Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 60 (26.7.1900)
- Date
- 1900-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1219 über folgende herzzerreißende Schilderung: du, die du einst auch deinen Nachbarn als Aufenthalt der Gerechtigkeit galtest, welchen Druck seitens der Barbaren mußtest du erleiden. Deinen König hast du verschmäht, denen, die dich zur Tugend führen wollten, nicht gehorcht, als du noch das heilige Land bewohnteit. Verwerflich lvar dein Benehmen, Unreinheit haftete dir an. Verbotene Pfade suchtest du aus, betratest die Bahn deiner Schwestern, folgtest ihrer Unkeuschheit u. ließest deine Söhne und Töchter ein unzüchtiges Leben führen. Gilt auch diese Schilderung in erster Reihe der Zeit des ersten heiligen Tempels, so muß auch für die Zeit der Zerstörung des zweiten heiligen Tempels die Sittenverderbniß als Ursache derselben erkannt werden. „Niemand redet Wahrheit, sie üben ihre Zunge, Liige zu reden, mühen sich, Böses zu thun," ruft Prophet Iirmijahu im Hinblick auf jene Zeit. Die Sitten waren gänzlich verderbt. Redlichkeit war nicht vorhanden, Bündnisse und Verträge hatten keinen Werth und das gegebene Wort zu brechen war an der Tagesordnung. Die Geschichte brandmarkt das Benehmen des damaligen Israel durch folgende Begebenheit. Die Israeliten belagerten die Römer, die in der Tempelburg eingeschlossen waren. Die Römer vertheidigten hartnäckig die Burg, doch durch Hunger gezwungen übergaben sie die Beste den Israeliten, mit der ausdrücklichen Bedingung ,daß ihnen freier Abzug gewährt wurde. Dies wurde ihnen auch zugestanden. Doch kaum hatten sie die Burg verlassen, da drang eine Rotte aut die iinbewasfneten Römer ein und richtete ein entsetzliches Blutbad unter ihnen an, so daß auch nicht einer von ihnen entkam. Dieses unwahre Handeln schuf die Kette aller weiteren schlimmen Folgen. Eine von den ObvN'-Mp, von den erforderlichen Säulen der Weltordnung heißt rex, Wahrheit. Ist sie unter den Menschen nicht mehr zu finden, dann stürzt das Weltgebäude zusammen und begräbt den Unschuldigen mit dem Schuldigen. Darum ging Israels Herrlichkeit unter, darum wurde die heilige Zionstadt zerstört, darum konnte der heilige Tempel keinen Schutz gewähren. So wir daher über die Zerstörung des heiligen Tempels traliern, klagen wir gleichzeitig über den Untergang der Sittlichkeit, welche das große Verderben über Israel brachte e^rre 'nxxz anjRjö ’rixsca hingegen war jeder durch das har lnonische Zusammenwirken aller Familienglieder von dem Gedanken beseelt, daß „die Liebe zur Familie dem Sonnenstrahl gleichender wohl in sieben Farben sich bricht, doch nur wärmte und leuchtete, lvenn alle sieben zu einem sich vereinigen." Den lvenn die Liebe im Hause nur vereinzelt dasteht, wenn die Elternliebe und keine Kinderliebe, wenn diese oder jene nicht erwiedert wird, wenn die Geschlvister unter einander einträchtig; sind, aber nicht die Eltern, so kann ein erfreuliches, heilbringendes, befriedigendes Familenleben nicht erzielt werden. Ja, alsdann Nluß die Erziehung der Kinder, die getreue Beobachtung der Thora, die Bethätigung der Liebeswerke gegen Andere Einbuße erleiden und eine Kette weiterer Verirrungen nach sich ziehen. „Am Sonnenschein des Familienlebens hingegen entfaltet sich zuerst die Knospe der Menschenliebe, und nur das Familienhaus, wo Gatte und Gattin, Eltern und Kinder, Geschlvister und Verwandte sich gegenseitig erfreuen, mit einander »vetteifern in Hin gebung und Aufopferung, wo Freundlichkeit, Wohlwollen und Güte jeden Tag sich bewähren, ist die Vorschule der Liebe gegen Gott als himmlischen Vater und gegen die Mitmenschen als Brüder." Und durch solches harmonische Familienleben hatte jenes Zeitalter in Egypten alle Tugend erlangt, die es für jene erhabene Bestimmung fähig machten. Hierdurch erlangte es die Würdigkeit, aus dein Sklavenhause erlöst, die Fähigkeit, mit dem himmlischen Kleinod der Thora beglückt zu werden. Die Fehler der Vergangenheit sollen in der Gegenwart und durch die Gegenwart gut gemacht werden. Hierzu sollen wir durch die Erinnerung an jene beiden Momente c^rvc 'nxxz und d’Uecdrrxsgeführt werden. Wir haben der Thora den Gehorsam verweigert, wir haben von der Erfüllung der Gottesgebote uns freigemacht, wir müssen zurückkehren zur Thora: wir müssen die Gebote wieder erfüllen mit aufrichtigem Herzen und ungetheiltem Sinne, mit wahrer, vollständiger Hin gebung an sie und für sie. Dann wird auch aus unserer Mitte o:n rix;tr die Feindschaft ohne Grund und Ursache, die gegenseitige zwecklose Befehdung schwinden und aufhören. Fällt die Heuchelei, dann siegt die Wahrheit, blüht die Gerechtigkeit und verschwindet die Feindschaft, denn wo die Wahrheit herrscht, ist kein Feld für Heuchelei, kein Boden für Haß und Feindschaft. Die Ursachen alles Hasses ist die Unlvahrheit, dle Veranlassung solcher Feindschaft ist die Lüge, und wenn die Wahrheit das Szepter führt, ist die Weltherrschaft des Friedens für alle Zeiten gesichert. Mit diesen Gedanken im Herzen sollen wir die drei Wochen der Trauer durchleben, sollen wir sie auch nach Ablauf derselben als unsere Begleiter und Wegweiser mit uns führen. Dann wird uns aus des Himmels Höhen der Ruf entgegentönen r, ivw ’oy ion: icn: „tröstet, tröstet mein Volk, spricht Euer Gott." Zeitungsnachrichten und Correspondenze«. Deutschland. Berlin, 22. Juli. Nach dem Erscheinen des ersten Artikels „Jüdische Geheimschriften und der Konitzer Mord" (Nr. 212 und 216, „Berl. Neueste Nachr." vom 8. und 10. Mai) verlautete, die konservative Fraktion des preußischen Herrenhauses habe beschlossen, die In-