Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 57 (16.7.1900)
- Date
- 1900-07-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1171 *v .* s.; u>M^ Concurrenzneide der christlichen Arbeiter nichts zu befürchten sein und das Wohlwollen des Staates für das Unternehmen vorausgesetzt werden können. Aehnliche günstige Ansiedelungsgelegenheit dürfte sich auch anderwärts in Deutschland finden. Die Anregung ist jedenfalls werth, ernstlich geprüft zu werden. Z. Könitz, 10. Juli. In der Winter'schen Mordsache wurde gestern Abend von 10 bis gegen 12 Uhr im Hause des Fleischermeisters Lewy ein Lokaltermin abgehalten, wozu der Arbeiter Maslow und die Frau Roß zugezogen waren. Es handelte sich um Feststellung bezüglich der von beiden gemachten Aussagen, die zu ihrer Verhaftung wegen des Verdachts, einen Meineid geleistet zu haben, geführt haben. Maslow machte gestern mehrere sich widersprechende Aussagen und stellte Behauptungen auf, deren Unmöglichkeit ihm sofort nachgewiesen wurde. Ein Gleiches war mit der Frau Roß der Fall, die zwischen 7 und 8 Uhr am Mordtage ein Stöhnen in dem Lewy'schen Keller gehört haben will; Maslow behauptet hier, das Stöhnen noch um 12 Uhr, als er — im März! — etwa 1 y* Stunden, auf dem Bauche liegend, den Keller Lewys beobachtete, vernommen zu haben. Der Tod des unglücklichen Winter muß nach der Art der Verletzungen sofort eingetreten sein, ein stundenlanges Stöhnen gehört demnach in das Reich der Fabel. — Für die Bürgerschaft ist die „Affaire" augenblicklich in die zweite Reihe gerückt. Das Hauptinteresse wendet sich der Steuerfrage zu, da den Bürgern jetzt der Steuerzettel für das laufende Rechnungsjahr zugestellt worden ist. Darnach werden zur Deckung der städtischen Bedürfnisse an direkten Steuern 260 v. H. der Staatseinkommensteuer sowie 200 v. H. der Realsteuern und endlich ein Gemeindesteuerzuschlag von der Betriebssteuer in Höhe von 100 v. H. erhoben werden. Dazu kommt, daß für die nächsten Jahre in Folge der Unkosten, welche die militärische Besetzung der Stadt verursacht, eine weitere Erhöhung der Steuern bevorsteht, denn die ganzen Unkosten werden auf keinen Fall vom Staate übernommen werden. Stratzburg, 10. Juli. Gestern kam eine Gruppe von vierzehn israelitischen rumänischen Auswanderern aus dem Wege nach Paris durch unsere Stadt. Mehrere Herren hatten sich auf den Bahnhof begeben, um die Auswanderer zu erwarten und sich ihrer in zweckentsprechender Weise anzunehmen. Die Leute machten durchweg einen ganz vorzüglichen Eindruck. Es waren junge, kräftige Arbeiter der verschiedensten Branchen mit ihren alten Müttern und Geschwistern. Dieselben erklärten, daß sie in ihrer bisherigen Heimath systematisch von der Arbeit ausgeschlossen würden, und ferner, daß der Staat ihnen nur Pflichten auferlege, ohne ihnen bürgerliche Rechte zu gewähren. Sämmtlicho Auswanderer waren von dem Bestreben erfüllt, in Paris durch ehrliche Beschäftigung ihren Lebensunterhalt zu finden und denken nicht daran, andern dort zur Last zu fallen. Verwandte, welche sich schon in Paris befinden, werden ihnen hierzu dort die Wege ebnen. Die zu dem Empfange erschienenen Herren haben sich der bedauernswerthen Auswanderer in liebevollster Weise angenommen. Es wurde reichlich für Speise und Trank gesorgt und dann wurden die Leute in geeignete Logis gebracht. Mit dem Zuge 6,50 Uhr wurden dieselben heute in der Frühe nach Nancy befördert und ihnen noch ein reichlicher Zehrpfennig für die Reise mitgegeben. Die Leute konnten nicht genug Worte des Dankes für die ihnen erwiesene Güte finden. Merkwürdig ist es, daß sich hier noch kein Hilfskomitee gebildet hat. Oe st er r. - Ung a-r^ Monarchie. Wien, 8. Juli. Die Antwort des Dr. Vaxa auf die Broschüre des Prof. D r. M a sa r y k.) Am 21. November v. I. erschien in dem Prager Blatte „Radikalni Listy" ein von Dr. Baxa eingesendeter, mit seinem Namen gefertigter Artikel, der als Antwort auf die bekannte Broschüre des Professors Masaryk in der Polnaer Affaire mit der Widerlegung der Anschauungen des Professors Dr. Masaryk sich beschäftigte und gegen Leopold Hilsner Stellung nahm. In dem Artikel hieß es, daß mit Rücksicht auf die Erhebungen gegen die Verwandten der Agnes Hruza und mit Rücksicht auf das nachträgliche Geständniß Hilsner's dessen Schuld außer Zweifel sei und daß der Ausgang der Revision des Prozesses nur davon abhänge, ob das Geld oder die Gerechtigkeit siege. Wegen Veröffentlichung dieser Entgegnung des Dr. Baxa, die bereits früher confiscirt worden war, wurde der verantwortliche Redacteur der „Radikalni Listy" nach zwei Richtungen angeklagt: Wegen Reproducirung einer confiscirten Druckschrift (Paragraph 24 Preßgesetz) und wegen Vergehens nach Artikel 8 des Gesetzes vom 17. Dezember 1862 (Beeinflussung eines Gerichtes). In der am 14. Februar d. I. stattgehabten Verhandlung vor einem Erkenntnißsenate des Prager Landesgericht wurde der angeklagte Redacteur Karl Stanislaus Sokol von der Anklage nach Artikel 8 freigesprochen und nur wegen Vergehens nach Paragraph 24 des Preßgesetzes zu einer Geldstrafe verurtheilt. In der Begründung des Freispruches vertrat das Prager Landesgericht die Anschauung, daß Dr. Baxa in seiner Entgegnung auf die Broschüre des Professors Masaryk nicht die Tendenz hatte, in dem Prozesse Hilsner einen dem Ausspruche des Gerichtes vorgreifenden Einfluß auf die öffentliche Meinung auszuüben, daß der Verfasser insbesondere nur die Angehörigen der Agnes Hruza in Schutz nehmen wollte und daß in dieser Entgegnung nicht die Kraft der Beweise, sondern nur bereits bekannte Thatsachen einer Erörterung unterzogen werden. Die über den Ausgang des Prozesses in der Antwort des Dr. Baxa gemachte Bemerkung bezeichnete der Gerichtshof erster Instanz blos für eine „allgemeine Vermuthung."