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Der Israelit · 1900-07-16 · Heft 57 (16.7.1900) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 57 (16.7.1900)
Date
1900-07-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1170 Bericht „etlva 20 Vertrauensmänner" anwesend, darunter die Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg und Werner, der Geschäftsführer der Partei, Dr. Giese und der Kandidat, Herr Vogel, selber. Einer der Anwesenden ging vor der Abstimmung noch weg, ein anderer enthielt sich der Abstimmung. Herr Vogel ist also von etwa einem guten Dutzend Parteiführern zum Kandidaten proklamirt worden und jetzt, nachdem der Kandidat proklamirt ist, liegen sich die Führer obendrein noch in den Haaren deßwegen. Die „Deutsche Wacht" erklärt nämlich jetzt, daß sie „diese von Herrn von Liebermann betriebene Ausstellung" bedauert und daß für sie jede Empfehlung der Kandidatur ausgeschloffen sei. Im Jahre 1894 veröffentlichte nämlich Herr Vogel in den „Deutsch-Sozialen Blättern," auch einem antisemitischen Blatt, verschiedene Artikel, in denen ein Herr Welcker, damals Redakteur der „Deutschen Wacht" und Reichstagskandidat der Antisemiten im Jahre 1898, der ehrenrührigsten Dinge bezichtigt wurde. Das hat zwar Herrn Welcker in der antisemitischen Partei keinen Abbruch gethan, aber auch Herr Vogel hat seine Freunde behalten. , Man kann sich nun noch auf kleines Zwischenspiel gefaßt machen, wobei sich hoffentlich Zimmermann- Welcker auf der einen und Liebermann-Vogel auf der anderen Seite nicht zu viel Zwang anthun. Den antisemitischen Wählern wird es übrigens nichts thun, welche von beiden Gruppen schließlich als Sieger auf dem Kandidaten-Kampfplatz zurückbleibt; ffe haben ja doch nichts dazu zu sagen. Ans Württemberg. Das Hülfswerk für die osteuropäischen Brüder, insbesondere die rumänischen Juden, steht gegenwärtig im Vordergrund des Interesses der westeuropäischen jüdischen Philantropie. Auch in Deutschland beschäftigen sich zahlreiche Comitees mit der Rettung der Unglücklichen und es werden die verschiedensten Hilfsmittel vorgeschlagen. Eines wundert mich dabei, daß die Ansiedlung arbeitsfähiger und williger rumänischer Israeliten in gewissen Gegenden Deutschlands noch nicht vorgeschlagen wurde. Und doch ließe sich, allerdings in etwas beschränktem Umfange und nach vorsichtiger Erwägung, dieses Projekt mit geringen Mitteln u. zum Segen der Unglücklichen, sowie sicher auch der einheimischen Israeliten, ganz gut verwirklichen. Bekanntlich klagt man in Deutschland vielfach über die Arbeiternoth. Der außerordentliche Aufschwung unserer Industrie verursachte diese Erscheinung. Unsere rumänischen Glaubensbrüder sollen fleißige, genügsame Menschen sein. Sie würden — unter gegebenen günstigen Umständen in der Nähe von Jndustriecentren angesiedelt — zum mindesten so gut durchkommen, wie die einheimische Arbeiterschaft. Daß und wie dieses Projekt lebensfähig gemacht werden kann, erlaube ich mir an einem konkreten Beispiel zu zeigen. In allernächster Umgebung von Heilbronn, der ersten Handels- und Industriestadt Württembergs, liegen sechs Ortschaften, in denen sich jetzt schon israelitische Gemeinden mit allen erforderlichen Gemeindeeinrichtungen befinden. Diese Ortschaften liefern täglich Hunderte von Arbeitern nach Heilbronn. Sie stehen durch Bahnverbindungen resp. Vorortzüge mit Heilbronn in Verbindung. Eine Arbeiterfahrkarte hin und zurück kostet per Tag von 15—20 Pfg. Der durchschnittliche Arbeitslohn für kräftige, männliche, ungelernte Arbeiter beträgt Mk. 2.60 bis Mk. 3.— per Tag. Die Hausmiethe für entsprechende Arbeiterwohnungen (2—3 Zimmer und Zubehör) — Arbeiterwohnungen sind in sehr beschränkter Anzahl vorhanden — beträgt 50—80 Mk. per Jahr. Lebensmittel sind sehr billig. Infolge der günstigen Arbeitsgelegenheit in der Stadt sind landwirthschaftliche Arbeiter nicht zu haben. Die Güterpreise sanken deßhalb sehr. Nun beobachtet man häufig, daß sparkame, fleißige Industriearbeiter aus ihren Ersparnissen Güterstücke oder Weinberge erwerben. Die Frauen der Arbeiter bebauen dann diese Grundstücke. Da die Arbeiter selbst spätestens Abends 7 Uhr in ihren Wohnsitzen eintreffen, haben sie Sommers noch Zeit, ihre Frauen in den Feldarbeiten zu unterstützen. Mit der Zeit wird mancher vormals bettelarme Arbeiter ein kleines Bauerngütchen sein Eigenthum nennen. „Diese Existenz ließe sich für jüdische Arbeiter sicher auch gründen. Man könnte vorerst den Versuch machen, in einzelnen der in Betracht kommenden Ortschaften 3—5 jüdische Arbeiterfamilen anzusiedeln. Man müßte aber darauf bedacht sein, nur junge, kräftige Männer mit kleinen Familien fllr's Erste auszuloosen. Ein Komitee müßte für die Arbeitsgelegenheit zuvor sorgen. Es müßten die Miethe und Einrichtungskosten für das erste Jahr den Ansiedlern vorgestreckt oder geschenkt werden. Bei etwaigen späteren Güterstückankäufen zur Anlage der Ersparnisse behufs Nebenbeschäftigung müßte eine Hülfskafse gegen mäßige Verzinsung Geld beschaffen. Auf demselben Wege müßten Arbeiterwohnungen mit kleinen Hausgärten (Kosten ca. 2000 Mk. für ein solches Häuschen) erstellt werden. Es würde sich zeigen, daß die „Kolonie" sehr vergrößerungsfähig wäre. Auch die betreffenden israelitischen Gemeinden würden dabei gewinnen, indem sie Zufuhr von frischem Blut nöthig haben. Die Gemeinden sind ziemlich gut situirt. Für Synagoge, Schule etc. ist gesorgt. Aber der Zug zur Stadt, der bei unseren Glaubensgenossen besonders stark bemerklich ist, reißt starke Lücken in die Synagogenbänke der Landgemeinden. Da die Israeliten der betreffenden Gemeinden ohne Ausnahme im Handel thätig sind, würde eine Ergänzung durch eine jüdische Arbeiterschaft auch manches Vorurtheil zerstören. Bei der herrschenden Arbeiternoth dürfte vom

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