Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 55 (9.7.1900)
- Date
- 1900-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1137 seinen Kleidern und begann, sie anzulegen. — Doch mitten im Ankleiden hielt er inne. wohin wollte er? — Was beabsichtigte er? — Er wußte es selbst nicht. Wäre nur sein Vater daheim, er würde ihm zürnen, ernstlich — aber trotzdem, ihm hätte er rückhaltlos alles anvertraut — und der Vater hätte sich sofort nach dem Stande der Angelegenheit erkundigt, — und wie es auch gewesen wäre, er hätte sicher sofort alles in Ordnung gebracht.-Aber der Vater war verreist und die Mutter nochmals zu beunruhigen, dazu konnte er sich nicht entschließen. Und im Grunde war ja alles höchst wahrscheinlich eine leere Befürchtung seinerseits. Der Betreffende, der seinen Verfolgern weit voraus gewesen, hatte sich vermuthlich um diese gar nicht gekümmert und hatte längst sein Ziel erreicht. Langsam entkleidete er sich wieder und schalt sich selbst einen Schwarzseher, einen Narren. Aber es ist doch gut, daß er morgen den ganzen Tag nicht zu Hause sein wird, daß die Kameraden ihn weder durch Fragen noch durch Mittheilungen belästigen können — das ist gut — das ist gut. — Und diesen Trost halb mechanisch wiederholt vor sich hinmurmelnd. schlossen sich endlich seine Augen und er sank in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Wenden wir uns nun demjenigen zu, der durch die Leichtfertigkeit eines unbesonnenen Kn<rk>en als Dieb bezeichnet worden war. Er hatte zwar einen Vorsprung vor seinen Verfolgern gehabt, aber das wilde Geschrei der Knaben hatte eine nicht unbeträchtliche Anzahl Erwachsener herbeigelockt, die sich zum Theil an der Hetze betheiligten. Obgleich der Verfolgte das Ende der ziemlich langen Straße bereits erreicht und in eine zweite eingelenkt war, das Geschrei der ihm Nacheilenden war ihm vorausgeeilt, hatte auch die Aufmerksamkeit zweier eben vorübergehender Polizisten erregt und bevor er noch eine Ahnung hatte, daß diese wilde Jagd ihm gelte, sah er sich von der Menge umringt und von den beiden Polizeimännern arretirt. „Brillantendieb! Brillantendieb!" schallte es ihm aus mehr als hundert Kehlen entgegen — aber er wußte nicht, was diese Worte bedeuteten, er war der deutschen Sprache nicht genügend mächtig. „scormdrels!" schrie er,„soalang! so along!“ unb mit ungeheurer Kraft schleuderte er die zunächst Stehenden zurück und suchte sich frei zu machen. Aber er war der Uebermacht nicht gewachsen. Die Polizisten allein hätten ihn zwar nicht halten können, aber der mit seltener Frechheit verübte Diebstahl hatte die ganze Stadt empört, so daß auch die anwesenden Civilisten sich verpflichtet hielten, zu der Verhaftung des vermeintlichen Schurken nach besten Kräften beizutragen. Sein heftiges Sträuben, namentlich die fremdländischen Worte, die er dabei hervorstieß, bestärkten seine Dränger in dem Wahne, den Richtigen gefaßt zu haben. Das nächste Wachlokal war bald erreicht und der wuthschnaubende Engländer wurde dem die Wache habenden Beamten übergeben. Diesem gegenüber gelang es ihm endlich, seinem Befremden über seine Arretirung Ausdruck zu leihen. Dem Beamten war jedoch eine derartige Aeußerung von Seiten eines Verhafteten nicht befremdend, trotzdem erklärte er ihm bereitwilligst, daß man in ihm den Betrüger erkannt habe, der an dem Juwelier Frankenberg den großen Juwelendiebstahl verübt. Das Erstaunen des Verhafteten über diese Erklärung war jedoch so ungeheuchelt, daß auch dem Beamten Zweifel an der Identität der Person aufstiegen. Wer ihn als den Betrüger erkannt haben wollte, war nicht zu ermitteln. Diejenigen, die ihn verhaftet hatten, wußten es selbst nicht, und selbst die Menge, die ihn verfolgt, hatte keine Ahnung, daß es Knaben waren, die ihn zuerst als den flüchtigen Brillantendieb bezeichnet hatten. Die Erregung des Fremden schien sich jedoch, nachdem er endlich erfahren hatte, wessen er beschuldigt worden, einigermaßen zu legen; es schien ihm undenkbar, daß es ihm nicht gelingen werde, den Beamten von seiner Unschuld zu überzeugen. In seiner raschen, heftigen Weise, die dem andern das Verständniß der ungewohnten Sprache nur noch erschwerte, erzählte er, daß er seine alte kränkelnde Mutter in ein deutsches Bad begleiten wolle, daß sich dieselbe jedoch am vorhergehenden Tage so leidend gefühlt, daß er die Reise hierher habe unterbrechen müssen. Er habe gleich nach seiner Ankunft im Hotel einen Arzt rufen lassen, der seiner Mutter einige lindernde Mittel verordnet habe. Vor einigen Stunden jedoch wären die Schmerzen wieder heftiger geworden, er habe abermals zum Arzte geschickt, der jedoch nicht gekommen wäre. Da habe er die Kranke unter Aufsicht des Stubenmädchens im Hotel gelassen und wäre fortgeeilt, um persönlich den betreffenden Arzt aufzusuchen. „Und nun lassen Sie mich gehen!" flehte er. „um Gotteswillen, lassen Sie mich gehen! — meine Mutter stirbt vor Angst, wenn ich so lange ausbleibe." „Bis morgen müssen Sie sich schon gedulden — heute ist es zu spät — aber ich verspreche Ihnen, Ihre Angelegenheit wird die erste sein, die morgen erledigt wird." Der Engländer gerieth in Verzweiflung. „8üe will dy! she will dy!“ schrie er händeringend. .,1 c’ant waittill tomorrow* und mit einem Satze war er an der Thüre. Doch umsonst, ein halbes Dutzend Arme hatten ihn im Nu umschlungen und hielten ihn eisenfest. - Der Beamte, dem allmählich klar ward, um was es sich handelte, erbat sich, den betreffenden Arzt durch einen seiner Leute aufsuchen zu lassen und zu der Kranken zu schicken.