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Der Israelit · 1900-07-30 · Heft 61 (30.7.1900) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 61 (30.7.1900)
Date
1900-07-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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41. Jahrgang. Aeikage zu M 61 des „Israelit". S Leitender Artikel. Ilis Klcilil Kl rumätiif(tjcn AiisivuiKrer. W i e n, 26. Juli. Am Donnerstag, 26. d., traf wieder ein Trupp von etwa achthundert Auswanderern, zumeist Frauen und I Lindern, and Rumänien auf dem Wiener Staatsbahn- »ofe ein. Groß ist das Glend unter ihnen, die Leute haben nickst die geringsten Mittel, sie tonnten sich teine Unterkunft verschaffen u. irrten rathlod in der glühenden Hitze herum. Sie waren über llngarn getommen, wo man ihnen keinen Aufenthalt gewähren ivollte und nie Reise nur unter der Bedingung gestattete, das; ihre Billette über die ungarische Grenze hinaus lauteten. Bon hier wollten sie nach Antwerpen reisen, um sich dort nach Amerika einzuschiffen. Aber tvoher die Mittel zur weiten Fahrt nehmen? Wären sie doch hier verhungert, wenn nicht mildthätige Leute ihnen Brot gegeben hätten. Der Bieepräsident der Israelitischen Allianz, Dr. Arthur Kuranda, begab sich zum Direktor der Staatseisenbahn-Gesellschaft, Hofrath von Grimburg, und hat ihn, für die Armen ein Lokal ausfindig zu machen, in lvelchem sie Schutz vor den sengenden Strahlen der Sonne und Nachtquartier finden könnten. Hofrath v. Grimburg ließ, von Mitleid erfaßt, eine große Wagenrcmise aus dem hiesigen Staatsbahnhof räumen, und dort fanden die Unglücklichen willkommene Unterkunft. Allein auch in Wien ist ihres Bleibens nicht länger, und ihrer Weiterreise stellen sich die größten Schwierigkeiten entgegen, so daß nichts übrig bleibt, als ste nach Rumänien zurückzusenden. Wird aber ihre Heimath sie ausnehmen? Man weiß es nicht. Deßhalb wurden die Frauen und Kinder heute nach Budapest gebracht, und non dort aus sollen diplomatische Verhandlungen mit der rumänischen Negierung eingeleitet werden. Sollten nun die Armen nicht in Budapest geduldet und von der rumänischen Regierung nicht wieder ausgenommen tverden, was dann? — lieber die Vorgänge bei der Abreise der Auswanderer aus Wien wird Nachstehendes berichtet:: Heute Abend wurde auf dem Frachtbahnhofe der Staatsbahn ein Zug bereit gestellt, um die armen Leute nach Budapest zurückzubesördern. Um 10 Uhr sollte die Rückreise erfolgen. Während der Ginwaggonirung der Unglücklichen spielten sich Szenen voll herzzerreißenden Jammers ab. Anfangs waren sie nicht dazu zu bewegen, den Zug zu besteigen. Nachdem ste ihre letzte Hoffnung auf ihre Auswanderung gesetzt hatten, wollten ste nicht ivieder in das alte Glend, dem ste entronnen zu sein glaubten, zurückgestoßen werden. Gs mußte ein Wacheaufgebot interveniren, um die Auswanderer in die Waggons zu bringen. Der in Dunkel gehüllte Platz war nur an einigen Stellen durch Fackeln grell beleuchtet. Vor dem Zuge saßen sie, in einem dichten Knäuel zusammengepfercht, dumpfe Verzweiflung in den Mienen. Rur mit großer Mühe gelang es den Wachleuten, die Leute zum Ginsteigen zu belvegen. Die Männer macksten Anstalten, sich zur Wehr zu setzen, die Frauen und Kinder jammerten und lveinten: „Bevor nur zurücktehrcn, lieber werfen wir uns unter die Schienen." Die Wachleute brachten endlich die Unglücklichen in die Wagen. Der lange Zug hatte kaum Platz, sie alle zu fassen. Die Frauen jammerten noch bei den Gonveesenstern u. beschworen die Gondueteure, sie hier zu lassen. Andere wieder sah man, das Gesicht mit den Händen bedeckt, bitter weinen und schluchzen. Gin alter Mann geberdete sich wie rasend; mit großer Roth gelang es, ihn in das Goupee zu bringen. Von Durst gequält, verlangten die Kinder nach Wasser, das sehr schlver herbeizuschaffen lvar. Endlich wurden von einigen Bahnbediensteten große Kübel zu dem Zuge gebracht, und die Auswanderer konnten sich für die Fahrt ihre Flaschen füllen. Die Goupees wurden nun abge. sperrt und der Zug setzte sich um 10 Uhr Abends in Bewegung. — lieber die Rückfahrt der rumänischen Auswanderer nach Budapest erhält die „N. Fr. Pr." noch folgende Mittheilungen: Gs war nicht möglich, für die ungefähr achthundert Personen starke Truppe in Wien Unterstand zu finden, da alle Lokalitäten, welche die Israelitische Allianz gemiethet hat, iiberfüllt sind. Gbensowenig konnte daran gedacht werden, die meist aus Frauen und Kindern bestehende Truppe die weite Reise nach Ganada antreten zu lassen, denn es stand zu befürchten, daß man in Amerika die Leute gemäß den dortigen Bestimmungen als mittellos nicht an's Land lassen werde. Außerdem mußte man sich auch die Frage vorlegen, ob die zahlreichen Frauen und Kinder im Stande wären, auf dem fremden Boden ihren Lebensunterhalt zu finden. Die Israelitische Allianz suchte daher die Auswanderer bereits in der rumänischen Grenzstation Predeal durch einen Vertrauensmann von der Weiterfahrt abzuhalten und ste zur Rückkehr zu bewegen. Da die Leute nun aber einmal ihre Wohnsitze verlassen hatten, lvollten sie von einer Rück kehr nichts wissen und passirten, nachdem ste in Predeal zlvölf Tage gelvartet hatten, trotz aller Warnungen, die rumänische Grenze. Gs blieb ihnen daher das traurige Loos nicht erspart, von Wien aus die Rückreise wieder

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