Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 62 (2.8.1900)
- Date
- 1900-08-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449107--51264-2501767- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- -'’^.’7.jKK^jnw''f«Ty 4U Jahrgang. weite Meikage zu Jfs 62 des „Israelit^. Leitender Artikel. iioifoln iefe aus der Schweiz. Z e x m a 11 , 28. Tainus. 1. Voie 6iit ich doch glücklich angesichts dieses gottbegnadeten t^rdslcckcs, daß vor der Alternative: nach Paris oder in die Schweiz," die letztere gesiegt hat! Fast möchte ich bei der Fülle der ergreifenden Herrlichkeiten, die hier ans Geist nnd Gemiith einstiirinen, ihnen Abvitte thnn, daß ich auch nur einen Augenblick unentschlossen war. dl der es war in Wirtlichkeit nur ein 'Augenblick. Sb die Fortschritte des inenschlichen Geistes, ob die glanzenden Errungenschaften auf allen Gebieten menschlichen Wirkens und Strebend, tvie sie die Pariser 'Ausstellung bietet, nicht eine noch größere, eindringlicbre Offenbarung des göttlichen Waltens auf Erden sind, als die Gottesmajestät, die ans der ganzen Harmonie der uns umgebenden Alpenwelt strahlt, diese Frage soll hier gar nicht znm Austrag gebracht werden. Angenommen es wäre so; je gigantischer, vielseitiger nnd unvergleichlicher dieser große Welt-Jahrmarkt allen Besuchern imponirt, um so weniger könnte er ihnen die All he und Erholung, die Ausspannung nach der 'Abspannung eines ganzen geplagten Jahres bringen, die Gottes unmittelbares Walten in der Natur allein zu gelvähren vermag. Wenn ich das, was an Kunst und Wissenschaft Neues auf allen Gebieten dort anfgesiapelt ift, auch nur mit der halben Aufmerksamkeit mustern lvollte, mit der hier das schauende Auge an dem ewigen Sckmee der Bergriesen nnd an den grünen Matten der THaler hängt; ich brächte einen noch dickeren Kops mit nach Hanse, als der, mit dem ich vor 14 Tagen auszog. Wollte ich aber nur tvie ein Schmetterling, der von Blume zu Blume fliegt, mit dein großen Troß von einem Gegenstand zum andern gedankenlos lveiter trollen, so bliebe ich gewiß lieber zu Hanse, als bei dieser Hitze mich unter Millionen von Menschen aus aller Herren Länder z>l mischen. Weich' eine Gefahr diese Millionen mit ihren Schwächen und Lastern, mit ihren .Krankheiten und Eigenthiimlichkeiten für den Einzelnen bedeuten, das ist auch ein Moment, das von vielen Ausstellungs-Enthusiasten nicht nach Gebühr gewürdigt wird. Wenn ich daher auch die Mittet hätte, nach Paris und in die Schweiz zu gehen; ich glaube nicht, daß ich davon Gebrauch machte. Für eine elfmonatliche angestrengte geschäftliche Thätigkeit genügt mir in der Regel eine einmonatliche Erholungspause, um mich lvieder zu restauriren und vollständig zu regeneriren. Wenn ich aber die Hälfte dieser Zeit in dem Pariser Weltausstellungskrubel verbringen müßte, so reichten die übrigen Tage nicht einmal, um die Pariser Tortur zum Vernarben zu bringen. Und dabei diese tropische Hitze! Ich verfalle ge wiß nicht in die Thorheit der Thoren, die im Sommer iiber die Hitze und im Winter über die Kälte klagen. Man könnte mit demselben Rechte verlangen, daß der Himmel grün und die Bäume blau sein sollten. Aber daß ich bei dieser Hitze noch in den Pariser Gluthofen steigen soll, den jeder um diese Zeit verläßt, dem seine Mittel es nur irgendtvie gestatten, das ist doch wieder ettvas anderes. In unserer pominerschen Sandwüste macht sich die Soinmerhitze ja auch schon recht intensiv bemerkbar. Aber das ist die reinste Kühlkammer gegen die Sommergluth, tvelche das Berliner Pflaster ausstrahlt. Ich habe mich nicht lange dort aufgehalten, der einzige Herr, den ich besuchen wollte, Rabbiner .war — verreist. Dasselbe ist mir in vier anderen Städten, die ich berührte, passirt; und dieser Umstand möge nur folgenden kleinen Epcurs gestatten. Unsere Herren Rabbiner haben unbestritten das selbe Bedürfniß und dasselbe Recht, des Jahres Last und Mühen durch eine Erholungsreise zu unterbrechen, tvie tvir Nichtrabbiner. Vielleicht haben sie es in noch höherem Grade, besonders wenn sie Ivirkliche Talmide Ehachainiin sind und in Folge dessen unter den Be schtverden leiden, tvelche das unablässige Thorastudium mit sich zu bringen pflegt. Dazu kornnien die zahllosen seelischen Kämpfe, persönliche 'Nörgeleien und Widertvärtigkeiten aller Art, tvelchen ein gesinnungstüchtiger Rabbiner heute so vielfach ausgesetzt ist, daß es jeder begreiflich findet, wenn auch er den gewohnten Kreis verläßt, um sich außerhalb desselben neue Kraft und frischen Muth zu gewinnen. Das haben zu allen Zeiten auch die großen Koryphäen der rabbinischen Gelehrsamkeit und Wirksamkeit gethan, tvelche den zeitgenössi scheu Rabbinen als Vorbild ihres Lebens und Wirkens galten. Aber tvenn jene in die Sommerfrische gingen, so ließen sie in ihrer Gemeinde Thorakundige in Hülle und Fülle zurück, die den abtvesenden Rabbinen nöthigen falls vertreten konnten. Das ist heute leider anders ge tvorden. In vielen deutschen Gemeinden geht mit dem Rabbiner auch die gesummte Thorakunde fort, so daß Niemand in dieser Zeit da ist, der alief) nur eine reli giöse Frage beantworten und eine religionsgesetzliche