Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 64 (9.8.1900)
- Date
- 1900-08-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1802 Aus Wien brachte auch „E." die Meldung, daß hauptsächlich der sog. offizielle Zionismus das Massenelend verschuldet habe. Herzl wollte die Nothwendigkeit seiner Bewegung durch lebende Bilder demonstriren und hat durch seine vom Schekel der Armen bezahlten 2lgenten die Auswanderungswuth genährt. Vielleicht werden es diese Agitatoren — unter denen allerdings viele Individuen zweifelhaften Charakters sind — nicht ganz so gewissenlos angestellt haben, aber offenbar war es jedem Denkenden, der mit diesen Unglücklichen in Berührung kam, daß sie am „Zionismus" — leiden. Auch der ungarische Staatssekretär V. Gullner, der mit den Armen persönlich verkehrte, hat diese Impression gewonnen. Auch in jüdisch-religiöser Beziehung boten die Emigranten kein sehr erfreuliches Bild. Es waren verhältnißmäßig nur in geringer Anzahl solche Vertreter, die als wahrhaft fromme Juden gelten können. Der sociale und wirthschaftliche Druck in Rumänien hat die dortigen Cultusgemeinden desorganisirt. Die Rabbiner genießen nicht das Ansehen, das ihnen gebührt und die geistlichen Träger der Reform haben auch alles Mögliche geleistet, um die jüdisch-religiösen Verhältnisse zu vergiften. Es haben dort die btpbö und dtthö mit Hilfe des ri'^o tcyp verhältnißmäßig große Erfolge erzielt. Daß namentlich die Verköstigung der Unglücklichen keineswegs den rituellen Anforderungen entsprochen, versteht sich von selbst. Die Roth und das große Elend kann freilich Vieles entschuldigen', crx K:om und es war thatsächlich in vielen Fällen wahres rc; mpc. Eine jüdische Cultusgemeinde oder auch sonstige jüdische Körperschaften haben aber immer die heilige Verpflichtung, das jüdische Religionsgesetz, wo es nur angeht, strikte zu beobachten. Und mit etwas gutem Willen wäre es auch diesmal möglich gewesen, das große Elend nrie t&i urm zu lindern. Es hätten die leitenden Männer nicht die große Versündigung von b'env ffln ’jeV auf sich laden müssen. Der ungarischen Regierung gebührt besonderer Dank und Anerkennung für die vielen Beweise von Humanität, die sie den Unglücklichen gegenüber bekundet. Die subordinirten Organe haben wohl in einzelnen Fällen sehr hartherzig ihres Amtes gewaltet. Das war aber durchaus nicht die Intention der Regierung. In der Hauptstadt, wo man sich direkt an hohe Stelle wenden konnte, sind denn auch solche Fälle nicht vorgekommcn. Das energische Auftreten des Ministerpräsidenten Szell hatte auch zur Folge gehabt, daß die rumänische Regierung auf Intervention unseres Bukarester Gesandten den 684 Auswanderern, die in Ungarn keinen Einlaß fanden, die Rückkehr gestattete. Ebenso hat sie gestattet, daß die in Predeal und Orsova lagernden 3400 Auswanderer unbehindert in ihre alte Heimath zurückkehren mögen und es darf ihnen kein Haar gekrümmt werden. Auch den Militärflüchtlingen wurde Pardon zugesichert. Wenn sich nur einige Mächte vereinigen wollten, um mit gleicher Energie von der rumänischen Regierung die v o l l e Einhaltung des Berliner Vertrages zu fordern! Seit Beginn dieser Katastrophe gab sich die rumänische Regierung alle Mühe, sich vor Europa zu purificiren. Es wurden alle möglichen Comuniques publizirt, aber die selbstgerufenen Geister wollte man doch nicht bannen. Es geschah in Rumänien absolut nichts, um dem Nebel abzuhelsen. Da nun die ungarische Regierung eine Wendung herbeigeführt und die rumänischen Machthaber in den sauren Apfel hineinbeißen mußten, wird plötzlich auch gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Eine offizielle rumänische Correspondenz versendet folgende Kundmachung: „Die ausaewanderten Juden, 3000 an der Zahl, kehren in Massen zurück. Die rumänischen Behörden versehen sie unentgeltlich mit Hilfsmitteln und Geld für die Rückreise bis zu ihrem Heimathsorte. Die Vertreter Rumäniens interveniren bei den fremden Regierungen, daß sich die Juden dortselbst bis zum Eintreffen von Hilfsmitteln zur Rückreise aufhalten dürfen. Die rumänischen Consuln verständigen sich diesbezüglich mit den jüdischen Hilfskomitees und stellen auch selbst Hilfsmittel bei. Am 30. Juli hat der Minister ein Rundschreiben an die Präfekten gerichtet und ihnen die Ermächtigung ertheilt, daß sich die Juden in „Marktflecken bedingungslos", in Landgemeinden aber nur solche, die der Militärpflicht Genüge geleistet, aufhalten können." Der neue Premier Rumäniens zeigt allerdings den guten Willen, die Sünden seiner Vorgänger gutzumachen. Werden aber auch die in Ausspielung der Gesetze eingeübten Präfekten die ministeriellen Verfügungen respektiren? Möge sich Gott der 300,000 Juden jenes unglücklichen Landes erbarmen! Die in Budapest befindlichen 306 Emigranten gehen, mit Mitteln versehen, nach Kanada. Nur 30 Personen, Wittwen und erwerbsunfähige Männer, denen das Betreten amerikanischen Bodens nicht gestattet wurde, werden nach der alten Heimath zurückbefördert. In Rumänien gibt's auch viele reiche Juden, emanzipirte Bürger. Wie verhalten sich diese zum Massenelend ihrer Glaubensgenossen? Der aus Ungarn stammende neologe Rabbiner Dr. Beck hat in dieser Angelegenheit von Beginn an eine klägliche Rolle gespielt. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Koblenz, 8. Aug. Von Herrn M. G ü n t h e r erhalten wir folgende Zuschrift: Unter Bezugnahme auf die Erklärung in Nr. 61 Ihres Blattes erkläre ich hierdurch, daß die mir von dem