Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 64 (9.8.1900)
- Date
- 1900-08-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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4i. Jahrgang. M «4 Der Israelit. Ein GenLrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. in Matnj. Donnerstag, den 9. August 5660 (1990). Leitender Artikel. Die rumänischen Emigranten. Von Dr» L»«»♦ Budapest, im August. Die Massenauswanderung aus Rumänien ist G. s. D. momentan in Dekadenz. Es gebührt sich nun, einen kurzen Rückblick auf das in den letzten Tagen Vorgefallene zu entwerfen. Zunächst sei konstatirt, daß die Hilfskomitees in Ungarn von Orsova bis Preßburg einerseits und von Predeal bis Marchegg andererseits mit allen Kräften zur Milderung des Elends beigetragen. Die jüdischen Gemeinden Ungarns, ohne Unterschied der religiösen Richtung haben an 160 000 Kronen zu diesem Zwecke geopfert. Einzelne Korporationen, unter diesen in erster Reihe die große Budapester Cultusgemeinde, haben Großes geleistet. Ganz besonders verdient es aber hervorgehoben zu werden, daß sich zahlreiche nichtjüdische Menschenfreunde persönlich an dem Hilfswerke betheiligten und allerlei Viktualien, Kleidungsstücke und Bettwäsche in größeren Quantitäten zur Stätte des Elends gebracht. Die Gattin des hauptstädtischen Beamten, M. P a u l y , that dies in Begleitung folgender Ansprache: „Meine lieben Leute! Ich bin Christin und gerade deshalb schäme ich mich, daß ein Land existirt, wo man die Juden verfolgt. Wir Christinnen können von den Juden vieles erlernen. In erster Reihe den regen Familiensinn, ferner den soliden Lebenswandel und schließlich haben wir von Euch gelernt, daß man arbeiten muß, um existiren zu können. Die Frauenwürde wird bei keinem Volke derart in Ehren gehalten, wie bei den Juden. Ich beneide die Juden noch um viele ihrer hervorragenden Eigenschaften und weil ich sie so liebgewonnen, erachte ich es für meine Pflicht, inEurem Interesse so viel zu thun, wieviel mir nur möglich war." Die Auswanderer, sowie die anderen am Schauplatze zu Hunderten sich aufhaltenden Personen vergossen Thränen und honorirten diese Ansprache mit stürmischen „Setreaska" und „Eljen"-rufen. Orthodoxe und Neologe haben zum ersten Male gemeinsam gewirkt, und so gebührt es sich auch. Wenn es sich um das Elend unglücklicher Glaubensgenossen handelt, dürfen die Kräfte nicht zersplittert werden. Die jüdischen Gemeinden in Ungarn mögen dies von ihren Cultusschwestern im deutschen Reiche und in anderen Landen lernen. Es wäre auch deswegen schon die höchste Zeit, daß die beiden Landeskanzleien ausschließlich zu solchen Zwecken eine gemeinsame Action einleiten und eine permanente Institution nach dem Muster der „Wiener isr. Allianz" schaffen. Diese hat sich in Angelegenheit der rumänischen Juden diesmal nicht sehr ausgezeichnet, doch wollen wir momentan nicht davon sprechen. Bezeichnend ist es, daß der Redacteur M. Szabolcsi, der sich übrigens um die Emigranten große Verdienste erworben, die „Wiener Allianz" sehr hart angegriffen hat und kurz darauf den Mantel umgedreht und auf deren Wirksamkeit Lobhymnen gesungen. Daß dieser jüdische Redakteur den orthodoxen Juden auch diesmal eins am Zeuge flickte, versteht sich nur von selbst, und es kann nicht genug wiederholt werden, daß dieses Organ der neologen Partei die Hauptschuld daran trägt, daß man in orthodoxen Kreisen davor zittert, mit den leitenden Männern der Kongreßler auch nur in ganz gleichgültigen Dingen in Verbindung zu treten. Auch die Orthodoxen haben eine ungarische Wochenschrift, aber seit Jahren schon erschien in diesem Blatte kein beleidigendes Wort gegen die Neologen und deren leitende Männer. Man vertheidigt objectiv die gerechte jüdische Sache, aber persönlich wird Niemandem nahegetreten. Nur dem „Egyenlösec" blieb es Vorbehalten, die ehrwürdigsten Männer des gesetzestreuen Judenthums und jedes orthodoxe Bestreben durch Spott und Hohn zu discreditiren.