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Der Israelit · 1900-07-12 · Heft 56 (12.7.1900) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 56 (12.7.1900)
Date
1900-07-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1141 Jassy, die als Oesterreicher durch ihre ausgebreiteten geschäftlichen Beziehungen unabhängige und hervorragende Positionen einnehmen, um ein klares Bild der Situation zu erlangen. Sie erhielt unter anderen zwei ausführliche Briefe, aus denen wir Auszüge hier inittheilen wollen. Mögen diese Nachrichten eine Verbreitung überall finden, wo Juden leben und auch überall das gute jüdische Herz zur Bethätigung der Nächstenliebe rasch erwecken. .„Die Regierung und ihre Preßorgane verbreiten absichtlich, daß der Nothstand der Juden der Mißernte zuzuschreiben sei. Die Unwahrheit liegt auf der Hand; denn die Juden hierzulande, die durch gesetzliche Maßregeln vom Betriebe des Acker- und Feldbaues ferngehalten werden, beschäftigen sich zum allergrößten Theile mit der Ausübung von Gewerben und zum kleinen Theile mit dem Zwischenhandel. Man muß also, entgegen den offiziösen Nachrichten, die Wahrheit seststellen, daß in Wirklichkeit nur die restrictivcn Gesetze und die fortwährende, von den Judenhassern betriebene Hetze, diesen Nothstand, dieses unbeschreibliche Elend auf die Juden heraufbeschworen haben." „Wenn man nur das zusammenfaßt, daß die Regierung durch ihre Gesetze und polizeilichen Beschlüsse die Juden nach einigen Städten der Moldau zusammentrieb, indem man ihnen das Wohnen auf dem Lande und in den kleinen Städten verbot, ihnen durch die Untersagung des Hausirhandels auch die bescheidenste Existenzmöglichkeit auf dem Lande raubte (gleichzeitig aber den christlichen Hausirer tolerirend), ihnen jeden freien Beruf (den eines Apothekers. Arztes, Advokaten, Architekten) verschließt, sie aus den Fabriken und Werkstätten vertreibt, indem das Gesetz bestimmt, daß in Industrien, die sich gewisser Begünstigungen erfreuen (vollen, nur ein Bierte'l'der Arbeiterzahl Juden sein dürfen; bei öffentlichen Bauten und Lieferungen die jüdischen Offerenten nicht berücksichtigt werden, den christlichen aber die Verpflichtung auferlegt wird, keine jüdischen Arbeiter und Handwerker anzustellen; wenn man die Juden von den Schulen aussperrt, von der Universität durch große Taxen vertreibt (gegenwärtig hat sich im ersten Jahrgange der Medicin kein einziger Jude mehr inscribirt) und wenn man jetzt daran geht, ihnen auch die Ausübung des ärztlichen Berufes gänzlich zu verbieten, wo sollen die Juden Erwerb und Existenz findend" „Zieht man noch in Erwägung, daß die Gesetze von sämmtlichen Behörden, von oben bis zu den niedrigsten, mit größter Willkür gehandhabt werden, daß Recht und Gesetz für Juden nicht bestehen und daß sie nirgends Schutz und Gerechtigkeit finden können, daß ein „Antisemitenbund" das ganze Land umspannt und daß dieser Bund unter Patronage und Förderung von Ministern, hohen Beamten jeder Kategorie und den sogenannten Staatsmännern das Volk gegen die Juden aufwiegelt, daß endlich die judenfeindlichen Zeitungen wie Pilze nach einem Sommerregen entstehen, den Judenhaß offen predigen und die Achterklärung der Juden als einziges, unfehlbares Mittel, sie loszuwerden, empfehlen, wie soll unter solchen Umständen den Juden der Aufenthalt in Rumänien noch erträglich und möglich sein?!" „Es ist räthselhaft. daß man bis nun geschwiegen hat, daß man die Aufmerksamkeit der Culturmenschheit nicht auf die rumänischen Zustände lenkte. Rumänien hat es gewußt, sich den Anschein eines civilisirten Staates zu leihen, man hat es als eine Oase der Civilisation im Oriente betrachtet und Europa hat den Schwarzen in Afrika mehr und größere Beachtung gewidmet, als den auf's unmenschlichste verfolgten und geknechteten Juden Rumäniens." „Die rumänischen Juden haben bisher geschwiegen. Durch das Austreibungsgesetz, das Jeden Unnachsichtlich bedroht, der die Lage, wenn auch nur in mildester Form, im gesellschaftlichen Verkehr zu besprechen wagt, hat man ihnen ein Mundschloß angehängt, daß sich ihren Lippen kein Seufzer entringen kann; aber der Druck des ungeheuerlichen Elends ist schon unerträglich; sie können eine derartige, mehr als barbarische Unterjochung nimmermehr ertragen und noch länger zu schweigen wäre ein qualvolles Selbstmorden, das man ihnen nicht zumuthen kann." .... „Die Regierung besorgt Unannehmlichkeiten aus ihrem Verhalten zu bekommen, will es aber doch nicht ändern, sondern läßt zur Bemäntelung ihrer Grausamkeiten kundmachen, daß die Juden nur wegen der Mißernten, nicht aber der Verfolgungen halber, dem Jammerland Rumänien entfliehen." „Sie setzt alle Hebel in Bewegung, drängt auf den Prediger Dr. Beck in Bukarest ein, ihr eine Erklärung in diesem Sinne auszufolgen und führt mit ihm zu diesem Zwecke Verhandlungen unter dem Vorwände, ein rabbinisches Seminar zu gründen. Sie hal vorläufig damit nur soviel erreicht, daß die Stellung Beck's. ganz ohne sein Verschulden und zum Schmerz aller, die ihn näher kennen, in's Wanken gerathen ist." „Derselbe Minister Jstrate, der Judentanfen geschäftsmäßig betreibt, ein Gründer der Antisemitenliga ist, der die jüdischen Kinder vom Besuche der Elementarschulen ausschließt, dieser Herr will plötzlich Gründer eines Rabbiner-Seminars werden!! Welcher Evnismus!" „Die Negierung läßt jetzt auch die Emigranten verhakten und sucht ihnen mit Androhung der Landesverweisung Erklärungen im obenerwähnten Sinne abzupressen, um dadurch Handhaben zu Justifieationen zu erlangen." .Unter solchen Verhältnissen erfaßte die Judenschaft Rumäniens helle Verzweiflung. Es bilden üch in allen Städten Auswanderergruppen, die sich zu Fuß nach den Grenzen bewegen, um nach Hamburg. Rotterdam, Marseille, Genua und anderen Hafenstädten zu gelangen und jenseits des Meeres eine Heimath zu suchen."

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