Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 56 (12.7.1900)
- Date
- 1900-07-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1139 Mühe unterzogen, den Entwurf der Statuten zu übernehmen. Mit Fleiß und Sachkenntniß entledigte sich derselbe seines Auftrages, wofür ihm der Dank der an- .oesenden Mitglieder durch Erheben von den Sitzen gezollt wurde. Im Großen und Ganzen fanden die einzelnen Paragraphen der Statuten die Zustimmung der Versammlung. Zum Schluffe wurde ein neuer Vorstand gewählt. Nürnberg, 9. Juli. Wie haben wir es doch herrlich weit gebracht! Können wir nicht stolz sein auf die fortschreitende Culturentwickelung der Menschheit! Spanische Greuel vom Jahre 1492 feiern heute an der Schwelle des 20. Jahrhunderts von Neuem ihre blutigen Triumphe; Judennoth und Judentod, wie sie einst vor 400 Jahren die spanische Judenheit heimgesucht, sind jetzt über unsere rumänischen Glaubensgenossen hereingebrochen. Diese Thatsache, welche das gesammte Judenthum wie ein Keulenschlag getroffen, birgt etwas historisch Tragisches in sich. Nach der Maffenvertreibung der Juden aus Spanien hatte sich ein Theil der Flüchtigen nach Rumänien gewendet, wo sie gastlichste Aufnahme fanden, und heute nach 400 Jahren müssen die Nachkommen jener Juden den Boden verlassen, der ihnen eine zweite Heimath bieten sollte; denn auch sie hat dasselbe Geschick ereilt — der Verbannung und Heimatlosigkeit. Wie einst in Spanien, sind auch diesmal mehr als 200,000 Juden diesein furchtbaren Schicksal preisgegeben. Elend und Noth, Verfolgung und Bedrückung, nur die äußerste Verzweiflung treibt die rumänischen Juden in die Fremde hinaus. Sie eilen, sie flüchten, von panikartigem Schrecken ergriffen, aus ihrer Heimath, in der sie doch nicht bleiben können, nicht bleiben dürfen, in der ihnen von allen Seiten entgegenstarrt — der Hungertod! Die Meisten zieht es nach Canada, wo sie, geschützt durch Gottes Beistand, gefördert durch die Güte edler Menschen, eine Scholle Erde zu finden hoffen, auf der sie ruhig leben, ruhig sterben können. Wer sich eine schwache Vorstellung von all' dem Elend und Weh machen will, das über die rumänischen Juden hereingebrockien, der braucht nur die vielen unglücklichen Auswanderer zu sehen, die fast tagtäglich Nürnberg berühren. In Nürnberg, einer Durchgangsstation der über Wien nach Rotterdam reisenden rumänischen Juden, rasten diese stets mehrere Stunden und werden während dieser Zeit hier in der ausgiebigsten Weise unterstützt; sie werden mit Speise und Trank gestärkt, mit Fahrkarten zur Weiterreise und reichlichen Geldunterstiitzungen versehen. Bis jetzt haben etwa 800 solcher Auswanderer Nürnberg paffirt, übermorgen wird wieder ein größerer Zug erwartet. Zur Unterstützung der Unglücklichen hat sich hier unter dem Vorsitze des ehrwürdigen Herrn Rabbiners Dr. Ziemlich und Herrn Geh. Hosrath Dr. I o s e p h t h a l ein Hilfskomitee gebildet, dem sich in selbstloser, anerkennenswerther Weise eine Reihe von edlen Männern angeschloffen hat. Es wird hier eine allgemeine Geldsammlung veranstaltet, deren Ergebniß bisher ein sehr erfreuliches ist. Es muß zum Ruhme der Nürnberger jüdischen Gemeinde, zur Ehre der am Liebeswerke mitthätigen Männer und Frauen gesagt werden, daß sie mit allem Eifer bemüht sind, die Noth der Unglücklichen zu lindern. Von jetzt an sollen den Auswanderern warme Speisen, Suppe und Fleisch — natürlich streng rituell zubereitet — den Kindern Milch gereicht werden, überdies sollen die Bedürftigen mit den nothwendigen Kleidungsstücken versehen werden. Zur Entgegennahme und Vertheilung von Kleidern hat sich ein besonderes Damenkomitee gebildet. Sogar Christen tragen dazu bei, das Liebeswerk zu fördern. Besonderer Dank gebührt in dieser Beziehung dem hiesigen Herrn Bahnhofsrestaurateur Polenski, der sich in uneigennützigster Weise der Armen annimmt. Heute waren es wieder 170 Personen, darunter sehr viele Frauen und Kinder, die in Nürnberg bewirthet wurden. Dieser Zug bot einen gar traurigen Anblick dar. Auf den bleichen, durchfurchten Gesichtern dieser Unglücklichen war Gram und Kummer, die Spuren des ausgestandenen Hungers gelagert. Es war dies ein Theil von jenen Juden, die in Bukarest und Galatz auf den Friedhöfen eampirt, weil sie keine andere Stätte fanden, ihr müdes Haupt hinzulegen. Da eine Reihe von ihnen auf der Reise erkrankt war, war am Nürnberger Bahnhof der Arzt, Herr Dr. Münz, gur Stelle, auf dessen Anordnung die Kranken mit den erforderlichen Arzneien und Stärkungsmitteln versehen wurden. Ebenso wurden mit großer Opferwilligkeit von einigen anwesenden Nürnberger Damen Kleidungsstücke schnell herbeigeschafst, die an die Bedürftigen vertheilt wurden. Es war rührend zu sehen, mit welcher Dankbarkeit und Freude die Unglücklichen die gebotenen Gaben in Empfang nahmen. Als sie von dannen fuhren, riefen sie: „Es lebe die Gemeinde Nürnberg!" M. Sulzbnrg, 9. Juli. Wenn ein Gerechter stirbt, soll ganz Israel um ihn klagen. Vom Hinscheiden eines Frommen zu berichten, ist darum der Zweck dieser Zeilen. Im Alter von 89 Jahren starb hier am 6. Tamus Herr Isaak Kahn, der Vater des allverehrten Herrn Rabbiner Dr. Kahn in Wiesbaden. Der Heimgegangene darf, obschon ein einfacher, schlichter Mann, zu den Vesten unseres Volkes gezählt werden, weil er die Eigenschaften in sich vereinigte, die den wahren Juden ausmachen. Reine, lautere Furcht des Herrn, aufrichtige Menschenliebe, unermüdlicher Fleiß, verbunden mit der peinlichsten Rechtlichkeit, prägten seinen Charakter und gestalteten seinen ganzen Lebenswandel zu einem leuchtenden Vorbilde für alle, die ihn kannten. Er hatte selbst nicht das Glück, mit dem Studium unserer heiligen Lehre sich beschäftigen zu können, aber mit grenzenloser Liebe hing sein Herz an der Thora und denen, die in ihr forschten. Ein kernhafter jüdischer Mann ist aus unserer Mitte geschieden, erhebend war