Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 62 (2.8.1900)
- Date
- 1900-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1266 Feuilleton Ein Schritt vom Wege. 3] Jüdische Appelle pou Arnold Mann. 3. tz lternforgen. Trotzdem das Band, welches mein Bruder mit dem Elternhause verknüpfte, sich in Folge der erwähnten Ereignisse etwas gelockert hatte, blieben die Eltern dennoch auch nach seiner Berheirathung in Verbindung mit ihm. Seine Liebe zu ihm und seine tiefe Verehrung für sie waren nicht erstorben. Regelmäßig am Sabbat traf Nachricht von ihm bei den Eltern ein, und wäre es auch nur eine Karte gewesen, die Versicherung des eigenen Wohlergehens und die Frage nach dem Befinden der Eltern enthielt. Wenn ihn seine Reiseroute in die Nähe der Heimath führte, kehrte er stets zu kurzem Aufenthalte bei uns ein, und ich muß sagen, daß er sich da stets sehr taktvoll und zartfühlend benahm. Mit peinlicher Sorgfalt vermied er Alles, was auch nur entfernt das religiöse Empfinden der Eltern hätte verletzen können; er wusch sich vor Tisch die Hände, verrichtete andächtig sein Tischgebet, kurz, nahm an allem Theil, wie früher in seinen Jugendtagen, deren ferner Schimmer vielleicht manchmal vor seinem Geiste aufstieg. Daß ihm auch die Angelegenheiten des Elternhauses am Herzen lagen und er in geschäftlichen und familiären Dingen mit seinem Rathe stets gehört zu werden wünschte, versteht sich von selbst. So war allmählich die Zeit herangekommen, in der die Eltern auch mich in die Lehre zu geben gedachten. Es war eine schwere, verantwortungsreiche Aufgabe für sie, unter der Zahl der Anerbietungen das Richtige herauszufinden. Abgesehen von der selbstverständlichen Bedingung, daß das Geschäft, in welches ich eintrat, am Sabbat und Festtag von allem Betriebe ruhte, sollte auch die ganze Umgebung, in die ich kam, eine fromme, eine echt jüdische sein. Ich sollte möglichst wie im Elternhause gehalten werden, wie dort nur das Streben vor mir sehen, den erhabenen Anforderungen unserer heiligen Religion gerecht zu werden. Zutreffend erkannten meine Eltern in dem lebendigen Beispiel den bedeutsamsten Ansporn, zum Guten wie zum Bösen. Sie fürchteten für mich jede Art von Verführung und erhofften daher Alles von der Umgebung, in die ich gerieth, und zwar nicht nur von der eigenen, sondern auch von der weiteren Umgebung: Nicht nur das Geschäftshaus, welches mich aufnahm, sollte mit seinem Betriebe vor den Mahnungen der Religion Halt machen, auch die Familie, die mich zur Beherbergung und Beköstigung erhielt, sollte von dem gleichen Hauche inniger Religiosität durchdrungen sein, wie das Elternhaus; ja noch mehr, auch die Gemeinde, in deren Mitte ich doch meine Jünglingsjahre zu verbringen hatte, sollte zu denjenigen gehören, in denen nicht durch unjüdische Neuerungen, sowie durch religiöse Gleichgiltigkeit für einen jüdischen Jüngling bedenkliche Gefahren drohten. Ich sollte täglich das Gotteshaus besuchen, wie in der Heimath, ich sollte meine freie Zeit zwar auch zur geistigen Fortbildung in meinem Berufe, zur Erlangung freinder Sprachen und Aehnlichem benützen, aber keinesfalls auch auf jüdischem Gebiet ohne jede geistige Anregung bleiben. Das „Raschilernen", welches ich beim Vater betrieben hatte, sollte ich bei einer geeigneten Persönlichkeit fortsetzen, sollte möglichst auch andere Theile des jüdischen Schriftthums kennen lernen, kurz, den Grund nicht nur zu einem tüchtigen Kaufmann legen, sondern auch zu einem echten Juden, der für die Heiligthümer seiner Religion begeistert, den Kampf gegen die Lockung der Welt siegreich zu bestehen vermöchte. All das sollte vereinigt sein, wenn die Eltern ohne Sorgen in meine Zukunft blicken und sich die quälenden Vorwürfe ersparen wollten, die sie sich über meinen Bruder Salomon machen mußten. Um die Zeit, da die Eltern gerade aus der Suche nach einer passenden Lehrstelle für mich thätig waren, traf eines Tages völlig unerwartet Salomon ein. Er war außer sich vor Entrüstung, »veil die Eltern bei dieser großen, meine Zukunft betreffenden Frage ihn. seinen Rath und seine Beihülfe vollständig übergingen. „Ihr wißt doch," sagte er vorwurfsvoll zu ihnen, „daß ich mich für Alles, was bei Euch vorgehl, Großes wie Kleines, interessire. Und hier, wo es sich um so Wichtiges wie Leo's Eintritt in die kaufmännische Laufbahn handelt, lsier höre ich kein Sterbenswörtchen von Euch! Wie geht das zu? Ich stehe doch wohl lange genug inmitten des geschäftlichen Lebens, um Euch mit meinem Rathe nützen zu können! Warum wolltet Ihr das hinter meinem Rücken besorgen?" „Lieber Salomon," erwiederte der Vater etwas stockend, denn er berührte nur ungern die Vergangenheit init ihrem Kummer, „lieber Salomon, wir wollen aus Leo nicht nur einen Kaufmann, sondern auch einen treuen Sohn Israels machen, er soll nicht nur geschickt und tüchtig werden, er soll auch fromm bleiben —" Salomon empfand wohl den stillschweigenden Vorwurf, der für ihn in diesen Worten lag. „Und ich, meinst Du - begann er fragend. „Du," siel ihm der Vater prompt in's Wort, „Du tvürdeft uns keinestvegs die nöthige Garantie bieten, daß Du bei Deiner Sorge für Leo dieses doppelte Ziel im Auge hättest. Wir müßten stets fürchten, daß Dir der Kaufmann höher steht als der Jude, das Geschäft höher als die Religion, die iveltlichen Erfolge höher als die Treue zum angestammten Glauben!" „Ja, lieber Vater," machte Salomon achselzuckend, „da könntest Du allerdings Recht haben. Heutzutage —?"