Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 55 (9.7.1900)
- Date
- 1900-07-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1130 „ich habe heute wieder eine schöne Einladung bekommen." Auf die Vorhaltung des älteren Kollegen, er müsse diese wichtige Wahrnehmung doch der Staatsanwaltschaft melden, erwiederte Rzegula: „Ach was werde ich mich in's Gerede bringen!" Da Rzegula trotz vielfacher weiterer Aufforderung, die Sache anzuzeigen, dies nicht that, erstattete der ältere Kollege beim Kriminalkommissar Wehn Anzeige von seiner Wahrnehmung. In dem darauf vor dem Untersuchungsrichter in Könitz am 20. und 28. Juni abgehaltenen Verhör hat beide Male der Lehrer Rzegula unter dem Eide entschieden bestritten, trotzdem er mit seinem älteren Kollegen, dessen Namen wir vorläufig noch nicht nennen wollen, konfrontirt wurde, jemals diese Aeußerung gethan zu haben. Der ältere Kollege hat dagegen ebenfalls am 28. Juni unterm Eide ausgesagt, daß Rzegula ihm gegenüber thatsächlich jene Aeuherung gemacht hat. Es steht sich nunmehr Eid und Eid gegenüber. Für Rzegula ist die Sache nun insofern unangenehm, als bereits eine ganze Anzahl von Zeugen sich gemeldet haben, die behaupten, daß ihnen Rzegula ein Gleiches erzählt hat. Rzegula ist heute verhaftet! Wir wollen nur die folgenden nennen: Ladenfräulein Marie Brzezynski in Czersk, Handlungsgehülfe Wolf dto., Fräulein Leocadie Schulz dto., Lehrer Landsberg in Lubnau, Hauptlehrer Fuhge dto., Haupilehrer Zuch in Czersk, Lehrer Patzke dto., Gastwirth Quandt in Malachin und andere. Sollte nicht der Lehrer Rzegula der eine Begleiter des Winter gewesen sein? Die weitere Untersuchung wird's lehren. Rzegula kommt noch weiter in Betracht. Bald nach Veröffentlichung der eingangs aufgeführten Bekanntmachung des Ersten Staatsanwaltes hat Rzegula, als er im Gasthause von Kurzynski in Czersk die Bekanntmachung in der Zeitung laut vor sich hin las, in Gegenwart der Lehrer Pyschorra, Falkenberg, Lenz und Thiele gesagt: „Einen grünen Hut trug ich allerdings damals." Am folgenden Tage dagegen sagte Rzegula im Schulz'schen Lokale, als das Gespräch sich wieder auf den Konitzer lenkte, in Gegenwart des Kaufmannes Strack, des Hauptlehrers Longear, sämmtlich aus Czersk, und des Försters Neumann aus Schwarzwasser: „Ja, das kann ich doch nicht genau wissen, ob ich damals schon den grünen Hut hatte, da muß ich mich erst bei Kann (ein jüdischer Mützenmacher in Könitz) erkundigen." Weiter ist über Rzegula zu berichten: 1. Derselbe hatte einige Zeit nach dem Morde öffentlich geprahlt, er hätte 6000 Mk. in der Lotterie gewonnen, für diese Aeußerung sind viele Zeugen vorhanden. Thatsächlich soll dies nur eine Flunkerei gewesen sein. 2. Rzegula bezieht ein monatliches Gehalt von 66 Mark. Seine Mutter ist, so viel bekannt, eine in bescheidenen Verhältnissen lebende Lehrerwittwe. Dieses vorausgeschickt, stellen wir hiermit fest, daß Rzegula Mitte Juni d. I. (am 23. Juni) dem Handlungsgehülfen Wolfs in Czersk sein Portemonnaie vorzeigte, in welchem sich mindestens 120 Mark in Goldstücken befanden. 3. Hat Rzegula sich vor einigen Wochen ein neues Fahrrad gekauft. Ueberhaupt gibt sich der Genannte gern den Anstrich eines Lebemannes. Dies nur nebenbei. Die Untersuchung wird das weitere ergeben. Hoffentlich gelingt es auch, den vermeintlichen zweiten Begleiter Winter's im Interesse der endlichen Aufklärung des Mordes zu ermitteln. Die Spur desselben dürfte in Schneidemühl zu suchen sein. Im Uebrigen ist sichtlich eine Stimmung hier bemerkbar, die am richtigsten mit Katzenjammer bezeichnet werden kann. Man kommt allmählich zur Besinnung und sieht endlich ein, daß es nicht so weiter gehen kann. Das gebildetere Publikum hat längst erkannt, daß sämmtliches Material, das die antisemitischen Organe zu der Untersuchung geliefert haben, ausschließlich aus — Lügen bestand und die Folge war, zahlreiche Abbestellungen der „Staatsbürgerzeitung" und ihers Epigonen „Konitzer Tagblatt." Erstere wird nach wie vor, besonders auf dem Lande, gratis vertheilt und für das Konitzer Blättchen greift der Freiherr von Erhartstein beim -Quartalsschluß etwas tiefer in seine Tasche. Maßlos beunruhigt werden die Juden durch die unten mitgetheilten Urtheile. Sie sollen darthun, daß in der That das „Karnikel angefangen hat!" Da die jüdischen Verurtheilten Berufung eingelegt haben, so ist das letzte Wort und Urtheil noch nicht gesprochen. Jetzt wird auch der Aufruf der Vertrauensmänner in Könitz bekannt, der keine offizielle Bedeutung erlangt, weil die Vertrauensmänner ihre Ilnterschrift verweigert haben. Es ist nicht weiter schade darum, denn es wird wieder Ruhe einkehren auch ohne diese einseitige Kundgebung. Der Ausruf lautet: „Die unselige That verruchter Mörder, welche in unserer sonst so friedlichen Stadt ein blühendes Men scbenleben vernichtete, hat begreiflicherweise in der ge sammten Bewohnerschaft von Stadt und Land eine um so tiefergehende Erregung hervorgerufen, als bisher eine Sühne des Verbrechens nicht erfolgt ist. Diese an und für sich beklagenswerthe Thatsache hat sich im Laufe der Zeit zu einem folgenschweren Unglück für unsere Stadt und ihre Nachbarschaft ausgewachsen. Schwere wirthschaftliche Schäden sind den gewerbetreibenden und den landwirthschaftlichen Bewohnern, namentlich auch schon unserm städtischen Gemeinwesen erwachsen, und das gesellschaftliche Leben hat eine tiefgehende Zerrüttung erfahren. Durchdrungen von der Ueberzeugung, daß es so nicht weiter gehen darf, sind wir Bürger zusammen getreten, um gemeinsam nach Mitteln und Wegen zu suchen, wie weitere