Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 62 (2.8.1900)
- Date
- 1900-08-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449049-2449107--51250-2501753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1263 Expedition gemeldet und wie viele tauglich befunden worden sind. Wie hoch der wirthschaftliche Werth des Menschenmaterials, das sich freiwillig für die chinesische Expedition gemeldet hat, zu veranschlagen ist und wie viele aus Begeisterung die Expedition mitmachen, bleibt bis auf Weiteres bester unerörtert. Vielleicht erweisen wir der „Deutschen Tageszeitung" aber einen Dienst, wenn wir ihr mittheilen, daß unter den nach China ausrückenden Mannschaften der einstweilen noch bis zum 6. August in ihrem hiesigen Formationsort verbleibenden 3. Eskadron des Ostasiatischen Reiterregiments sich auch ein Freiwilliger mosaischer Confestion Namens Cohn befindet. Dieser diente im dritten Jahre bei den 5. Husaren in Stolp i. P. und ist mit Schießschnur und Fechtabzeichen ausgezeichnet. Der Kronprinz nahm bei der Abfahrt des Regiments Veranlastung, sich mit dem Mann zu unterhalten und dem Regimentskommandeur seine Freude über ihn auszusprechen." München, 29. Juli. Im Anschluß an das Abendgebet fand am 27. dss. in der hiesigen Synagoge eine Feier für die nach China gehende Freiwilligen- Erpedition statt. Unter den hier ausgerüsteten Mannschaften befinden sich auch Glaubensgenossen von uns, die theils hier, theils in Provinzstädten beheimathet sind. In Vertretung des abwesenden Herrn Rabbiner Dr. Werner führte Herr Rabbinatssubstitut Dr. Fintelscherer aus: Der Grundzug des mit Blut und Thränen getränkten Dramas, welches sich als weltbewegendes Ereigniß der jüngsten Zeit in weiter Ferne, im äußersten Osten, vor unseren Augen abspielt, sei für den Kenner der Geschichte unseres Volkes nur eine Wiederholung dessen, was sich vor Jahrtausenden im Lande der Pyramiden, im Reiche der Pharaonen ereignete. Hier wie dort Bethätigung der rohesten Grausamkeit, des fanatischsten Fremdenhasses, der Kampf der pöbelhaften Gewalt gegen die Rechte der Menschlichkeit, der Kampf der Sittenverwilderung und geistigen Verfinsterung gegen Cultur und Erleuchtung. Die Blätter tausendjähriger Geschichte sind Zeugniß dafür, daß die Söhne unseres Volkes jedesmal auf dem Plan waren, wenn es galt, fiir die Ehre und für die Sicherheit des Landes, welches sie Vaterland nannten, mit Blut und Leben einzustehen. Unsere großen Propheten und Gesetzgeber schärfen uns ein, das Wohl des Vaterlandes zu fördern, mitzuwirken zu seinem Schutze und zu seinem Gedeihen. Unsere heilige Religion gebietet uns auch, den Nächsten zu lieben, auch wenn er Ausländer ist, den Fremdling nicht zu unterdrücken. Die große Nation im Osten hat sich vermessen, die Gesetze der Menschlichkeit und der Civilisation umzuwerfen und allen Fremden den Krieg bis auf's Messer zu erklären. Darum säumen auch die Söhne des jüdischen Volkes nicht, dem Rufe der erhabenen Fürsten Folge zu leisten, hinauszuziehen über die Fluthen gewaltiger Meere, um unter den deutschen Fahnen fechtend Sühne zu holen für die gekränkte Menschenwürde und in die Schranken zu treten für die Ehre und das Ansehen des deutschen Vaterlandes. Gleich wie in jener großen Zeit vor drei Jahrzehnten, wo in dem heilig lodernden Feuer allgemeiner nationaler Begeisterung die deutsche Einigkeit zusammengeschweißt wurde, unsere Glaubensgenossen voll und ganz ihre Schuldigkeit thaten und sich vielfach mit Auszeichnung bethätigten, so werden sie auch in den bevorstehenden Kämpfen dem deutschen Namen Ehre machen und mit dazu beitragen, den deutschen Waffen Achtung zu verschaffen. Mit einem Gebet für die erlaucht, deutschen Bundesfürsten, für das erhabene bayrische Herrscherhaus, sowie für glückliche Fahrt und Heimkehr der nach dem fernen Osten ziehenden Vaterlands-Kämpfer schloß die Feier. Die anwesenden Freiwilligen erhielten von Herrn Rabbinats-Substitut Dr. Finkelscherer je ein Gebetbuch überreicht. Könitz, 31. Juli. Die hiesige Stadtverordneten- Versammlung hat ihrem Mitglieds dem Schlächtermeister Hoffmann, der in die Winter'sche Mordsache verwickelt war, eine Ehrenerklärung gegeben. Es heißt darin: „Wir versichern Ihnen, Herr Hoffmann, daß die Mitglieder der städtischen Körperschaften, daß die gesammte Bürgerschaft unserer Stadt von vornherein, ganz unabhängig von den amtlichen Feststellungen, stets von Ihrer und Ihrer Fräulein Tochter Schuldlosigkeit überzeugt gewesen sind." Herr Hoffmann verstieg sich in seiner Antwort zu folgender Verdächtigung: „Die Juden wollten mich mit allen Mitteln verderben, damit die jüdischen Mörder des Winter straflos bleiben." Borkum, 25. Juli. Samstag und Sonntag gab es in unserm Bade gewaltige Aufregung. Bekanntlich wird allabendlich in den von der Badekapelle ausgeführten Konzerten, die abwechselnd im Strandhotel u. im Kaiserhof stattfinden, auf Verlangen des Publikums das Borkumlied gespielt und mit stets gleicher Begeisterung gesungen. Der Schluß des Liedes lautet: „Doch wer dir naht mit platten Füßen, Mit Nasen krumm und Haaren kraus, Der soll nicht deinen Strand genießen, Der muß hinaus! Der muß hinaus! Raus!" Dieses Lied hatte es nun einem Kgl. Regierungs Baurath C. Hensel aus Hildesheim angethan. Dieser Herr verfaßte ein „Peking-Lied," worin die Chinesen aufgefordert werden, die Deutschen zu massakrieren. Der Schluß dieses Pamphlets lautet: „Doch wer dir naht mit blonden Haaren, Mit weißem Teint und blauem Aug', Der soll nicht deinen Schutz erfahren, Dem schlitz den Bauch. Dem schlitz den Bauch!" Dieses Gedicht wurde gedruckt und am Samstag Abend in einigen Exemplaren durch einen Badewärter im Konzert verbreitet. Als man den Mann fassen