Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1900)
- Date
- 1900-02-15
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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286 Jude hält denjenigen, der bei der Ausübung des allen Gesetzes verblieben, für inferior. Als ob bei diesem nicht auch die ganze Verführung der leichten Lebensauffassung ihre Lockungen geltend gemacht hätte. Er hat aber widerstanden und über sie gesiegt. Deshalb bewahr: er auch in jeder Lage das nöthige Maß von dem Optimismus, der den Juden in allen Zeiten gekennzeichnet hat. -6-x Literarische Ilm schau. Durchs Jahr! Essays über die gehobenen Momente des jüdischen Pflichtlebens in allen Monaten des Jahres von Rabbiner Dr. H. E h r m a n n in Baden (Schweiz). Frankfurt a. M. Verlag von A. I. H o f m a n n . 1900, 14 und 630 Seiten. Den Lesern des „Israelit" ist der Herr Verfasser seit Jahrzehnten bekannt. Eine ungezählte Reihe von Leitartikeln und Betrachtungen, welche mit dem vollen Namen oder entsprechender Abkürzung bezeichnet waren, flössen aus seiner Feder. Ständige, aufmerksame Leser erkannten auch gar manches als sein Eigenthum, das nicht seinen Namen trug. Das zu entdecken, war nicht so schwer. Er hat seinen besonderen Stil, dessen Hauptkennzeichen ist die Unerschöpflichkeit. Er gleicht der sprudelnden Quelle und dem Flusse, der nicht versiegt." Ueber eine scheinbar unbedeutende Kleinigkeit weiß er so viel zu sagen, daß ihm nicht die Fortsetzung, sondern der Schluß schwer fällt. Dazu kommen noch weitere Vorzüge: Edle, leicht hinfließende Ausdrucksweise, frische, packende Bilder, erhabene, nicht abgedroschene Gedanken, geistreiche, passende Anwendung alter Weisheitssprüche auf heutiges Streben und Treiben, verbunden mit flammender, hinreißender Begeisterung für unsere heiligsten Lebensgüter machen das Lesen seiner Aufsätze zu einem wahrhaften Auneg Schabbos, welches der „Israelit" seinen über den Erdball zerstreuten Getreuen fast allwöchentlich bereiten konnte. Zu bedauern blieb dabei stets, daß die Aufsätze in einer Zeitung standen. Denn wenn auch die jüdischen Zeitungen bei der Mehrzahl ihrer Leser sich einer bevorrechteten Stellung erfreuen und nicht den Weg aller Zeitungen gehen, vielmehr ordentlich gesammelt und hübsch eingebunden werden, so sind doch die in ihnen niedergelegten Sätze so gut wie vergraben. Wie Viele haben denn Zeit und Lust, alte Jahrgänge nochmals durchzulesen? Man hat seine liebe Noth, bis man sich durch die neuen Nummern durchgelesen hat. Dadurch aber büßten diese Betrachtungen ein gut Theil ihres Werthes ein. Sie hatten, wie eine gute Predigt, den Leser erfreut, erhoben, begeistert, zu Gutem angeregt, aber nachhaltig wirken konnten sie weniger. Man legt das Blatt aus der Hand und der Gedanke schwindet allmählig aus dem Gedächtnis;. In unserem schnelllebenden, zeitungslesenden Geschlecht drängen sich die Eindrücke zu sehr, als daß selbst das Gute lange haften bliebe. Eine gute Abhandlung aber darf nicht flüchtig und nicht „nur einmal" gelesen werden. Je ruhiger man sich in sie vertieft, je häufiger man zu ihr zurückkehrt, um so mehr gewahrt man ihre Schönheit, überzeugt sich von ihrer Wahrheit und prägt sich ihre Lehren ein. Wir begrüßen es deßhalb auf's Freudigste, daß Herr Dr. Ehrmann sich entschlossen hat, einen Theil seiner Betrachtungen gesammelt herauszugeben und uns damit ein Buch zu bieten, wie wir wenige haben und doch so viele bedürfen. Denn so reichhaltig auch unsere zeitgenössische Litteratur ist, so beschränkt ist doch die Zahl derjenigen Werke, die man unbedenklich empfehlen kann. Es fehlen in echt jüdischem Sinne geschriebene Erzählungen, in wahrhaft religiöser Gesinnung und mit der pflichtschuldigen Ehrfurcht und Bescheidenheit abgesaßie Werke über unsere ruhmreiche Geschichte und große Vergangenheit, volksthümlich und doch edel gehaltene Darstellungen über jüdische Lehre u. jüdisches Leben. „Haben wir denn nichts als Hirsch und Lehmann und Lehmann und Hirsch," frug mich vor einigen Jahren eine gebildete Frau, welche für die Bibliothek ihrer Kinder bereits sämmtliche Werke dieser beiden Wortführer der Orthodoxie angeschafft hatte, „gar nichts mehr, das ich meinem Sohne jetzt zu seinem Geburtstag schenken könnte?" Ich empfahl ihr Karpeles' Litteraturgeschichte, freilich ohne das Werk zu kennen, um nachher von ihr zu hören, daß das, was dort über die biblische Litteratur stehe, sehr wenig mu meinen Ansichten übereinstimmen dürste. Ein Verzeichniß derjenigen Schriften, welche unbedenklich empfohlen werden können, welche gediegenen Inhalt und ansprechende Form mit Gesinnungstüchtigkeit verbinden, thut uns ebenso noth, wie eine Zusammenstellung über die rituell zulässigen und verbotenen Fabrikate. Präparate, für Gesunde und Kranke, für Küche und Keller hergestellten Genußmittel der neueren Zeit und täglich auftauchenden neuen Erfindungen. Nun, wir sind gottlob wieder einen Schritt weiter. In Ehrmanns Werk besitzen wir ein herrliches Buch, das sich im Sturme die Häuser und Herzen erobern wird. Es ist ein stattlicher Band, mit fast ganz gleicher Seitenzahl wie Hirsch's Chaurev, dem es nicht nur im Format ähnelt, sondern auch innerlich wahlverwandt ist. Dieselbe Begeisterung für Thauroh und Jiroh, dieselbe heitere, glückliche Lebensauffassung hier wie dort. Ein frischer, gesundheit- und lebenspendender Lufthauch, wie von den Höhen der Schweizerberge, wo es entstanden, weht aus jeder Seite dieses Buches. Es ist ein Führer durchs Jahr hindurch, zum Glück, zur Freude, zur Lebenslust, zur Pflichterfüllung. Eltern, die Ihr Euren Söhnen und Töchtern Begeisterung für ihr Judenthum, Liebe zur Thauroh und zu den Mizwaus einflößen wollt, gebet ihnen dieses Buch in die Hand! Sie werden es lesen, gerne lesen und sich glücklich preisen, Juden zu sein. Ihr Rabbiner