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Der Israelit · 1900-07-23 · Heft 59 (23.7.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 59 (23.7.1900)
Date
1900-07-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1206 Ein vielvxrheißender Versuch wurde auch gemacht, nothleidenden Juden in der Landwirthschaft Arbeit und Brot zu verschaffen. So wurden Ende Juni 126 Juden aus Orgjejew auf dem Gute des Baron Günzburg untergebracht, wo sie bei der Rübenernte beschäftigt werden. Der Lohn ist zwar minimal und beträgt nur 26 Kopeken pro Tag, nebst einer täglichen Ration von v-2 Pfund Fleisch und drei Pfund Brot, sowie Hin- und Rückfahrt auf Kosten des Arbeitgebers. Trotzdem haben auf der betreffenden Ankündigung in allen Synagogen sich statt der verlangten 126, sofort 400 Mann gemeldet. Hoffentlich wird die Erntezeit, während welcher auch in Rußland große Nachfrage nach Arbeiter herrscht, vielen Tausenden von Juden Beschäftigung bringen und sie so über die schwere Zeit bis Ende August hinweghelfen. Die zur Organisation des Hilfswerks in Bessarabien erforderlichen Mittel werden zum allergrößten Theil in Rußland selbst aufgebracht. So hat, um nur ein Beispiel aufzufllhren, die Redaktion des „Woschod" allein bis jetzt über 61,000 Rubel quittirt, in jüngster Zeit beginnt zwar auch das Ausland endlich für die Nothleidenden in Bessarabien sich zu interessiren. In den letzten vier Wochen hat unser Lokalkomitee in Kischinjew über 14,000 Rubel aus Amerika quittirt. Ferner hat es 1900 Rubel aus Leeds erhalten, welche durch die „Jewish-Expreß" gesammelt wurden. Im Allgemeinen sind aber die Beiträge des Auslandes bis jetzt minimal geblieben, und wird der allergrößte Theil der erforderlichen Mittel von den ruffischen Juden selbst aufgebracht. Dieses ist um so bemerkenswerther, als in Rußland jetzt eine allgemeine ökonomische Krisis herrscht, unter welcher gerade die Juden am meisten zu leiden haben. Glückerlicherweise dürfte die Noth in Bessarabien nicht allzulange mehr dauern. Laut offizieller Mittheilung der Landwirthschaftskammer sind in Folge der in der letzten Zeit in den Gouvernements Cherson und Bessarabien niedergegangenen reichlichen Regen die „Erneteaussichten in fünf Kreisen des Gouvernements Bessarabien theils gut, theils vorzüglich." Mit erfolgtem Einbringen der Ernte aber hat die Roth in Bessa rabien — wenigstens in ihrer jetzigen acuten Form — ein Ende genommen und unsere tapferen russischen Brüder haben die schwere Krisis glücklich überstanden. T. Rumänien. Bukarest, 16. Juli. Der Junimistenführer Peter Carp ist im Begriffe, das Ruder der Regierung in Rumänien zu übernehmen. Er hat den Muth der Ueberzeugung, auch wenn er einer verirrten Voltsströmung entgegentreten muß und des Beifalles nicht sicher ist. So nahm er wiederholt in der Judenfrage einen Standpunkt ein, der nicht dem der judenfeindlich gesinnten Majorität der Kammern entsprach, sondern die edel menschliche Veranlagung eines echten Culturmenschen vertrat. Er war Domänen-Minister unter Catargui, als in der rumänischen Deputirtenkammer im Februar 1893 ein neues Schulgesetz von der Regierung eingebracht ward. Als sich Stimmen zu Ungunsten der Juden erhoben, deren Ausweisung aus den öffentlichen Schulen befürwortet ward, sprach Carp von der Regierungsbank einen flammenden Protest gegen eine so unmenschliche Absicht, und er gebrauchte Worte, die mehr in dem Geiste eines Castelar, als eines moldauischen Bojarensohnes gehalten waren. „Meine Herren," sagte er, „ich bin stolz darauf, daß ich glaube, Rumänien solle auf der Balkan-Halbinsel ein Culturcentrum sein, das nach außen Strahlen werfe; ich besitze den Stolz, zu glauben, daß wir auf dem Balkan das erste Volk seien, daß keines von den Naturvölkern uns übertreffen darf, daß die Civilisation von uns zu ihnen, nicht aber von ihnen zu uns sich ausbreiten soll." Wie nun könnte, meinte der Redner, Rumänien Anspruch erheben, sich ein civilisirtes Land zu nennen, wenn es, statt sich durch Bildung für die Concurrenz mit den Juden zu stärken, diesen die Pforten der Schulen schließen wolle, um sie so auf gewaltthätigem Wege zu Ignoranten zu machen? Und würden sich denn die Juden zu Unwissenden degradiren lassen? „Sie werden Schulen gründen, die besser sein werden, als die unseren. Denn der Verfolgte arbeitet mehr als jeder Andere." Carp hatte damals nicht zum ersten Male der judenfeindlichen Stimmung entgegengearbeitet. Er hatte es wiederholt früher gethan, einmal in einem Augenblicke sogar, als so leidenschaftliche Erregung im Lande herrschte, daß man dem edlen Anwalt der Menschlichkeit das Haus anzünden und ihn selbst ermorden wollte. Der Zufall will es, daß er im Begriffe ist, an die Spitze der Regierung in einem Moment zu treten, da wieder viele Juden aus Noth den heimathlichen Boden verlassen. Menschen, die Carp gut kennen, nehmen an, er werde es nicht an Mitteln fehlen lassen, den furchtbaren Drangsalen der Juden Rumäniens zu steuern. Jedenfalls gelangt mit Carp ein Mann zur Regierung, der den Geist der Zeit versteht und für sein Vaterland eine Aera herbeisehnt, in der er an den großen Aufgaben der Civilisation mitzuarbeiten berufen wäre. Er wird sicherlich seinem um Rumänien hochverdienten König ein Berather in der Richtung sein, daß dieser, wie es ihm der befreundete Oxforter Gelehrte Max Müller vor einem Vierteljahrhundert wünschte, ein Markgraf europäischer Cultur an der Donau sei." Der in die Weisheit der Inder tief eingeweihte Deutsch Engländer schrieb dem Fürsten, der noch nicht König war: „Unsere Nächsten zu lieben oder zu bessern, ist oft schwer," und er ermahnte ihn, Schulen zu errichten, denn „unsere nächstkoinwenden Geschlechter zu lieben und zu bessern, das können wir Alle." Ein Peter Carp allerdings, der wiederholt gegen

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