Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 57 (16.7.1900)
- Date
- 1900-07-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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1164 Flächeninhalt von 4396 Quadratmeter. Mit dem Bau des Gemeindehauses wurde im Sommer 1898 begonnen und im Frühjahr 1899 erfolgte seine Uebergabe. Die Baukosten haben den Betrag von 90,000 M. überschritten. Mit dem Bau der Synagoge begann das Baugeschäft I. Grünfeld im Herbst 1898. Die Gesammtkosten für den Bau, ausschließlich Grunderwerb, werden gegne.370,000 Mt. betragen. Zur Bestreitung der Ausgaben wurde ein Darlehen in Höhe von 890,000 Ml. von der Provinzialhilfskasse ausgenommen; zur Deckung der Kosten wird der Erlös aus dem Verkauf des alten Synagogengrundstückes in Höhe von .141,600 Mk. herangezogen. Die Gemeinde zählt 8600 Seelen, von denen 2300 innerhalb der Stadt wohnen. Für die Gemeindebedürfniste sind im letzten Jahre aufzubringen gewesen 67,000 Mk. Fünf Vereine dienen dem Liebeswerk und haben für Unterstützungen ete. im letzten Jahre 12,000 Mk. verausgabt. Die Ertheilung jüdischen Religionsunterrichts betrachtet die Gemeinde mit als eine ihrer vornehmsten Aufgaben. Von 1860 bis 1876 bestand hier eine jüdische Volksschule, deren Weiterbestehen mit der Einrichtung von Simultanschulen illusorisch wurde. 1876 wurde eine eigene Religionsschule gegründet, in der heute 260 Kinder von vier Lehrern unterrichtet werden. Diesem Berichte sind ferner beigegeben ein Haushaltungsplan, der Abdruck der neuen, soeben durchberathenen Synagogenordnung etc. In der Urkunde wird ferner darauf yinge>vicsen, daß die Einweihung der Snnagoge zu den hohen Festtagen, am 11. oder 12. September erfolgen wird, bei welcher Gelegenheit auch eine Denkschrift des Rabbiners Dr. Cohn erscheinen wird. Es wird ferner der Verdienste des ersten Bürgermeisters Schneider um die Entwickelung der Stadt ehrend gedacht. In der Urkunde wird auch auf das ungetrübte Verhältniß der Christen und Juden zueinander, ferner aber auch auf „ die beklagenswertsten Vorgänge in Könitz hingewiesen. Rach der Erwähnung der kaiserlichen Huld enthält die Urkunde noch Angaben über die bcdauernswerthc Lage der Juden in den östlichen Ländern Europas und schließt mit dem Wunsche, daß die Einigkeit innerhalb der Gemeinde dieselbe bleiben möge, wie in den vier Jahrzehnten ihres Bestehens. Rack der Verlesung dieser Urkunde wies Herr Rabbiner E o h n aus die Bedeutung der Feier hin und schloß mit dem Wunsche, daß das Gebäude, zu dem heute der Schlußstein gelegt lvorden sei, ein Haus der Erhebung und Bekennung der heiligen Interessen der jüdischen Religion werden möge. Der Erbauer des Gebäudes, Regierungsbaumeister a. D. G r ü n f e l d , dankte allen seinen Mitarbeitern, der Baukommisson, dem Vorstande, wie dem Kollegium für die treue Unterstützung. Als einen Glücksumstand bezeichnete er es, daß kein Unfall in der Baugeschichte der Synagoge zu verzeichnen sei. Darauf wurde das porzellanene Gefäß mit den Schriftstiicken in die Oeffnung eingefügt und diese zunächst mit einem Blechdeckel verschlossen. Unter dem Wahrspruch: „Liebe den ewigen Gott — liebe Wahrheit und Gerechtigkeit — liebe den Nächsten wie dich selbst — liebe den Fremden," bewarf der Bauherr das Blech mit Mörtel. Ihm folgten die Herren Rabbiner Dr. Cohn, Wiener, Fröhlich, Schalscha, Dr. Braunschweig, Nothmann, H. Grünfeld, Silberstein etc. Hierauf wurde der marmorne Schlußstein, der in goldenen hebr. Lettern das Wort „Eckstein" und die Jahreszahl 6660 trägt, eingemauert. Stadtrath Wiener that auf den Stein noch drei Hammerschläge für den Kaiser, die Stadt u. die wohlthätigen Vereine, womit die Feier ihr Ende erreichte. Ttolp, 10. Juli. (Aufruhrprozeß als Folge der antisemitischen Hetze.) Am Abend des 21. und 22. Mai ds. Js. ist es hier bekanntlich zu Ausschreitungen gekommen, die nun vor dem hiesigen Schwurgericht ein ernstes Nachspiel finden. Der Anlaß zu den Krawallen ist ein ganz geringfügiger gewesen, wie aus folgender Darstellung hcrvorgeht: Ein hiesiger Kohlenhändler Müller wollte seinen Arbeiter Manske entlassen, weil dieser sich betrunken hatte. Manske weigerte sich jedoch, das Haus zu verlassen, ehe er seine Jnvaliditätskarte erhalten habe, und randalirte, so daß Müller zur Polzei schicken ließ. Es kam dann auch der Polizeisergeant Küster, der gleich aus Manske eingehauen haben soll, so daß dieser blutende Verletzungen am Kopfe erhielt. In diesem Zustande brachte Küster den Mann unter großem Zulauf zum Polizeigebäude auf dem Markt, woselbst man ihn jedoch nach Feststellung der Personalien alsbald entließ. Manske ging nun in eine Destillation und wusch sich dort das Blut ab. Inzwischen stellten sich fünf Polizisten am Eingang der Straße auf, um Manske abzufassen, wenn er etwa weiter lärmen würde. Dieser Vorgang und die immer mehr anwachsende Ansammlung auf dem Markte erregte naturgemäß auch das Interesse und die Neugier der übrigen Bewohner und bald ging in der ganzen Stadt das Gerücht, die Polizei sei einigen Juden auf der Spur, die den Mord an Winter in Könitz begangen hätten. Sofort wurden „Hep! Hep!-Rufe laut und ehe man sich dessen versah, richtete sich der Krawall gegen die Juden, da die meisten Leute von dem Vorhergegangenen keine Kenntniß hatten. Verschiedenen am Markt befindlichen jüdischen Läden, darunter einigen Waarenbazaren, gegen die in Stolper Bürgerkreisen seit einiger Zeit große Mißstimmung herrschte, wurden die Fenster eingeworfen, so daß ein erheblicher Schaden entstand. Der Polizei-Inspektor Kaschewski, der wohl einsah, daß das Auftreten der Polizisten im Falle Manske den eigentlichen Anlaß zu dem Tumult gegeben hatte, ließ sofort alle Mannschaften in das Wachzimmer kommen, um sie dem Anblick der Menge zu entziehen, und