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Der Israelit · 1900-07-16 · Heft 57 (16.7.1900) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 57 (16.7.1900)
Date
1900-07-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1165 schon begann das Volk sich zu zerstreuen, als Plötzlich im Schaufenster des jüdischen Kaufmannes Gelbstein am Markte durch Unvorsichtigkeit ein Feuer entstand. Nunmehr nahm der Commandeur der hiesigen Blücher- Husaren an, es handle sich um einen Aufruhr gegen die Juden im allgemeinen und er ließ daher Alarm blasen. Nach wenigen Minuten ritten zwei Schwadronen Husaren in die den Markt füllende Menge hinein, die von der anderen Seite durch die aus dem Polizeigebäude herausströmenden Polizisten bedrängt wurde, so daß eine allgemeine Verwirrung entstand. Die Aufforderung zum Auseinandergehen blieb unbeachtet und erst das Vorgehen mit der blanken Waffe ermöglichte die Räumung des Marktes. Am nächsten Abend, dem 22. Mai, wiederholten sich diese Scenen, nachdem umherstehende Neugierige und Sparziergänger auf dem Markte das Gerücht ausgesprengt hatten, es gäbe wieder etwas. Man rief den Polizisten „Hep! Hep! und „Juden raus!" zu und schrie jedesmal „Hurrah!", wenn die vor dem Polizeigebäude ausgestellten Polizisten mit der Waffe vorgingen, um die Menge zu zerstreuen. Als dann ein Handlungsgehilfe des Waarenhauses Blaustein mißhandelt und die Geschäftsläden von Emma Mendel, Robert Simson und Moritz Gelbstein von der Menge angegriffen und die Schaufenster demolirt wurden, wurde wiederum Alarm geblasen und der Markt und die angrenzenden Straßen von Polizei und Militär mit blanker Waffe geräumt. Nach Annahme der Anklagebehörde handelt es sich bei den Krawallen um ein planmäßiges Vorgehen hiesiger und auswärtiger antisemitischer Kreise, die ihre Hände im Spiel gehabt und durch Hetzrufe die Jugend angereizt hätten. Es wurden im Ganzen ca. 60 Personen verhaftet, von denen 23 vor einem außerordentlichen Schwurgericht unter der Anklage des Aufruhrs und Hausfriedensbruches, sowie der Sachbeschädigung, Widerstandes, groben Unfugs etc. stehen, während die übrigen nur wegen leichterer Reate s. Zt. von der Strafkammer abzuurtheilen sein werden. Unter diesen 23 Angeklagten befinden sich hauptsächlich Arbeiter, Gesellen und Lehrlinge im Alter von 17 bis zu 32 Jahren. Fünf von ihnen, die sich hauptsächlich durch antisemitische Rufe, ferner durch Commandorufe und energischen Widerstand gegen Polizei und Militär bemerkbar gemacht haben, werden als Rädelsführer, alle übrigen als Aufrührer angesehen. Die Zahl der Zeugen beläuft sich auf 32. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Prag, 4. Juli. (Eine Jüdin als Lebensretterin.) Mitte vorigen Monats spielten beim Teiche in Jicin mehrere kleine Knaben, unter ihnen der dreijährige Karl, Sohn des Schuhmachers Herrn Johann Hlavacek. Plötzlich fiel der Knabe in den Teich. Zur selben Zeit ging Fräulein Malvine Pollak, die 20jährige Tochter des Herrn Marc. Pollak, pensionirten Schuldirectors an der kastirten deutschisraelitischen Schule. Als dieselbe sah, was geschehen, warf sie den Hut ab und sprang angekleidet mit Einsetzung ihres eigenen Lebens in's Master, welches an jener Stelle sehr tief ist, fing den Knaben, welcher ein Stück weit vom Ufer vom Wasser weggetragen wurde und zu sinken begann, und brachte ihn, mit einer Hand haltend, mit der anderen schwimmend, zum Ufer. Hier wurden beide, die heldenhafte Retterin und der glücklich gerettete Knabe, von den Anwesenden aufgefangen und auf die Böschung gebracht. Diese Notiz brachte ein czechisches Blatt, welches den Juden gegenüber die Feinseligkeit nie verbarg. „Bileam, 2. Auflage." Au<s Ungarn, im Juli. Der gelehrte Rabbinatsverweser M. Rotterberg aus Deutsch-Kreutz wurde zum Oberrabbiner nach Oschwiecim in Galizien berufen. — In Lipnik starb dieser Tage der hochgeachtete Rabbiner M. Goldberger. Der Verblichene war als Zadik u. Godaul batauroh allgemein verehrt. Das Leichenbegängniß gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung, bei welcher Gelegenheit die Bezirksgemcindc einhellig beschloß, einen der gelehrten Schwiegersöhne als Nachfolger im Rabbinate einzusetzen. Frankreich. Parier, 12. Juli. Liebermann von Sonnenberg macht Schule. Nach seiner bekannten Methode bemühen sich jetzt auch die französischen Antisemiten, im Parlament und in den Volksversammlungen möglichst wenig Thatsachen vorzubringen, dafür aber möglichst viel Radau zu machen. Gestern haben hier die parlamentarischen Ferien begonnen. Drumont und seine Freunde hatten den sehnlichsten Wunsch, das Ministerium Waldeck-Rousteau, das fest entschlossen ist, die Republik gegen die Angriffe der antisemitischen Nationalisten zu vertheidigen, noch vor dem Schluß der Kammersestion zu stürzen. Um dem Ministerium eine Falle zu bereiten, wollte Drumont über das Verhalten des Präfekten von Algier gegenüber dem dortigen Stadtrath interpelliren. Der Stadtrath von Algier, gegen den der von Wien trotz Lueger und Schönerer der reinste Waisenknabe ist, hat sich zum Werkzeug der schmutzigsten antisemitischen Agitation gemacht und die Juden von Algier in geradezu pöbelhafter Weise gemißhandelt. Daß der Präfekt von Algier, der höchste Regierungsbeamte am Orte, es für seine Pflicht hielt, gegen diese schranken- und gesetzlosen Ausschreitungen zu protestiren und die jüdischen Bürger unter den Schutz des Gesetzes zu stellen, daß der Präfekt stets zaudert, die Beschlüsse des Stadtrathes zu bestätigen, dies alles gefällt begreiflich Drumont gar nicht. Das Ministerium durchschaute den sauberen Plan und wird erst nach den Ferien auf die Interpellation eingehen.

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