Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 62 (2.8.1900)
- Date
- 1900-08-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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... '•'--v.Y- ’ 1278 Entscheidung treffen kann. Das erachte ich für einen Mißstand, der abgestellt werden müßte. Ich spreche nicht von den Rabbinen, die man nur zum Luxus hält. Diese haben ja auch, wenn sie zu Hause sind, keine Schaalos zu paskenen und wegen ihrer Predigten verlohnte es sich wirklich nicht, aus die Freuden der Sommerfrische zu verzichten. Sie können auch wegen ihrer Trauungen ruhig ihre Heerde verlassen, wenn sie ihre Reisezeit den „drei Wochen" zwischen dem 17. Tamus und dem 9. Ab anpassen, in welcher Zeit ja ohndies keine Hochzeiten Vorkommen. Aber daß jede religiöse Belehrung und jede religionsgesetzliche Entscheidung unterbleiben soll, weil der Rabbiner verreist ist, das finde ich nicht für recht und selbst vorn Standpunkte derjenigen Rabbiner, die sich über dieses Unrecht leider hinwegsetzen, nicht für klug. Sollten die Gemeinden wirklich so gut ohne Rabbiner vier Wochen lang fertig werden können, warum sollten sie es nicht auf längere Zeit zu Wege bringen? Diese Gedanken durch eine mehrwöchentliche Abwesenheit zu prooociren, ist gewiß nicht im Interesse des Rabbiners. Ist er so leicht entbehrlich, dann hat er sich mit seiner Wirksamkeit gewiß nicht so nützlich gemacht, als es im Interesse der von ihm vertretenen heiligen Sache wünschenswerth wäre. Wenn ich die Sache auch nur mit geschäftsmänni schem Auge ansehe, kann ich zu keinem anderen Resultate kommen. Jedes Geschäft leidet mehr oder weniger, wenn sein Chef, seine Seele, demselben einige Wochen fernbleiben muß. Aber es geht doch lveiter, und es würde die Muße des Erholung suchenden Kaufmannes sehr beeinträchtigen, wenn es anders wäre, wenn es ganz brach liegen würde. Das Interesse, das, der Kaufmann für sein Geschäft hat, hat sicher auch der gewissenhafte Rabbiner für seine berufliche Wirksamkeit. Je angestrengter seine Thätigkeit das lange Jahr hindurch ist, desto drückender muß ihm das Bewußtsein sein, daß keinerlei Vertretung zu Hause das sortführt, was er so mühsam geschaffen hat. Dazu kommt noch eine andere Erwägung, die unser einer erst in dem Vollgenuß all der entzückenden Schönheiten hat, die hier Kopf u. Herz auf ein höheres Niveau heben, das nur große Geister auch in ihrem alltäglichen Leben inne haben. Ich habe von Rabbi Moscheh Sofer s. A. gehört, daß ihm der Genuß seines frugalen, täglichen Mahles durch den Gedanken verkümmert wurde, daß so viele würdigere und gelehrtere Männer darben, während ihm das Nöthige an Speise und Trank jeden Tag ohne weiteres zur Verfügung stehe. Eine ähnliche Erwägung träufelt mir einen bitteren Tropfen in den Genuß der mich umgebenden Pracht; der Gedanke, daß so viele, die dieser Erholung viel mehr als ich bedürfen, wegen der Unzulänglichkeit ihrer Mittel darauf verzichten müssen. Der Gedanke ist ja nicht neu, er hat die Ferienkolonien für arme Kinder geschaffen, er hat bei uns in Norddeutschland sogar zur Gründung eines Heims für jüdische Lehrer geführt, ein Unternehmen, zu dem ich, zu meiner Schande sei's gesagt, nicht einmal weiß, wie weit es bereits verwirklicht ist. Aber für unsere Rabbinen ist, so weit uns wenigstens bekannt ist, nichts nach dieser Richtung hin geschehen. Für unbemittelte evangelische Geistliche existirt ein solches Erholungsheim in Württemberg. In der Schweiz ist im Appenzellerland eine ähnliche Einrichtung geschaffen, die den Namen Heinrichsbad führt und der Württembergischen Einrichtung nachgebildet ist. Es wäre sehr zu wünschen, daß Jemand, der diese Einrichtung genauer kennt, auf Grund bestimmter Zah len und sicherer Anhaltspunkte mit positiven Vor schlagen an die Oefsentlichleit träte. In einem Reisebriefe kann man solche Dinge nur flüchtig streifen und ich weiß es, wie selten eine so flüchtig hingeworfene Anregung den rechten, empfänglichen Boden findet. Aber der Gedanke verdiente doch, von einem unserer Herren Rabbinen aufgegriffen zu werden. Dieselben schreiben aber leider viel zu lvenig, was nach vielen anderen Seiten hin sehr bedauerlich ist. — Doch dies gehört nicht mehr in einen Reisebrief, wenigstens nicht in einen solchen, der ohnedies schon mehr Reflexionen als Reisebeschreibung, mehr Exeurse als Exeursionen enthält. Ich bin erst gestern Abend hier angelangt, nachdem ich zehn Tage lang in Basel, Zürich, Luzern, auf dem Rigi und in Jnterlaken mich anfgehalten habe. Eine richtige Reisebeschreibung muß man von vorne beginnen: Zermatt ist aber das Ende und Ziel meiner diesjährigen Schweizerreise. Meinen heutigen Rasttag habe ich mit diesen Zei len eingeweiht, aber ich finde, daß man hier oben rascher vom Schreiben, als vom Marschiren müde tvird. Die jüngsten drei Tage führten mich über die Grimsel, die Furkestraße bis Brieg, von Brieg bis Visy per Bahn, und gestern in zehn Minuten von Visy hierher. Zermatt ist ein kleines, 1600 Meter hoch gelegenes Dorf mit 600 Einwohnern in einem grünen Thal, das von mit Fichten bewachsenen Bergen eingerahmt ist, über welche sich das Wetterhorn und Breithorn mit ihren Schneehäuptern erheben, während im Süden der Theodulgletscher mit seinen Schneewüsten sich hinzieht. Morgen früh geht's auf's Zorner Grat, das über 3000 Meter hock liegt, und per Bahn in Isü Stunden, zu Fuß in 4—0 Stunden auf bequemem Reitweg zu erreichen ist. Die seit zwei Jahren eröffnete Bahn ist die höchste Bergbahn Europas. Es gibt in der ganzen Schweizerischen Hochgebirgswelt keinen zweiten Punkt, der einem auf einem so leicht zugänglichen Weg mitten in die Gletscher versetzt und eine Rundsicht auf die Schneeriesen von so überwältigender, sonst unerreichter Großartigkeit bietet. So lautet die Schilderung der Touristen, die von dort zurückkommen und von deren Richtigkeit ich mich s. G. will, morgen selber zu überzeugen gedenke. z! j