Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 63 (6.8.1900)
- Date
- 1900-08-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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' "#,*?, ,'T; •-. ,.- 1291 Gleichwohl schien der Thränenstroin, welcher ihr Antlitz iiberfluthete, dennoch auch der Angst vor demjenigen entsprungen, was die Zukunft bringen würde. Der Vater beschwichtigte sie mit den Worten: „Du darfst ganz ruhig sein. Du kennst doch unseren Leo!" Dann noch ein letzter Kuß auf der Mutter Wange — und der Wagen führte mich mit dem Vater nach der eine Stunde entfernten Eisenbahnstation. -1. In der Fremde. Das Passementerieivaarengeschäst der Firma Leopold Fromann und Compagnie lag in der Breitenstraße zu B>., im belebtesten Theile der Stadt. Es war ein hoher, massiver Bau, aus mächtigen Sandsteinquadern Parterre und das erste Stockwerk dienten als Geschäftsräume, im zweiten Stockwerk befand sich Fromann's Privatwohnung, während die dritte Etage vermiethet war. In früheren Jahren hatte an derselben Stelle ein altersschwaches und altersgraues, einstöckiges Haus gestanden, dessen Räume Fromann für sein Geschäft gemiethet hatte, während sich seine Wohnung in einer benachbarten Seitenstraße befand. Aber das Geschäft, dessen Gründung bis auf Fromann's Großvater, der gleichfalls Leopold hieß, zurückging, blühte mächtig empor und erforderte größere Räume. Da entschloß sich Fromann das einstöckige alte Haus zu kaufen und führte an derselben Stelle den prachtvollen Bau auf, der heute noch eine Zierde der Breitenstraße zu M. bietet. Zu dem Grundstück gehörte ein noch rückwärts gelegener Garten, welchen Fromann bei Gelegenheit des Neubaues vergrößerte und von Grund aus umgestaltete. Er hatte besondere Sorgfalt auf diesen Garten verwendet, an nichts gespart, um ihn zu einem duftigen, schattigen Aufenthaltsort für schöne Sommertage zu machen. War doch Jda, Fromann's einziges Kind, eine schwärmerische Blumenfreundin, war doch ihre Passion die Natur mit ihren blühenden Wundern, ihr liebster Aufenthalt zwischen grünen Bäumen nnd duftenden Beeten. Diesen lebhaften Zug nach ver Natur hin, der sich bei Jda schon in der Schule offenbarte, uwllte der Vater Rechnung tragen. Er durste diesen Zug als etwas Reines ansehen, das man schützen und fördern müsse. Ach! Die Mutter Natur schien dem Kinde Ersatz für die wirkliche Mutter zu sein. Denn Fromann's Gattin war wenige Jahre nach Jdas Geburt gestorben und hatte den trostlosen Vater mit seinem Kinde in trauriger Einsamkeit zurückgelassen. Fromann hatte nicht wieder geheirathet. Er widmete sich ganz dem Geschäft und der Erziehung seiner Tochter. Man kann sich denken, mit welch' rührender Sorgfalt er das Mädchen umgab, wie er ihm jeden Wunsch an den Augen ablas und ihm alles gewährte, was nur sein Gemüth erfreuen und erquicken konnte. Das alles habe ich erst im Laufe der Zeit erfahren. Denn ich war nicht nur Lehrling bei Leopold Fromann u. Comp., sondern ich hatte inich auch privatiin der besonderen Gunst meines Chefs zu erfreuen. Diese Gunst gründete sich zunächst auf den ausdriicklichen, dringenden Wunsch meines Vaters, der Herrn Fromann neben meiner kaufmännischen Ausbildung auch mein persönliches Wohl an's Herz gelegt hatte. Außerdem sah und wußte inein Chef, lvie eifrig ich bestrebt war, mitten in der großen Stadt, mit ihren zahllosen Ablenkungen, mir selbst und den Mahnungen meiner Eltern treu zu bleiben. Das machte Eindruck auf ihn; denn er war nicht nur ein herzensguter Mensch, sondern auch ein ivahrhaft frommer Jude, dessen Gewissenhaftigkeit der Rabbiner meinem Vater gegenüber mit vollem Rechte gerühmt hatte. Ich ging bei meinem Chef ein und aus, er l"d mich öfter zu Tisch und förderte mich, wo und wie e> r konnte. Er war es auch, der für mich beim Rabbine: einige llnterrichtsstunden verabredete, in denen ich mit anderen jungen Leuten meine Thorastunden fortsetzte. Von Zeit zu Zeit erkundigte er sich beim Rabbiner nach meinem Eifer und meinen Fortschritten, und ich glaube, die Berichte. die er allmonatlich nach der Heimath an die Eltern über mich absandte, fielen recht günstig aus. Es konnte auch nicht gut anders sein, wo doch unvermindert in mir die Begeisterung für meine religiösen Heiligthümer glühte! Meine Gewissenhaftigkeit in religiösen Dingen setzte meine Pensionseltern häufig in Staunen. Es ivar die Familie des Vorbeters der frommen Spnagoge, in der ich Unterkommen gefunden hatte, einfache Leute, vor langen Jahren aus Russisch- Polen eingewandert. Mit mir zusammen war noch ein Pensionär eingetreten. Frau Münz sorgte für uns lvie eine Mutter. Ich kann sagen, daß ich nichts vermißte, außer etwa die lieben Gesichter von Vater und Mutter. Nun hatte ich ja allerdings meinen Bruder Salomon in unmittelbarer Nähe. Aber, wie die Verhältnisse nun einmal lagen, konnte sein Haus mir keineswegs das Elrernhaus ersetzen. Der Vater war natürlich mjt mir bei Salomon gewesen. Ich hatte da zum ersten Male meine Schwägerin Cärilie, Salomon's Gattin, kennen gelernt. Sie war eine wirklich schöne Frau und von bezaubernder Liebenslvürdigkeit. Wir dursten natürlich in ihrem Hause nichts genießen; das wußte sie ja im Allgemeinen. Als wir aber sogar ein Glas Wein zurückwiesen, das sie uns kredenzen wollte, fragte sie verwundert: „Nun? Wein auch nicht? Aber was kann denn daran trefe sein?" Es hörte sich zu drollig an, wie sie das sagte. Der Vater klärte sie dann über den religiösen Sachverhalt auf, worauf sie nur mit den Achseln zuckte und halb schmollend die schönen Lippen kräuselte. Dann sagte sie zu mir: „Aber, lieber Leo. Du wirst Dich, denk' ich, trotz dem manchmal bei uns sehen lassen!"