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Der Israelit · 1900-07-30 · Heft 61 (30.7.1900) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 61 (30.7.1900)
Date
1900-07-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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MWWMM!M-.WVWWWWWWWW» 1247 g vor. Heute noch kann ich mich eines Gefühls tiefer Ergriffenheit nicht erwehren, wenn ich an die „Awaudo" meines Vaters zurückdenke. „Uns Kinder — ich hatte nur noch einen älteren Bruder — gaben die Eltern eine gediegene religiöse Erziehung. Wir waren von frühester Jugend an in jener frommen Sphäre ausgewachsen, deren beglückende J Wirkungen sich über das ganze Leben des Menschen i ergießen, vorausgesetzt, daß er es versteht, all den vielen! zerstreuenden Einflüßen des Lebens Stand zu halten, j sich den tiefen r-ligiösen Urgrund, den die Jugendzeit in! sein Inneres gesenkt, fest und unangetastet zu be- I wahren. Kann er das, weil er sich bei Zeiten durch j strenge Selbstzucht herangebildet hat, dann ist ihm [ jener religiöse Urgrund das Fundament alles irdischen jj Glückes, mag es ihm im Leben ergehen, wie es will: Ier ist gestählt im Leide, und in der Freude behütet vor Uebermuth. Es war namentlich auch unsere gute Mutter, die diese religiöse Festigkeit in uns zu wecken verstand. Sie war eine körperlich ziemlich schwache Frau, aber von einer seelischen Widerstandskraft ohne Gleichen. Ihr Gottvertrauen war unbeugsam. Zahlreiche Sprüche und Gleichnißreden, die sie selbst einst von ihren Eltern gehört, führte sie als mahnende Worte im Munde, für alle Anlässe des Lebens, freudige und traurige. Ein Lieblingswort von ihr war: „Der Mensch kann, was i er will, wenn er will, was er sollt" Und den Willen,; den ernsten, festen Willen zum Guten, zum Religiösen, zuin Jüdischen in uns zu wecken, durch ihr Beispiel und ' durch ihre Mahnung, das war die Aufgabe ihres Le-; bens. — j Leider haben sich die Erwartungen und Hoff- \ nungen, welche sie auf die Früchte ihrer Erziehung gej setzt, nicht in dem Maße erfüllt, wie sie es nach dem! Ernst und der Aufrichtigkeit ihres Strebens verdient? hätte. Mein Bruder Salomon nämlich schlug aus der >1 Art. Die Erziehung, die er genoß, war nicht minder s sorgfältig gewesen, als die meine. Salomon mußte s von früh auf täglich mit dem Vater zur Synagoge, als k Barmitzwa hat er die ganze Sidca, die der Vater selbst k mit ihm einstudirt, zur lebhaften Zufriedenheit der gank zen Gemeinde vorgetragen. Er besaß eine wunderbar I leichte Faffungskrast und eine überaus liebliche 8 Stimme. Ich besinne mich noch, mit welch' ehrfürchtiger 8 Scheu ich zu ihm, dem viel Aelteren, emporschaute, als s der Vater ihn einmal am zweiten Peßach-Abend den I Seder geben ließ. Ich beneidete ihn um die hohe Ehre I und war stolz auf das Lob, welches die Eltern ihm g spendeten, weil er die ganze Ceremonie mit Umsicht u. I Aufmerksamkeit, ohne nennenswertsten Fehler, durch- » geführt hatte. » Der elterlichen Erziehung konnte man also wohl I keine Schuld geben, wenn Salomon späterhin die be- > glückenden Pfade der Religion abseits liegen ließ und I dafür die wirren, vielfach gewundenen Straßen der Welt einschlug. Nicht als ob er eine Art Weltmensch geworden wäre, und in Vergnügungen aller Art geschwelgt hätte; vielmehr war er von einem ernsten Trieb zur Arbeit beseelt und brachte es in der kaufmännischen Laufbahn, die er eingeschlagen hatte, durch seinen rastlosen Fleiß und seine eiserne Energie im Laufe der Jahre zu einer Stellung ersten Ranges. Anfangs Reisender für ein Garderobengeschäft, assosirte er sich später mit einem reichen Jugendfreunde zur Gründung eines Tuchversandhauses in einer großen rheinischen Stadt, und die Firma „Gottschalk und Treu" tvar bald eine der ersten in dieser Branche. Mag nun der Umgang cs verschuldet haben, oder die Schwierigkeit religiöser Führung auf der Reise, oder auch eine gewisie freiere Lebensanschauung, die in Salomon Platz griff — genug, er hatte schon bald nach Vollendung seiner Lehrzeit eine Stellung angenommen, in der er am Sabbat arbeiten mußte. Leicht mag es ihm nicht geworden sein, den Eltern diesen Sckunerz zu bereiten; denn in seiner verehrungsvollen Liebe zu Vater und Mutter hatte er niemals nachgelassen: immer war er ein guter und dankbarer Sohn geblieben, und viele Jahre hindurch, bis zu seiner Verheirathung, brachte er jedes Jahr die hohen Festtage im elterlichen Hause zu. Allmählich, nachdem er sich die Sabbatarbeit gewöhnt hatte, nahm Salomon es auch mit den Speisegesetzen nicht mehr genau, zumal er als Reisender in dieser Beziehung ohnehin mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Der Bann war durchbrochen, die innere Festigkeit schwand, die Scheu vor dem religiös Unrechten nahm ab. Wie Salomon früher vertraut war mit der Beobachtung der Gottesgebote, so gewann er nun die Vertrautheit mit der Sünde. Vermochte er in sich die Widerstandskraft gegen diese Lockung aufrecht zu erhalten, wenn er sie gegen die andere preisgegeben hatte? Das Wort unserer Weisen, daß nicht nur eine gute That wieder eine gute, sondern auch eine Sünde wieder eine Sünde nach sich ziehe, bewahrheitete sich an meinein Bruder Salomon. Wie das Alles auf die Eltern wirkte, wird man sich vorstellen können. Ihr Aeltester und Erstgeborener, ihr Stolz und ihre Hoffnung, er, dessen Schritte sie mit peinlichster Sorgfalt behütet hatten und den sie sich heranzubilden dachten zu einem echten, jüdischen Mann, der ihren Spuren folgte — er war untreu geworden, war abgefallen von den elterlichen Grundsätzen! Bei seiner Hochzeit hatte er wohl insofern Rücksicht auf die Eltern genommen, als er das Festmahl in einer Weise arrangirte. daß die Eltern ohne Skrupel daran Theil nehmen konnten. Allein ihre Freude war doch im Voraus durch das Bewußtsein vergällt, daß sich ihnen das Haus ihres Sohnes mit dieser Ehe so gut wie verschloß. Denn die Frau, welche Salomon sich genommen hatte, war wohl reich und schön, aber nichts weniger als religiös.

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