Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 57 (16.7.1900)
- Date
- 1900-07-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1166 Der Sturz des Ministeriums ist den Antisemiten auch diesmal nicht gelungen. Um sich über diese Niederlage zu trösten, ruft Drumont beim Verlassen der Tribüne pathetisch aus: Ich verlasse die Rednerbühne und schleudere Herrn Lutand (sv heißt der Präfekt von Algier) meine Verachtung in's Gesicht. Dies war Dem Präsidenten doch etwas zu starker Tabak und der noble Judenfreffer bekam einen Ordnungsruf. Herrn Drumont folgte sein Parteigenosse Berry, der dem Handelsminister vorwirft, er habe bei der Auswahl der Preisrichter für die Ausstellung nur seine Parteigenoffen gewählt, er habe aber garnicht die Nationalisten und Antisemiten berücksichtigt. Ein zweiter Schachzug gegen das Ministerium. Der Handels minister erwiederte darauf, der Vorwurf des Abgeordneten Berry sei unberechtigt, das beweise schon ein Blick in die Liste der Preisrichter. Allerdings habe er bei gleichen Verdiensten stets einen Republikaner einem Nationalisten oder Antisemiten vorgezogen, Denn die Antisemiten seien es, die gegen die Ausstellung die heftigsten Angriffe geführt und, unbekümmert um das Interesse der Nation und des Fortschritts, sie in ihren Blättern zu diskreditiren sich bemüht haben. Diese energische Erklärung des Handelsministers Millerand wurde von der gesammten Linken mit stürmischem Beifall ausgenommen. Man mag über den Eintritt Millerands in's Ministerium denken, wie man wolle (selbst seine eigenen Parteigenossen sind über diese Frage uneinig), jeder muß aber neidlos zugeben, daß er es stets glänzend verstanden hat, die Angriffe der Antisemiten gegen die Freiheit und Gerechtigkeit kräftig abzuwehren. Er hat es gewußt, den Antisemiten am letzten Tage der Session, die für sie so schmachvolle parlamentarische Niederlage zu bereiten. Pi. Rumänien. Bukarest, 8. Juli. (Judenauswanderung aus Rumänien.) Bisher sind aus der Hauptstadt zwei Gruppen ausgewandert: eine Vereinigung von 75 jüngeren Leuten, welche über Rotier dam nach den Vereinigten Staaten geht, und eine mit Frauen und Kindern, 142 Köpfe zählende Emigrantengruppe, welche am 29. Juni von der Verwaltung der rumänischen Staatsbahnen bis nach Predeal befördert worden ist. Die Noth unter der hiesigen Judenschaft des Gewerbestandes ist eine außerordentlich große, und würde die Zahl der Bukarester Auswanderer sicher eine ungemein große sein, wenn denselben seitens des Aus landes eine entsprechende Reiseunterstützung geivährt würde. Bei dem erst am 10. Juni hier gebildeten israelitischen Hilfskomitee waren bis zum 27. Juni nicht weniger als 1864 Gesuche verdienstloser und auf die öffentliche Wohlthätigekit angewiesener israelitischer Familien eingelaufen, und ist es unter solchen Umständen leicht begreiflich, daß seitens der hiesigen Judenschaft nicht auch noch ein Fond für Auswanderungszwecke beiseite gelegt werden kann. Man hofft aber, daß seitens der Verwaltung der Baron Hirschschen Stiftungen größere Beträge flüssig gemacht werden, sobald diese nur erst sowohl über den Umfang der Emigrationsbewegung, wie auch über die der Aus Wanderung zu gebende Richtung in's Klare gekommen sein wird. Aus der Provinz laufen tagtäglich Meldungen über die Bildung neuer Auswanderergruppen ein, und wird schon gegenwärtig kaum mehr eine rumänische Stadt mit halbwegs größerer israelitischer Bevölkerung zu finden sein, welche nicht einen Theil der letzteren durch den von bitterer Noth diktirten Zug in die Fremde verloren hätte. Vo» einer Eindämmung der Bewegung kann gar keine Rede mehr sein, und wäre nur zu wünschen, daß die durch Erwerbslosigkeit zur Auswanderung gezwungenen rumänischen Israeliten allerorts die Hilfe finden möchten, welche man ja doch dem unverschuldeten Elend nicht versagen darf. Bukarest, 9. Juli. (Die I u d e n a u s w a n - d e r u n g aus Rumänien.) Die „Agence Roumaine" lenkt die Aufmerksamkeit auf gelvisse Angaben des Blattes „Ruomanie" über die Auswanderung der Juden, die sie als richtig bezeichnet. Die Gesammtzahl der in den letzten zwölf Monaten ausgewanderten Juden betrage 6786. Die Mehrzahl derselben habe keinerlei Profession, die Minderheit seien Handwerker. In den staatlichen Schulen seien die Juden in folgendem Berhältniß ausgenommen worden: In die Volksschulen 6'- pEt., in die Mittelschulen 7>-. pEt., in die höheren Lehranstalten 9 pEt. Unter den vom Staate besoldeten Landärzten seien 24 pEt. Juden. An den öffentlichen Arbeiten betheiligten sich in dem Zeiträume von 1890 bis 1899 42 pEt. Juden mit Arbeiten im Gesammtwerth von 23 Millionen. „Roumanie" schreibt wie alle anderen Blätter die Auswanderung dem durch die Mißernte im letzten Jahre verursachten Rothstande zu. Das Blatt betont, daß unabhängig von der Auswanderung über die Grenze auch eine Auswanderung aus dem Norden Rumäniens,!vo die Juden mehr als 60 pEt. der Bevölkerung aus machen, nach dem Süden stattfindet, wo die jüdische Bevölkerung toeniger dicht ist. (Durch diese offiziöse Auslassung soll offenbar der Eindruck, welcher überall durch die Berichte über die furchtbare Noth der Aus wanderer und die Ursachen der Noth hervorgerufen worden ist, abgeschwächt werden. Es ist nicht gul möglich, die Richtigteit der angeführten Ziffern zu kontra liren, aber es ist klar, daß dieselben keine Bedeutung haben tönnen gegenüber der Thatsache, daß Tausende rumänischer Inden als „Fremde" angesehen und als solche behandelt werden und daß die zahlreichen die Rechte der rumänischen Juden arg beschränkenden Ge setze bestehen bleiben.) Daß die Mehrzahl der Auswanderer keine Prosession hätten, ist eine arge Verleumdung, wenn sie aber wirklich keine solche hätte», so wäre doch auch nur das rumänische Rischus schuld, das sie aus allen Berufsarten hinausgestoßen hat.