Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 58 (19.7.1900)
- Date
- 1900-07-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1194 Herbst hierüber berichte. Hofrath Prof. Nothnagel trat für die Durchführung dieses Gedankens ein. Unser Verein, sagte er, ist leider nicht in der Lage gewesen, in den letzten Jahren etwas Ersprießliches zu leisten, so daß wir uns thatsächlich die Frage vorlegen muffen, ob wir heute noch eine Existenzberechtigung haben. Wir sind nicht fähig, mit den Waffen zu kämpfen, mit denen unsere Gegner vorgegangen sind. Aber so kann es nicht weitergehen, wenn wir ein so beschauliches Dasein in cainera caritatis führen, so werden wir zum Gespött, statt daß wir einen ersten Factor darstellen. Der Name des Vereins ist heute nicht mehr zutreffend. Zur Zeit, als der Verein gegründet wurde, konnte man hoffen, mit Hülfe einer Reihe den intelligenten Schichten angehörender Persönlichkeiten vorwärts zu kommen. Damals warn die Gegner noch nicht so stark, damals konnte noch von einer Abwehr gesprochen werden. Allein die Situation hat sich vollständig geändert, heute muß man zufrieden sein, wenn der Antisemitismus uns nicht todtschlägt, natürlich in bildlichem Sinne. Es muß ein anderes System, eine andere Art des Vorgehens inscenirt. jene Bestimmung der Statuten, welche dem Vereine die Politik untersagt, muß eliminirt werden. Heute gibt es nur eine Möglichkeit, um die große Menge von der brutalen Schändlichkeit und Schmach des Antisemitismus abzuwehren und das ist der finanzielle Krach in Wien. (Zustimmung.) Wir mögen mit Engel- oder Menschenzungen reden, wir richten nichts aus. Vielleicht, wenn Jeder von uns sich allabendlich in drei Vorstadtkneipen setzen und den Leuten dort alles Mögliche und Unmögliche versprechen würde — da wir das aber nicht können, so werden wir nichts durchsetzen. Nur das wird fruchten, wenn der Wiener einmal zahlen muß (Zuruf: Beim Zahlen, da hört die Gemüthlichkeit aus!), dann wird ihnr ein Licht aufgehen über den Werth des Antisemitismus. Durch unsere ethische Thätigkeit werden wir nichts erreichen, und auch in der Heranwachsenden Generation haben wir wenig Aussicht. Männer zu finden, die unser Erbtheil übernehmen und das zu erreichen, was uns nicht möglich war. Aber wir dürfen nicht verschwinden, wir müssen uns unserer Haut wehren und den Kampf aufnehmen. Wir haben heute nicht den Antisemitismus abzuwehren, sondern uns gegen ihn zu wehren. Wir müffen festhalten an dem alten Worte: „Wie jeder sich wehrt, so wird er geehrt." (Lebhafter Beifall.) Der Antrag des Bezirksrathes Waldstein wurde sodann angenommen und per Acclamation in die Vereinsleitung gewählt: Baron A. G. Suttner als Präsident, Baron Dr. Seiller als Vicepräsident, ferner die Herren August Beiling als Caffier,Balduin Groller und Friedrich Engel als Schriftführer. Superintendent Professor Dr. F. M. Seberenyi, die Abgeordneten Dr. Kronawetter und Wrabetz, Franz Frauenberger und Carl Palava als Ausschußmitglieder. Grotzwardein, im Juli. Wie seinerzeit dem „Israelit" berichtet wurde, wollte der hiesige Oberrabbiner seine Zeugenaussage ohne Kopfbedeckung nicht beeiden. Der amtirende Richter verurtheilte ihn deßwegen zu einer Strafe von 500 Kronen, wogegen der Oberrabbiner appellirte. Der Gerichtshof hat nun in zweiter Instanz die Appellation zurückgewiesen mit der Motivirung, daß laut der allgemeinen Geschäftsordnung die Zeugen nicht berechtigt sind, den bürgerlichen Zeugeneid nach der Zeremonie ihrer eigenen Religion abzulegen. Für dieses Urtheil ist Herr Szabolosi, der Redakteur des vielgelesenen und weitverbreiteten „jüdisch"-konfeffionellen Blattes in zwei fulminanten Aufsätzen mit dem ganzen Aufgebote journalistischer Sophistik eingetreten. Aus theologischen und staatsrechtlichen Gründen gab er dem antijüdischen Richter vollkommen recht und forderte kategorisch die Verurtheilung des Rabbiners. Der Referent des Gerichtshofes legitimirte sich auch mit den talmudischen Auslassungen des jüdischen Redakteurs und plädirte für das Votum der jüdischen Zeitung. Nun wird noch die königl. Tafel und die Curie auch ein Wort dreinzureden haben, und es unterliegt keinem Zweifel, daß in letzter Instanz der Oberrabbiner Recht behalten werde. Man wird eben dafür sorgen, daß dieses in allen kritischen Fällen, wo es sich um Orthodoxie handelt, der jüdischen Tradition und Gesetzestreue hohnsprechende Blatt nicht als „jüdische" Bezugsquelle gelte. Die gerichtliche Geschäftsordnung zwingt wohl nicht den bürgerlichen Eid bedeckten Hauptes zu leisten; sie verbietet aber auch nicht die Kopfbedeckung, ganz besonders, wo es sich um eine religiöse Norm handelt. Ob es aber vom jüdisch-religiösen Standpunkte gestattet sei, den Namen Gottes baarhäuptig bei einem feierlichen Eide anzurufen, das wird in letzter Instanz nicht „Egyenlöseg," sondern ein ganz anderer Faktor entscheiden. Wie klagt doch der Prophet: „ami, m'aschrecho maßim, mein Volk, deine Beglücker führen dich irre!" Grosiwardein. Hierselbst hat die jüdische Schule das Andenken des unvergeßlichen Vorstehers Isidor U l l m a n n in pietätsvollster Weise gefeiert. Die städtischen Behörden, mit dem Obergespan an der Spitze, betheiligten sich an der Feier und besichtigten bei dieser Gelegenheit die Schularbeiten der Zöglinge. Die hiesige orthodoxe Kultusgemeinde ist berufen, als Muster und Vorbild für das große Prinzip von „Torah im Derech-Erez" segensreich zu wirken. Und sie erfüllt diese Mission mit achtunggebietendem Fleiße und großen Opfern. Der allverehrte Ober-Rabbiner M. Fuchs, dem der Schuldirektor Jakob Gabel, eine bewährte pädagogische Kraft, ein gottesfürchtiger und gelehrter Mann, zur Seite steht, sowie der würdige Nachfolger Ullmann's, der derzeitige Cultusvorsteher Rabbi A. Schwarz, geben allen Gemeindeeinrichtungen das Gepräge echtjüdischen Gehaltes. In Großwardein wird viel Thora gelernt und gelehrt und dabei genießt diese streng-orthodoxe Kultusgemeinde bei Behörden und Regierung die größte Achtung.