucht und sprach längere Zeit mit den Führern dieser Gruppen. General Algiu gab ihnen den Rath, nicht auszuwandern, da die Regierung alles aufbieten werde. ihnen das Leben zu erleichtern. Herr Algiu wies noch darauf hin, daß in Folge der guten Ernte dieses Jahres, die finanzielle Krise beseitigt werden wird, daß von neuem Arbeiten beginnen werden, die die Existenz der arbeitenden Klasse sichern. Der Polizeipräsekt vertheilte dann mehrere Geldbeträge an die Auswanderer. Amerika. Montreal. (Die Einwanderung rumänischer Juden in C a n a d a.) Der „Fkf. Zeitung" wird geschrieben: Rach Durchlesung der interessanten von der „Fkf. Ztg." veröffentlichten Artikel über die Auswanderung der Juden aus Rumänien möchte ich darauf aufmerksam machen, daß, da sich möglicherweise die Auswanderung der bedauernswerthen Leute auch nach Canada lenken wird, wie dies in einigen Fällen schon geschehen ist, dieses Land den Betreffenden häufig das nicht bieten wird, was. sie vielleicht erwarten. Die Einwanderung in Canada kann auch ohne genügende Geldmittel stattfinden, sofern die Betreffenden nicht geradezu kriminelle, Irre oder solche sind, deren Existenz offenbar von den Behörden bestritten werden mußte; sonst denkt man in diesem Lande, welches eine starke Einwanderung sehr benöthigt, viel liberaler, als unsere Nachbarn, die ihrer Meinung nach in diesem Punkte schon an einem „embarras de ricliesse“ zu leiden beginnen und alle unerwünschten Elemente aus dem einen oder anderen Grunde, als mit dem sehr dehnbaren Einwanderungsgesetze kollidirend, einfach auf Kosten der betreffenden Dampferlinien nach den betreffenden Abfahrtshäfen