Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 55 (9.7.1900)
- Date
- 1900-07-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1126 genossen mit elementarer Gewalt zur Auswanderung, und nichts berechtigt zur Annahme, daß der Strom der Auswanderer sich diesmal ein anderes Bett wählen wird. Im Gegentheil weisen die bereits vorliegenden statistischen Zahlen darauf hin, daß nach wie vor die Vereinigten Staaten, speziell aber der Hafen von Newport, das Ziel der meisten Auswanderer ist. Im Mai 1899 wanderten durch den Hafen von Newyork in die Vereinigten Staaten 262,767 Personen ein, von denen 29,088, resp. 11 pCt. Juden waren. Im ersten Quartal 1899 wanderten 44,937 Personen ein, davon Juden 6941 gleich 14 pCt., dagegen erreichte di« Einwanderung im gleichen Zeitraum pro 1900 die Zahl von 70,236, wovon 11,848 Juden waren. Die jüdische Einwanderung stieg also gegen den gleichen Zeitraum des Vorjahres von 14 auf 17 pCt. Afrika. Tanger. Der junge Sultan von Marokko scheint sich, wie berichtet wird, als ein zweiter Salomo zu entwickeln. Bor kurzem wurde ein eingeborener Jude im offenen Bazar von einem Fanatiker angegriffen und beraubt, ohne daß die zuschauenden Ladenbesitzer ihm zu Hülfe gesprungen wären. Vor Gericht beschworen diese sogar, daß der Jude den Propheten Muhamed und den Sultan verflucht habe. Se. Hoheit ließ die Parteien vor sich bringen, hörte ihre widersprechenden Erzählungen ruhig an und fragte dann, ob etwa eine Hochzeit im Gange gewesen sei, daß alle diese Zeugen sich gerade an derselben Stelle befunden und alle genau die gleichen Worte vernommen hätten. Als diese Frage verneint wurde, versank der Sultan einen Augenblick in tiefes Nachdenken und sagte dann: „Ihr solltet wissen, daß der Prophet uns befiehlt, die Juden zu schützen und sie gerecht zu behandeln. Hast Du," so fragte er den Juden, „bei dem Angriff irgend etwas verloren?" Als der Jude seinen Verlust mit 600 Dukaten angab, fällte der Sultan das folgende Urtheil: „Ob dies wahr ist oder nicht, auf jeden Fall werdet Ihr Ladenbesitzer für Eure Fehler und Eure Lügen dem Juden die Hälfte dieser Summe auszahlen oder alle in's Gefängniß wandern." Die 300 Dukaten wurden dann dem erfreuten Juden sofort ausbezahlt. Japan. Aus Japan. Das Mikadoreich wird in nicht allzuferner Zeit sich wohl auch einer Synagoge erfreuen dürfen. Herr Kaufmann S. Reich in Kobe ließ nämlich eine Versammlung von Glaubensgenossen einberufen, in welcher 35 Israeliten erschienen und einstimmig beschlossen wurde, in Kobe eine Synagoge zu erbauen. Sofort wurde auch ein Comitee gebildet, welches sich auch mit der Kosten- und Baufrage zu befassen hat. Herr Reich wurde zum Secretär des Comitees erwählt und angewiesen, sich offiziell mit dem Oberrabiner aus London, Dr. Adler, in Verbindung zu setzen. Man hofft bestimmt, nach Erbauung der Synagoge einen tüchtigen Rabbiner berufen zu können, sowie durch einen alsdann anzustellenden Schochet die heute noch immer schwer zu beschaffenden rituellen Fleischgerichte zu erhalten. Glückauf und des Herrn Segen dieser japanischen Judengemeinde. Feuilleton. WcrcH einet wahren Wegeben Heil. 381 Von Friedrich Rott. Henry begab sich in sein Zimmer, sprach das Nachtgebet, entkleidete sich dann rasch und warf sich auf das Bett, denn er wünschte in Wirklichkeit, baldmöglichst zu schlafen. Nicht wie die Mutter es wünschte, damit er am kommenden Morgen zeitig ausgeschlafen habe, sondern um den unangenehmen, ihn quälenden Gedanken zu entgehen, denen er wachend sich nicht zu entschlagen vermochte. Aber jemehr er den Schlaf herbeisehnte, desto weniger empfand er das eigentliche Bedürfniß nach demselben, ja, er war nicht einmal im Stande, die Augen geschlossen zu halten, wider seinen Willen öffneten sie sich und so lag er da und starrte hinaus in die mondhelle Nacht. Und beständig war es ihm, als sähe er den mehrfach erwähnten schlanken Mann an sich vorüberlaufen und seine Kameraden mit wildem Geschrei hinter ihm drein: „Haltet den Dieb! haltet den Dieb!" Und wo war denn ein Dieb? — Wohl glich die Kleidung des Betreffenden derjenigen, die er dem Gauner angedichtet — aber er hatte sie demselben doch nur angedichtet. — Wie war doch die Mutter so erregt gewesen, als sie der Möglichkeit gedacht hatte, der Betreffende könne durch seine Neckerei angehalten worden sein. Er hatte sie freilich beruhigt, indem er diese Möglichkeit in Abrede gestellt. — Aber wie war er denn eigentlich im Stande gewesen, diese Möglichkeit so entschieden zu verneinen? — Zwar hatte er das Gegentheil nicht gesehen und auch keine Unwahrheit gesprochen, als er des Vorsprunges erwähnte, den der Betreffende vor seinen Verfolgern gehabt hatte. Aber alle Knaben waren schreiend ihm nachgerannt und eine Anzahl Erwachsener hatte sich der Hetze angeschloffen — wie leicht konnte er da doch angehalten, wie leicht verhaftet worden sein — unschuldig verhaftet! — durch seine Schuld! Der Knabe fuhr empor, es duldete ihn nicht im Bette. Alle seine Pulse klopften, kalter Angstschweiß perlte auf seiner Stirne^ Unwillkürlich griff er nach