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Der Israelit · 1900-07-30 · Heft 61 (30.7.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 61 (30.7.1900)
Date
1900-07-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1260 Antreten zu muffen, da die Polizei ihr längeres Verweilen nicht dulden konnte. Die Wachorgane und das Bahnhofpersonal zeigten sich tief ergriffen von dem Elend, das sich ihren Augen darbot, und walteten ihres Amtes mit der größten Milde und Schonung. Der Dbmann-Stellvertrter der Israelitischen Allianz, Dr. Kuranda, sowie die Vorstandsmitglieder Dr. Katza» und Pappenheim, nehmen sich der stets neu eintreffen den Answanderergruppen mit größter Hingebung und Fürsorge an und finden sich bei ihrer Ankunft und Ab fahrt stets persönlich ein, um die nöthigeu Anord nungen zu treffen. Im Laufe dieser Woche sind iiu Ganzen ungefähr 2000 Auswanderer in Wien äuge langt, die von hier aus in Trupps von 100 2oo Mann nach Rotterdam, Antlverpen oder Vremen iveiter befördert ioerden. Es ist ein sehr schwieriges Werk, den Auswanderern bei ihrer stets ivachsenden Zahl 11 n terkunft zu verschaffen und die nöthigeu Anstalten zlir Weiterreise zu treffen. — Aus Budapest wird über die Auswanderer gruppe, die aus Wien nach Budapest znriirtgeschiekt tvurde, gemeldet, daß sie den ganzen Tag dort trotz der Hitze auf den, Bahnhose verbringen mußte. Zwischen den Vertretern der israelitischen Gemeinde und den Be Hörden fanden lebhafte Verhandlungen statt, deren Re sultat die Entscheidung war, daß der Trupp bis zum Abend entiveder die Weiterreise anzntreten habe, oder an die rumänische Grenze znrücktransportirt ivürde. Gegen fl Ilhr Abends erfolgte das letztere. VIfit’ Aus wunderer wurden unter Polizeibegleitung mittelst Extrazuges an die rumänische Grenze geschasst. In den Abendstunden des 21. d. langte in Bnda pest abermals ein Zug mit rumänischen Flüchtlingen an; sie wurden von der Polizei in Empfang genommen und bis auf Weiteres im Schubhans untergebracht. Fast zur selben Zeit brachte auch ein Dampfschiff einen Auswanderer Transport nach Budapest, doch ivurde es den Leuten verwehrt, an'S Land zu gehen. Sie inüffen bis morgen an Bord des Schiffes bleiben, ivorauf über ihr Schicksal entschieden tverden tvird. Ein Mann und eine Iran dieser Gruppe stürzten sich aus Verzweiflung über die Behandlring, die ihnen z» Theil ivurde, in die Donau; sie konnten gerettet iverden. — Wie aus Budapest berichtet ivird, gestatteten die dortigen Behörden nach langen Verhandlungen mit den Bertretern der israelitischen EultuSgemeinde, daß die am Freitag angekommenen jüdischen Auswanderer aus Rumänien, etwa sechshundert an der Zahl, drei Tage in Budapest bleiben dürfen. Inzwischen sollen alle Anstrengungen gemacht iverden, um für-die Aus Wanderer die Kosten der Reise nach Vlmerila aufzu bringen, die über Fiume erfolgen soll. Die Answanderer wurden von vielen Seiten mit Geld, Kleidern und Lebensmitteln beschenkt. Unter den Spendern befan den sich auch Christen; so sendete ein Bäcker den Armen dreitausend Semmeln. Ein Kind, das plötzlich er krankt, ist im Spital gestorben. Wie iveiter berichtet ivird, ivurde am Sonntag de» mit Geld und Pässen versehenen VluSivanderern die Weiterreise gestattet. Die gänzlich Mittellosen kehren zivangsiveise nach Ruinänien zurück. Rach einer Mittheilung der Israelitischen Vllliauz gestattet nänilich die Regierung von Eanada Frauen und Kindern das Betrete» des Landes nur dann, iveun sie 10 Pfund besitzen. Da die Wiener Polizeidirettio» an die Budapester angeblich das Ersuchen richtete, den Vlusivanderern die Weiterfahrt nach Wien, die nutzlos sei, nicht zu ge statten, versprach der rumänische Vice «Konsul in Bu dapesk, im Interesse der rumänischen Staatsbürger, gegen dieses Vorgehen ,zu Protests ren. Bisher ist ein solcher Protest allerdings nicht erfolgt. Das Ministerium des Innern hat einen Erlaß heraasgegeben, nach tuelchem nur jenen rumänischen Vlusivanderern das Ueberschreiten der «Grenze gestattet ist, welche eine nach Vlmerila lautende Fahrkarte be sitzen oder über die entsprechende lLetdsumme veesügen. Vlusivanderer, ivelehe dieser Anforderung nicht ge nügen, sollen angehalten und nach Rumänien zurüelbe fordert iverden. Zeitungsnachrichten und Norrisponvenzert. Deutschland. Berlin, 20. Juli Die Antisemiten hielten gestern n/ieder eine Versammlung ab, in der (Aras Piickler er klärte, daß er sich durch die gegen ihn und die „Staats bürgerzeitung" erhobene Vlntlage nicht einschüchtern lasse, Em beantragte ivieder eine Ergebenheitsdepesche an den Kaiser. Dagegen ivurde Einspruch erhoben, iveil der Kaiser auf die frühere Depesche nicht geant ivortet habe. Es ivurde vermuthet, daß sie ihm nicht übergeben ivorden sei. Die Versamuiliiug beschloß doch ivieder mit großer Mehrheit, ein Telegramm an den Kaiser, nachdem Graf Piickler versichert hatte, der Kai ser nehme von all diesen Telegrammen Kenutniß, das wisse er von seinem Bruder, dem Hofmarschall Grafen Piickler. Col'leuz, 01. Juli. Wir erhallen die folgende Zuschrift: „Vlnscheinend ioar der Rachruf für den verstorbe neu Herrn Leopold Salomo» nur Mittel zum Ziveck, die Verwaltung ivieder einmal nach außen hin zu dis ereditiren. Seit Jahren hat sich die Verivaltung leider daran gewöhnt, Berichte, die in entstellender Weise die Thatsachen lviedergeben und Gehässigkeiten aller Vlrt über sich ergehen zu lassen und halten mir es unter im serer Würde, dem Vlrtilelschreiber auf sein Gebiet zu folgen.

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