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Der Israelit · 1900-07-12 · Heft 56 (12.7.1900) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 56 (12.7.1900)
Date
1900-07-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1142 „Die Hilfskomitees von Jaffy, Galatz und Bukarest haben in ganz Rumänien Rundschreiben vertheilt und darin klargelegt, daß die Auswanderer einem sicheren Verderben entgegeneilen, aber vergebens; die Leute jagt der Hunger und das Wehgeschrei ihrer Kinder von hinnen, und da hilft kein Abmahnen, da versagen alle Vernunftgründe " II. .„Es kam in den letzten Tagen beinahe zu Thätlichkeiten zwischen den armen Nothleidenden und ihren Freunden, die ihnen von einer Auswanderung abriethen. Man darf es ihnen nicht verargen; denn es sind Desperados. Es ist herzzerreißend, die Leiden der Frauen und Kinder zu schauen und anzuhören. Die Roth hat ihren Höhepunkt erreicht. Da liegen einige fünfzig Familen im Synagogenhofe, dort anvere fünfzig Familien auf dem Friedhofe zwischen Gräbern, die Männer im Freien, die Frauen und Kinder unter Zelten, wie Zigeuner, so daß ein Bileam ausrufen könnte: „Wie elend sind deine Zelte Jakob, wie traurig deine Wohnungen Israel!" .„Die antisemitischen Liguen, die von Bukarest aus ganz Rumänien bis in's kleinste Nest mit ihrem Netze überzogen, laffen es nicht zu, daß Juden Arbeit und Beschäftigung finden. Diese Liguen arbeiten im Geheimen und unter Eidleistung und haben die Macht und die Autoritäten in Händen. Nicht einmal als Straßenkehrer, Laternenputzer oder Holzverlader darf ein Jude beschäftigt werden, weil man sie fortjagt oder todtschlägt. In Braila sind mehrer jüdische Arbeiter niedergestochen worden und die Geschworenen sprachen die Mörder frei." „Kann unter solchen Umständen die Auswanderung aufgehalten oder eingedämmt werden?" „Der Stein ist im Rollen, und nicht einmal die Regierung, die jetzt bei der Ausstellung von Pässen Schwierigkeiten zu machen willens ist, bis nicht die nöthigen Steuern entrichtet werden — ist im Stande, den Auswandererstrom zu hemmen." „Für einen Paß muß jeder 20 Francs entrichten und auf dem Passe steht: „buu uumai peiwru eylra tliu löra, 8i nici aum spre iutercerea“ d. h. „gut blos zur Abreise aus dem Lande und keinesfalls zur Rückkehr," oder einfach französisch:„Bon ponr aller*-. Kehrt nun doch einer oder der andere in die angestammte Heimath zurück, wird er verhaftet und als ein Verbrecher behandelt." „Täglich reisen Hunderte arbeitskräftiger Männer zu Schiff oder mit der Bahn oder, und das ist die Mehrzahl, zu Fuß ab. Was einer besitzt, muß er um einen Schandpreis losschlagen, um nur Mittel zur Reise -zu gewinnen. Frauen und Kinder verbleiben einstweilen hier zurück, in welchem Zustande, das kann kein Zola erschöpfend schildern." Feuilleton. WcrcH einev rxxxfyven WegeberrHert. 391 Von Friedrich Rott Auch heute blieben die Leute stehen und schauten dem Dahinrennenden kopfschüttelnd nach, doch er kümmerte sich nicht darum. In unglaublich kurzer Zeit hatte er das Hotel erreicht, in dem seine kranke Mutter weilte. Er eilte die Stiege hinan dem Krankenzimmer zu; erst vor der Thüre desselben hielt er an, um Athem zu schöpfen und legte lauschend das Ohr an das Schlüsselloch — ihm war, als vernehine er ein Aechzen. „Gott sei Dank!" flüsterte er, öffnete geräuschlos die Thüre und eilte zu dem Bette, in dem die Kranke mit geschlossenen Augen lag. Ein Arzt saß neben ihr und hielt soeben seinen Finger an den Puls der Aechzenden. „Sie kommen zu rechter Zeit," sagte er leise, „eine Stunde später hätten Sie Ihre Mutter nicht mehr lebend angetroffen." Der Engländer unterdrückte einen Aufschrei des Schmerzes und neigte sich über das Bett. „Mutter!" flüsterte er, „Mutter! — ich bin es —" Wie ein Lächeln huschte es über die schinerzverzerrten Züge der Sterbenden. „James," lallte sie, „dear James!" „Sie hat Sie unaufhörlich gerufen," berichtete das Mädchen, „dem er gestern bei seinem Fortgehen die Sorge für die Kranke anvertraut, „die ganze Nacht hindurch." „Sie hätten nicht so lange zögern dürfen," fügte der Arzt vorwurfsvoll hinzu. Der Engländer sank am Bette nieder und barg fein zuckendes Antlitz in den Händen. Werner's Aufenthalt in Kuxhaven hatte sich uner wartet verlängert; er hatte daher telegraphisch Elsa's Zustimmung eingeholt, ihren Knaben bei sich behalten zu dürfen, indem er versprochen hatte, mit ihm in der dortigen jüdischen Restauration zu speisen, die, wie er wußte, auch Viktor zuweilen besuchte. Erst am dritten Tage kehrten sie heim und trafen am Bahnhof in H. . . Henry's Vater, der auch gerade von seiner Reise heimkehrte. Viktor war erfreut, seinen Knaben zu treffen, der ihm sofort erzählen wollte von allen Merkwürdigkeiten, die er auf seinem Ausflug gesehen.

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