Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1900-07-12 · Heft 56 (12.7.1900) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 56 (12.7.1900)
Date
1900-07-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449049-2449101--51105-2501601
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1148 „Geduld, Geduld! — laß mich nur erst einen Wagen nehmen," sagte er, indem er einer Droschke winkte, und alle drei stiegen ein. „Darf ich Dir jetzt erzählen, Papa?" „Wenn Du es nicht mehr länger auf dem Herzen behalten kannst. — Aber kaffe mich zuvor dem Onkel danken, für die Freundlichkeit, Dich kleinen Thunichtgut mitzunehmen. Ist er denn brav gewesen, Onkel? Hat er Sie nicht allzusehr belästigt?" „Ganz brav ist er gewesen," versicherte Werner, „wenn er mich belästigt hätte, dann hätte ich ihn oben im Leuchtthurm einsperren kaffen, da hätte er schon pariren müssen." Henry lachte. „Im Leuchtthurm wäre ich ganz gerne geblieben, da hat man eine wunderschöne Aussicht. Warum hast Du es nicht früher gesagt, Onkel, daß Du mich dort einsperren würdest? Dann wäre ich recht unartig gewesen. -- Aber wo fährt denn der Kutscher hin? Der scheint ja einen ganz koloffalen Umweg machen zu wollen —" „Du hast recht," sagte Werner, „so kommen wir um eine halbe Stunde später nach Hause u. die Mama wird schon Sehnsucht nach ihrem Bürschchen haben. — Fahren Sie doch direkt durch die Stadt," gebot er dem Kutscher. „Entschuldigen Sie, mein Herr," versetzte der Rosselenker, „ich glaube nicht, daß Sie durch die Stadt rascher nach Hause kommen, da müssen wir durch die Dammstraße, und da ist jetzt gerade das Begräbniß, schon vorhin war die ganze Straße voll Wagen, denn mit diesem Begräbniß hat es seine ganz absonderliche Bewandnis. Der Herr weiß doch, daß am Sonntag ein so großer Diebstahl begangen worden ist an dem Juwelier Frankenberg." Henry fuhr zusammen und wandte sich hastig um, er saß nämlich auf dem Bordersitz und hatte bisher dem Kulschcr den Rücken zugewendet. Jetzt aber starrte er mit weit ausgeriffenen Augen zu ihm empor. „Bei dem Frankenberg am Roßmarkt," fuhr der Kutscher fort, „der Herr werden ihn kennen." „Ja, ja," entgeanete Viktor, besorgt auf Henry blickend, „war der Verstorbene vielleicht ein Verwandter von dein Juwelier?" „O, nicht doch — im Gegentheil, wollte ich sagen. Der Frankenberg behauptet nämlich, daß es ein Engländer gewesen ist, der ihn betrogen hat, manche sagen um 100,000 Mark und manche um 200,000. Aber daraus kommt es nicht an. — Und wie das nun schon manchesmal geht, daß der Eine büßen muß für das, was der Andere verbrochen hat. — Weil der eine Engländer am Mittag den Frankenberg bestohlen hat, haben sie am Abend den anderen Engländer, nämlich den Sohn von der Dame, die da gestorben ist. der zum Doktor hat laufen wollen, weil seine Mutter krank gewesen war, den haben sie auf die Hauptwache gebracht, weil sie gemeint haben, daß er der Dieb gewesen ist. Da hat er die ganze Nacht bleiben müssen und die kranke Mutter hat nicht gewußt, wo er bleibt, und vor lauter Angst, sagt man, soll sie gestorben sein." Henry stieß einen gellenden Schrei aus und stürzte auf den Vater zu, an dessen Brust er sein bleiches, entstelltes Antlitz barg. „Herr Gott! was ist dem Kinde?" rief Werner voll Schrecken, indem er sich bemühte, das Haupt des heftig zitternden Knaben emporzuheben. Auch Viktor war erblaßt, doch zwang er sich, ruhig wenigstens zu scheinen. „Die Reise scheint ihn etwas angegriffen zu haben," sagte er in einem möglichst sorglosen Ton. „Henry, liebes Kind, gleich werden wir zu Hause sein, da wirst Du ausruhen." „Fahren Sie rascher," befahl Werner, „so rasch Sie können — das Kind ist krank, wir müssen schleunigst nach Hause." Sie hatten den Pachthof erreicht; Werner wollte seinen Liebling aus dem Wagen heben, doch Henry stieß ihn wild zurück, während er mit weit aufgerissenen Augen zu ihm emporstarrte. „Rühr' mich nicht an," stammelte er, „ich bin ein Mörder —" „Um Gotteswillen, Kind!" rief Viktor erschreckt, doch Werner winkte ihm beschwichtigend. „Sei unbesorgt," flüsterte er, „das Kind hat Fieber. Machen wir ihm ein paar Eisumschläge auf den Kopf, das wird gut thun. — Komm' Henry, komm' hinein." Auch Viktor versuchte nun, ihn aus dem Wagen zu heben, doch der Kranke stieß auch ihn mit gellendem Angstschrei zurück. „Da kommen Gensdarmen," rief er, „sie wollen mich verhaften!" — und mit einem Satz war er aus dem Wagen und stürmte in's Haus, die Stiegen hinan, die zu seinem Zimmer führten, ohne die Mutter zu gewahren, die ihm entgegengetreten war und ihn umarmen wollte. Elsa war todtenbleich geworden. „Um's Himmelswillen! Was ist geschehen?" „Nichts ist geschehen," sagte Viktor beschwichtigend, „der Onkel hat recht, das Kind scheint Fieber zu haben, wir müssen den Arzt kommen lassen — es wird mit Gottes Hilfe nichts zu sagen haben — aber fahren Sie schleunigst zum Doktor Müller," wandte er sich an einen seiner Leute. „Sie können die Droschke benützen, ich lasse den Doktor bitten, sofort herauszukommen." „Das ist das Richtigste," stimmte Werner bei. „aber schau nur nicht gar so verzweifelt drein; kleine Elsa, Dein Junge ist übermüdet, wenn er ausgeschlafen hat, wird er morgen w. G. wieder ganz frisch sein." „Mit Gottes Hilfe," flüsterte Elsa seufzend, indem sie die Hand auf die Thllrklinge von Henry's Zimmer legte, um zu öffnen. Doch der in Wirklichkeit fieberglühende Knabe hatte in sinnloser Angst den Nachriegel vorgeschoben und die Eltern und der Verwalter standen nun vor seiner Thüre, ohne eintreten zu können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.