Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 62 (2.8.1900)
- Date
- 1900-08-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449107--51254-2501757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1267 Er legte einen sehr bezeichnenden Ton auf das letzte Wort und machte dabei eine charakteristische Bewegung mit der rechten Hand. Bei diesem Ton und bei dieser Bewegung jedoch erwachte in dem Vater die ganze tiefe Begeisterung für all das, was e r sein Leben lang als recht und gut erkannt. dem, wie all sein Streben, so auch die Erziehung seiner Kinder gegolten hatte; es erwachte der seit langem schlummernde Groll über Salomvns Abwendung, und zum ersten Male kam es zwischen Vater und Sohn zu einer Art Aussprache über die bittere Enttäuschung, die Salomon den Eltern bereitet. „Heutzutage —wiederholte der Vater nachdrücklich und richtete sich von seinem Sitze auf dem Sopha zu seiner vollen Höhe empor, „heutzutage? was soll das bedeuten? Gottes Wort ist unabhängig vom Wechsel der Zeiten, wäre es das nicht, so könnte es nicht göttlich sein! Darum kenne ich keine schwerere Versündigung gegen unfern Schöpfer, als wenn wir seinen ewigen Satzungen die wechselnden Bedürfnisse der Zeit gegenüberstellen! Heute behauptet man, diese Zeit lasse die Beobachtung religiöser Satzungen nicht mehr zu. Nun, und wenn sich diese „Zeit" bei der Wandelbarkeit menschlicher Anschauungen einmal gegen die Eristenz eines Gottes überhaupt erklärt — wie dann? Dann müssen >vir ihr ivohl auch hierin beistimmen? Sie, die nie sich gleich bleibt, vielinehr durch tausend Einflüsse fortgesetzt sich wandelt und weiter bildet, sie sollte maßgebend sein für das, was Gott, den Unveränderlichen betrifft, und sein Wort, das gleichfalls unveränderliche? Heißt das nicht, die Weltordnung um tehren? Und wäre es nicht vernünftiger, des sterblichen Menschen würdiger, wenn er auf den Grund seiner Seele blicken, ivenn er erkennen wollte, daß nicht die „Zeit" der religiösen Bethätigung hindernd im Wege steht, sondern seine eigene Unfähigkeit, die vermeint lickM Hindernisse der Zeit zu überwinden, seine mangelnde Opferwilligkeit, ja, seine mangelnde Willigkeit überhaupt?! In Deinem „heutzutage", lieber Salomon, lag das Programm des Abfalles, lagen Dir jausend Ausflüchte, die das Nichtwollen mit dem Nicht- Können entschuldigen sollen. Ich aber sage Dir: So lange es noch einen einzigen Juden gibt, der den Hindernisten der „Zeit" Trotz bietet und Jude bleibt, so lange darf mir Keines mit seinem „heutzutage" kom inen. Dieser eine Jude schlägt alle jene Ausflüchte darnieder, er ist der lebendige Beweis dafür, vaß man kann — wenn man will! Du, lieber Salomon, hättest auch Du ernstlich gewollt. Du hättest uns vielen Kummer erspart und wir könnten heute auch Leo's Zukunft mit mehr Vertrauen entgegenblicken!" In Salomon hatte offenbar die Gewöhnung an seine Lebensweise schon so tiefe Wurzeln geschlagen, daß ihm die ernsten und gründlichen Worte des Vaters lediglich wie eine unbequeme und lästige Zurechtweisung erschienen. Mir wenigstens schien das aus seinem wechselnden Mienenspiel während des Vaters Rede hervorzugehen. Als der Vater zuletzt persönlich wurde, zuckte Salomon leicht zusammen. Es schien ihm nun eine rückhaltlose Zeichnung seiner eigenen Anschauung am Platze, die er aber vielleicht unterdrückt hätte, wenn ihn nicht die augenblickliche Erregtheit das ihm angeborene Zartgefühl gegen die Eltern hätte vergessen lassen. „Lieber Vater," begann er mit Festigkeit, „Du sprichst immer von Gott und Gottes Wort! Darin liegt eben der Unterschied, daß uns Vieles als Menschenwerk erscheint, was E u ch Gotteswort ist. Was nach Euch den Stempel des Heiligen und Unantastbaren an sich trägt, das ist nach uns vielfach veraltet und unangebracht. Darum lohnt es sich eben für uns nicht, zu wollen. Und selbst wenn wir könnten, würden wir um haltlose Phantome, um Satzungen aus einer längst entschwundenen Zeit die Bequemlichkeit des Lebens und die Vortheile der Gegenwart nur schweren Herzens aufgeben -" Sprachlos hörten die Eltern solche Worte aus dem Munde ihres Sohnes. Salomon schien seine Offenherzigkeit auch sofort zu bereuen, denn als er sah, wie der Vater in tiefer Bekümmerniß die Augen senkte und die Mutter mit einer verzweifelten Gebärde das Zimmer verließ, fügte er begütigend hinzu: „Aber, lieber Vater, Du darfst Dich darüber nicht grämen! Wir stehen uns eben gegenüber wie die alte und die neue Zeit! Das, was ich gesagt habe, ist m eine Ueberzeugung, ebenso wie das, was D u gesagt hast, die Deine ist. Wenn ich denke, lieber Vater, so denke ich doch mit meine m .Kopfe! Du kannst doch nicht verlangen, daß ich mit dem D e i n i g en denken soll! So weit braucht doch wohl die kindliche Verehrung für die Eltern nicht zu gehen —?!" „Das ist es ja eben," fiel nun der Vater ein und ergriff in einer plötzlichen Gefühlswallung Salomon's Rechte mit seinen beiden Händen, „Du sollst eben nicht nur mit Deinem Kopfe denken, Du sollt auch mit Deinem Herzen e m p fi n d e n! Glaube mir, lieber Salomon, Dein Denken kann falsch sein; unser Verstand erfaßt nur das Nächstliegende, während Gott mit Allem, was er schafft und will, stets unendliche Zwecke verbindet. Dein Denken kann Dich irreführen, täuschen: die Empfindung Deines Herzens aber wird Dich selten täuschen. Das. was als heilige Liebe in Deinem Innern lebt, das ist Dir unentreißbar zu eigen. Hättest Du weniger gegrübelt — denn das ist der richtige Ausdruck für das, was Du „Denken" nennst — und hättest Du dafür mehr empfunden, die heiligen Erinnerungen Deiner Jugendzeit nicht gewaltsam aus Deinem Herzen gerissen, Dir und uns wäre wohler!" „Das ist nun alles vorbei," wich Salomon aus, offenbar, weil ihm diese ganze Erörterung peinlich war, „warum sollen wir uns um geschehene Dinge das Herz