Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1900)
- Date
- 1900-02-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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41* Jahrgang. Mette Beilage M M14 -es „Israelit". Leitender Artikel. Nie NslgäW in Königsberg i. Pr. (Lchlub statt Fortsetzung.) Tie Orgel in der Synagoge erwies sich als das geeignetste Instrument, um das, lvas die Reformführer eigentlich beabsichtigten, zu fördern. Gesetzesübertretung, sogar in die Synagoge eingeführt, erleichterte das Fortwirken derselben auf dem häuslichen Gebiete, in Handel und Wandel. Was ist denn, gerade herausgesprochen, die Reform anders, als die Sanktionirung der Uebertretung zunächst des im Judenthum grundlegenden Sabbatgebotes, das vor allem Schöpfung und Vorsehung anerkennt, der Speise- und all derjenigen Gesetze, ivelche der ungebundenen Lebensweise hinderlich sind. Dem muß dann noch die Weihe durch die Anstellung eines in entsprechender Lehre ausgebildeten Rabbiners gegeben werden. Als man 1870 in Königsberg die Einführung der Orgel beabsichtigte, ivar aber die Ernüchterung schon längst eingetreten, ein Zweifel über den Effekt nicht mehr möglich. Die Begeisterung für das iinjüdische Kircheninstrument war nicht groß in Königsberg; „nur eine Stimmen-Majorität" in der Reprcisentanten-Versammlung hatte genügt, um den andächtigen Theil der Beter, dem die Sprache des Herzens und die üblichen Sangestöne ausgereicht hatten, „gegen die Orgel zu vertauschen." Dr. Johann I a c o b y hatte damals den Vorstand nachdrücklich vor Einführung der Neuerung, welche den Frieden in der Gemeinde untergraben müsse, gewarnt, aber vergebens. Das ist der „Herzenstakt," mit dem die Herren, ohne das Religionsgebiet zu kennen, mit Kultus und Gesetz umspringen. Die Schuld trifft ja die Gemeinden, welche die aus den angesehensten Kaufleuten und Berufspersonen aufgestellten Kandidaten wählt, die die ihnen durch das Gesetz von 1847 übertragenen Befugnisse in der willkürlichsten Weise ausüben. In alten Zeiten bestand der Vorstand der Gemeinden aus denjenigen, welche das jüdische Gesetz und die Litteratur am besten kannten und die Vorschriften am sorgfältigsten beobachteten. Die Schuld, daß es anders geworden ist, liegt in den modernen Verhältnissen und der Landesgesetzgebung. Die hohe persönliche Achtbarkeit der Mitglieder der Gemeindekollegien wird ja gern allgemein anerkannt. Das bessert aber nicht die Zustände, welche unter ihrer Mitwirkung geschaffen worden. Nur auf die Zustände, nicht auf die Personen beziehen sich unsere gesammten Ausführungen. Vielfach sind die Verhältnisse bereits zur Reaktion gediehen, die Gemeinden kommen allmählig zur Einsicht, daß der jetzt verfolgte Weg bei dem nihil endet. Dadurch sind erfreulicherweise in vielen Städten Neuwahlen auf Rabbiner mehr oder iveniger strengerer religiöser Richtung gefallen (München, Stuttgart, Insterburg, Memel u. v. a.) Die Zahl der von den Hörern des Berliner Rabbiner-Seminars eingenommenen Sitze hat sich keineswegs verengt. Zum Glück ist das Gegentheil der Fall. Das Geständniß ist intereffant, daß „wenn irgend eine Gemeinde sich des Rabbiners strenger Prägung entledigen wollte, sie bloß die Einführung einer Orgel zu beschließen brauchte. Zuweilen blieb es bei dem Beschlüsse." Gewiß, dieses Verfahren macht den Reformern alle Ehre, und das Mittel ist probat. Möchte man nicht auch einmal ein Mittel angeben, das ebenso erfolgreich gegen von Menschenliebe überfließende und alle sogenannte Orthodoxie hassende Reformrabbiner sich anwenden ließe. Etwa die Wiedereinführung Zions in die Gebete, oder die Verlegung des Sabbat auf den Sonntag, wir fürchten, beides könnte versagen. Höchst bedauerlich ist es, wenn nach all den trüben Erfahrungen, die das Judenthum in seiner eigenen Mitte und nach außen machen mußte, auch jetzt noch, nachdem die bösen Wirkungen so klar vor Augen liegen, die Bestrebungen nach Reform und Orgel nicht zum Stillstand kommen. Noch immer hat die Orgel zersetzend gewirkt, hat sie nach außen irgend welche Achtung vor den reformirenden Gemeinden erzeugt? Ist nicht die Feindschaft gegen den Juden, nachdem er die weitestgehenden Opfer auf religiösem Gebiete für die Assimilation gebracht hat, größer geworden, als je, wenn man den vermeintlich so ungeheuer gewachsenen Culturzustand mit in Betracht zieht? Recht Viele kommen dadurch zum Bewußtsein ihrer selbst, suchen einen Weg zurück und finden ihn auch wohl mit Schwierigkeit; die richtige Leitung fehlt ihnen. Und bei solcher Lage sollen manche Gemeinden, wie Basel, Düsseldorf, sich heute noch mit der Absicht tragen, durch Klänge der Orgel, deren Mitwirkung beim Gottesdienste wirklich für verständige Menschen antiquirt sein dürfte, sich zerreißen zu lassen. Möchte man doch endlich dazu beitragen, daß die verheißungsvollere Zeit der wahren Aufklärung, die Niemandem nöthiger ist, als dem Juden, herandämmere. In der Orgel, in der Verleugnung der Religionsgesetze ist sie nicht erwachsen. Der Jude gilt für klug und hat es noch nicht einmal zu dieser geringen Einsicht gebracht. Er lebt der Täuschung trotz all' dessen, was um ihn her vorgeht, die Abrogirung des Religionsgesetzes und der Ersatz durch Pbrasen und Firlefanz sei der Aufklärung höchste Blüthe und verschließt sich der immer weiter vor dringenden Erkenntniß der großen Weisheit in den Be stimmungen unseres Religionsgesetzes. Der moderne