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Der Israelit · 1900-07-09 · Heft 55 (9.7.1900) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 55 (9.7.1900)
Date
1900-07-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1122 werden könne. Redner kommt nun auf die große und bis heute leider noch ungelöste Frage, was besser sei, die Leute im Lande zurückzuhalten und sie dort auf jedwede Weise zu unterstützen oder ihnen zur Auswanderung zu verhelfen. Leider müsse man sagen, daß bis jetzt das Eine noch so trostlos wie das Andere erscheine. Redner ist der Ansicht, dass 40,000 arbeitsfähige Menschen, wie sse beispielsweise in Galatz beisammen seien, sich überall, wenn sie nur aus fruchtbarem Boden sich befänden, gegenseitig helfen könnten, indem die Arbeiten des Ackerbaues und des Handwerks entsprechend vertheilt würden, so daß die Leute für alle ihre Bedürfnisse selbst sorgen könnten, immerhin sei auch das nur ein Experiment, für dessen günstigen Ausgang man nicht garantiren könne. Eben sei die Stimmung unter den rumänischen Glaubensgenossen so, daß die Leute sagen, wir wollen unter allen Umständen in die Welt hinaus, ohne zu bedenken, wohin sie kommen. „Canada" sei dort zu einem Schlagwort geworden, alle sagen, sie wollen nach Eanada und es klinge für den Uneingeweihten ja ganz gut, wenn er in den politischen Blättern lese, heute sind wieder so und soviel Rumänen hier durchgekommen, die in Canada angesiedelt werden. Das klinge wie eine erledigte Sache, für die nichts mehr zu thun übrig bleibt. Wie sehe es aber in Wirklichkeit mit den überseeischen Projecten aus? Da sei zunächst Newyork, das sich gegen die Ankunft fremder Juden gewaltig sperre, nicht etwa, weil unsere amerikanischen Brüder nicht von gleichem Mitgefühl für die leidenden Genossen beseelt seien, nein, drüben pulsire das jüdische Herz gerade so warm, wie in der alten Welt. Newpork habe aber bereits 200—260 Tausend russische Juden und man müsse dort Alles aufbieten, um zu verhindern, daß daselbst nicht ein Gesetz gegen sog. „unterstützte Arme," die bis jetzt noch frei hineindürfen, erlassen werde. England sei auch nicht so zu haben, wie man glaube. Im englischen Comitee herrsche leider keine Einigkeit und aus diesem Grunde habe man bis jetzt die große, von Baron Hirsch begründete Colonialgesellschaft. I. C. A.. noch nicht zur Hergabe von größeren Mitteln bewegen können. Wohl habe sie einen Vertrauensmann nach Canada gesandt zur Prüfung der dortigen Verhältnisse, auch würde demnächst ein weiterer Vertrauensmann im Aufträge der genannten Gesellschaft dahin abgehen. Ob aber dort das Terrain zur Ansiedelung günstig sei, könne heute noch Niemand sagen. Die Aufgabe der europäischen Hilfscomitees sei es zunächst, die Auswanderer auf ihre Colonisationsfähigkeit hin gehörig zu sichten. Zuerst in Rumänien selbst, dann an den Grenzen und zuletzt an den Häfen. Mehr könnten wir für den Augenblick nicht thun. Auch wir müßten darauf bedacht sein, daß Deutschland und England die Grenzen nicht sperre, Oesterreich habe ja schon diesbezügliche erschwerende Vorschriften erlassen. Redner bemerkt noch, daß das von den Logen erlassene Berliner Circular (den Lesern des „Israelit" in vorvoriger Nummer mitgetheilt) durch die Thatsachen überholt sei. Der um das Gesammtwohl der Judenheit so hochverdiente Rechtsanwalt P l o t k e - Frankfurt habe in einer gedruckt vorliegenden Rede sehr richtig bemerkt, daß Galizien eine schleichende, Rumänien hingegen eine akute Krankheit sei. Wir haben deßhalb unser Augenmerk, nicht wie das Berliner Cirkular sagt, auf Galizien und Rumänien zugleich, sondern zunächst nur auf Rumänien zu richten. Redner schildert noch, wie in Rumänien Advocaten, Richter und Polizei sämmtlich von blindem Judenhaß ergriffen seien, und wie die Rumänen noch viel schlimmer dran seien, als vor neun Jahren die Russen, denn während diese nur durch den Willen autokratischer Machthaber verfolgt worden, haben diese, obgleich lauter nützliche Bürger, eine ganze Bevölkerung gegen sich. Daß die rumänische Regierung freie Fahrt nach Rotterdam gewähre, sei leider wahr, Redner meint aber, daß die Comitees dieses Danaergeschenk nicht acceptiren sollten, denn es sei nicht ausgeschlossen, daß die zurückbleibenden Verwandten der Auswanderer hierfür büßen müßten. Redner warnt auch noch davor, Durchwandernde allzusehr zu verhätscheln. Man solle sich durch momentane Erregungen nicht Hinreißen lassen, namentlich den Leuten keinen Alkohol geben, man solle lieber zielbewußt und planvoll an das Hilfswerk Herangehen. Nach dieser mit großem Beifall aufgenommenen Rede meldete sich ein Herr C a h n von hier zum Wort. Er reise seit 26 Jahren anhaltend in Rumänien, sei erst vor einigen Tagen von dort zurückgekommen und könne sagen, daß die Verhältnisse doch nicht so schlimm seien, wie sie in Deutschland vielfach geschildert würden. Wohl sei es richtig, daß die rumänische Regierung durch und durch antisemitisch sei, aber die Bevölkerung habe auch ihre guten Seiten und es gäbe Gegenden in Rumänien, wo man den Juden ruhig und ungehindert seinem Erwerbe nachgehen ließe. Redner theilte dem Vorsitzenden einige Adressen von angesehenen rumänischen Juden mit, bei denen man sich genaue Informationen holen könne. Herr Rabbiner Dr. S a l f e l d machte auf einen Artikel in einem Berliner jüdischen Blatte aufmerksam, in dem gefordert wird, daß alle Organe des Hilfswerkes, wie z. B. Berlin, Paris und London, sich zu einer einzigen europäischen Organisation zusammenschließen sollen. Herr Rabb. Dr. B o n d i theilte den Inhalt einer Unterredung mit, die er mit einem hervorragenden rumänischen Glaubensgenossen hatte. Darnach sei es besser, die Leute im Lande zu unterstützen, als deren Auswanderung zu begünstigen. Namentlich solle man jüdische Creditbanken dort errichten. Nachdem hierauf noch die Schreiben der Gemeinden Alzey, Bensheim, Friedberg, Osthofen und Worms verlesen wurden, die das Nichtentsenden von Delegirten damit entschuldigten, daß sie theilweise schon Samm-

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