Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 62 (2.8.1900)
- Date
- 1900-08-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1265 dert, diesem mit der Humanität und der Eivilisation unvereinbaren Zustande „sofort ein Ende zu bereiten." Die zur Weiterbeförderung hier weilenden 670 Auswanderer nöthigen 70,000 Kronen sind schon durch öffentliche Spenden, zu denen auch zahlreiche Nichtjuden beigetragen haben, aufgebracht. Diese Auswanderer dürften schon Morgen Abend mit Extrazug über Odcrberg, Berlin und Rotterdam befördert werden. Rumänien. Fossil. (Folgen der A u 6 lv a n d e r u n gO lieber 200 hiesige Hausbesitzer haben sich an das Fi nanzministeriuin mit der Bitte gewendet, es möge ihnen die Zahlung der Grundsteuer erlassen iverden, da ihre Häuser leer stehen. Eine gleiche Bewegung ist auch bei den Bukarester Hausherrn im Zuge, die Ivegen stetiger Abnahme der jüdischen Bevölkerung ihre Häuser ebenfalls nicht vermiethen können und somit eine Befreiung von der Grundsteuer anstreben. Frankreich. Paris, 01. Juli. kW i e d c r ein antisemitischer Offizier.! Herr Amedce Tabert, Besitzer eines Eoneertsaales auf der Pariser Weltausstellung, bat an den Kriegsminister Andre eine Be schwerde gerichtet, welche die Verkommenheit des französischen Öffizicrkorps in ein helles Licht setzt. Am Samstag, den 21. Juli, berichtete Herr Tabert, war einer seiner Agenten im Begriffe, eine Anzahl Herren nach dem Eoncertfaale zu führen, als plötzlich ein elegant gekleideter Herr auf die Gruppe zustürzte und heftig gestikulirend ibr zurief: „Geht nicht hinein! Der Besitzer des Eoneertsaales ist ein schmutziger Jude!" Aus den Versuch des Agenten, den Schreier zur Rede zu stellen, schlug ihn dieser mit einem schweren Stock über Kopf und Gesicht und brachte ihm zwei stark blutende Wunden bei. Ein Schutzmann kam hinzu und brachte die Beiden zur Wache. Hier entpuppte sich der Rowdy als ein Herr de Gopot, Offizier der höheren Kriegsschule. Der freche Antisemit stellte auf der Polizei das unverschämte Ansinnen, man möge das Etablissement des Herrn Tabert sofort schließen, widrigenfalls er und seine Kameraden es thun würden. Paris, 00. Juli. Max Regis ist nach Algier zurückgelehrt, wo ihm von seinen Anhängern ein überaus lärmender Empfang bereitet wurde. Der junge Antisemitenführer hielt vom Stadthause herab eine Ansprache an sein getreues Volk, in der er weder „Nieder mit den Juden!" noch „Tod den Juden!" ausrief, was von seinen Anhängern sehr bemerkt wurde. Ernste Zwischenfälle kamen nicht vor. Rußland. Odessa, im Juli. In Simferopol wohnte längere Zeit ein gewisser I. Mordochowitsch aus Kertfch; seinem Handwerke nach — ein Buchbinder. 1885 trat er in den Militärdienst und diente im 49. Brester Infanterieregiment, welches in Sebastopol garnisonirte. Von Natur krank und schwächlich, wurde M. statt seines Bruders, der flüchtete, unteres Militär gesteckt. 'Nach Beendigung seines Dienstes zog Ni. nach Simscropol, hcirathete und führte ein trauriges Dasein, da er um das tägliche Brod zu kämpfen hatte. Da war cs vor drei Jahren, daß M. unerwartet die Mittheilung erhielt, daß er mit einem Male der einzige Besitzer eines ungeheuren Verinögens geworden sei. Sein leiblicher Bruder, der gleichfalls vor zwanzig Jahren aus Kertfch als armer Handwerker abgegangen, war nämlich nach langem Wandern und aus der Suche nach dem Glücke nach Amerika verschlagen worden. Auf welche Art und Weise Fortuna den Bruder über dem Ozean begünstigte, ist bis jetzt unaufgeklärt, aber der Amerilauer, der vor drei Jahren unverheirathet gestorben ist, ließ ein Vermögen zurück, ivelches auf vier Millionen Rubel geschätzt ivird, ivobei nach seinem Testamente der leibliche Bruder — der Simferopoler Buchbinder I. Mordochowitsch zum einzigen Erben eingesetzt lvlirdc. Alle von den Gesetzen der Ver. Staaten geforderten Formalitäten lvurdcn erfüllt und der Empfang der Erb. schass wurde von Tag zu Tag von Nk. erwartet. Mitte Mai d. I. befand sich aber der „glückliche Erbe" int letzten Stadium der Schwindsucht, und da er den Tod berannahen fühlte, machte der 00jährige I. Mordocholvitsch ein Testament, wonach er von dem Vermögen, dessen faktischer Besitzer er lvähreud seines Lebens nicht war, seinen aruten Glailbcnsgenossen in der Stadt Simferopol 500,000 Rubel vermachte: eine gleiche Summe seiner Frau lKinder batte er nicht!: das übrige Geld vertheiltc er unter seine Verwandten, ebenfalls solche Armen, loie er Zeit seines Lebens war. I. Mordochowitsch starb Ende voriger Woche. Es war keine Kopeke im Hause, um ihn zu bestatten, aber ein großartiges Leichenbegängniß lvurde ihm auf Ge meindekoften veranstaltet. Die irdischen Ueberreste des „armen Millionärs" begleitete eine vieltausendköpfige Menge zur letzten Ruhestätte. Warschau, Ende Juli. (Eine Spende von 50 00 0 R n b e l.) Die Erben des bei der großen Eisenbahnkatastrophe auf der Warschau-Wiener Eisenbahn am 10. Juli um's Leben gekommenen iiidischen Fabrik- und Gutsbesitzers Meier Wolnowsky aus Warschau haben für jüdische wohlthätige Zwecke 50,000 Rubel gespendet. Davon erhält 12.500 Rubel die Warschauer jüdische Gemeinde, eine gleiche Summe erhält die jüdische Handwerkerschule in Warschau, weitere 12,500 Rubel erhalten diverse jüdische Wohlthätigkeiksvereine, während der Rest von 12.500 Rubel zinstragend angelegt werden und die Zinsen im Betrage von 050 Rubel unter den Armen von Przvsiccho, dem Geburtsorte des Verstorbenen, alljährlich an dessen Sterbetage vertheilt iverden soll.