Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1900)
- Date
- 1900-02-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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272 glieder, welche der kürzlich mit Korporationsrechten ausgerüsteten Adaß Jeschurun-Gemeinde beigetreten sind, zu fassen. In Folge dessen sind die Sammlungen schon im Gange. Daß dieselben zu guten Resultaten führen werden, dafür bürgt der Geist der -Opferwillig. keit, der innerhalb dieser Gemeinde lebt. Hat man doch - um einige Beispiele anzuführen — kürzlich die Entdeckung gemacht, daß wenn Anim Semirot nach Schluß des Gottesdienstes gesagt wird, die Thüren der heiligen Lade einfach von Pedellen geöffnet werden: jetzt wird 80 Mk. dafür vergütet. Der Wein für Kiddusch und Hawdoloh wird mit einem Aufgelde von 2600 Mk. geliefert. es existiren dafür zwei Genossenschaften, wovon die eine die andere treibt, so viel zu bieten. Der Preis der Mizwoth, die nach Schluß des Gottesdienstes abgegeben werden, ist ein enormer. Wie könnten auch sonst die vielen Ausgaben bestritten werden? Dabei wird die Steuereinnahme durch Selbsteinschätzung eingebracht." Hnin (Pr. Posen). Am 6. d. M. verschied plötzlich Herr Rabbiner C h a i m im 79. Lebensjahre. Der Verblichene hat fast 50 Jahre das Wort Gottes in unserer Gemeinde, wo er geboren war, gelehrt. Von frühester Jugend war er dem Studium der Gotteslehre ergeben, saß jahrelang zu den Füßen des sel. Rabbi I. L. Blaschki in Schönlanke, war dann der letzte Thalmudjünger des Rabbi M. L. Malbim in Wreschen. Das ganze Leben hindurch war rrrc.v :nrn In Folge seiner Frömmigkeit und hohen Gelehrsamkeit gewann er Freunde und Verehrer in weiten Kreisen der Glaubensgenossen. Seine religiösen Vorträge, sowie die Raschi-Erklärungen an den Sabbaten zu nnw waren allen Ohawe Thora eine Quelle der edelsten Genüsse. In dem stattlichen Leichenzuge waren alle Schichten der Bevölkerung vertreten. Man erblickte da die Stadt-, Kreis- und Justizbehörden. An ehrw. Rabbinen waren erschienen die Herren Dr.Dr. Kohn-Jnowrazlaw, Walter-Bromberg, Peritz-Rackl, Jacobsohn-Gnesen, Auerbach-Rogasen und Rabbiner Singer, Schwiegersohn des Moailno. Von Seiten der christlichen Confession waren außer den Bürgern die Elite der Stadt erschienen, so der Herr Prediger der evang. Gemeinde, der Kgl. Landrath, Amtsrichter, Aerzte. Von den Herren Rabbinen sprach im Trauerhause Herr Singer erhabene, kernige, von echt jüdischem Geisse getragene 7-,- zbn je s-mpvi e^n. Im Gottesbause, wohin man das 'n: ,T"5f 8*e: brachte, entrollte Herr Rabbiner Jacob sohn - Gnesen in einer fast einstündiaen, meisterhaften, formvollendeten Trauerrede, ein Bild des entschlafenen Freundes: es blieb kein Auae thränenleer bei dieser trefflichen und zutreffenden Zeichnung des hohen Wesens des Verewigten und des großen allgemeinen Verlustes. Am Grabe hielt noch Herr Rabbiner A u e r b a ch- Rogasen einen vorzüglichen "wen. Wegen der vorgerückten Abendzeit verzichteten die anderen benannten ebrw. Herren Rabbiner auf das Wort und werden dieselben wohl den Verklärten in ihren Heimathsorten -nerv sein m-Ts . . n vmfc irw "en. e*:tn 2l«rs Württemberg. Aus einer der letzten Ruin, mern Ihres geschätzten Blattes geht hervor, daß in Württemberg im Verlaufe des Jahrhunderts 10.6 Personen vom Judenthum zuin Ehristenthum übergetreten seien. Im Vergleich mit den Uebertrittsziffern an derer Länder ist relativ und prozentualiter dieses Re sultat für Württemberg sehr günstig. Roch günstiger tvird es, wenn man in Betracht zieht,.daß hierzulande ein Hauptsitz der „Baseler Judenmission" sich befindet. Pfarrer Völter in Großingersheim hat mehr als ein Bierteljahrhundert hindurch die Judenbekehrung in einem eigenen Institut betrieben. Jüdische Jünglinge aus dem Osten wußte er heranzuziehen und zu bekehren. Hie und da hat sich auch ein vagabundirender polnischer Jude des Pathengeschenks wegen taufen lassen, um später wieder als Jude weiter zu schnorren. Wenn man die hier bekehrten Ausländer von der Zahl 106 abzieht, dann dürfte die Zahl der Uebertritte in Württemberg auf ein ganz kleines Minimum znsammenschrumpfen. Die Schlußfolgerungen, die sich hieraus ziehen ließen, mögen unterbleiben, weil es im Rahmen einer Eorrespondenz nicht möglich ist, alle Ursachen klarzuleaen. Sicher ist, daß der Umstand, daß Württembergs Jsn raeliten bis vor Kurzem der großen Mehrzahl nach der ländlichen Bevölkerung angehörten, schwer ins Geivicht fällt. — Aber das ist ebenso sicher, daß die religiösen Zustände in Württemberg besser sind, als ihr Ruf. — Die Visitationsreisen des Herrn Kirchenrath sind deninächst beendigt. Man sieht mit Spannung dein Resultat der Prüsungsreisen entgegen. Dessen ist man sicher, daß mit der Erregung momentaner Begeisterung nicht alles erledigt ist, daß vielmehr der Gesammteindruck, den der Herr Kirchenrath erhielt, zu allgemeinen Verbesserungen Veranlassung geben dürfte. Dabei muß die Frage aufgeworfen werden, ob nicht die Einberufung einer Landessynode angezeigt wäre. Die Verhältnisse haben sich seit 1828 derart geändert, daß eine Revision der gesammten Synagogenverfassung (des Judengesetzes) Württembergs zur unaufschiebbaren Nothwendigkeit wird. Die Reueintheilung der Gemeinden und der Rabbinatsverbände ist dringend nöthig, die Steuergesetze sind zeitgemäß zu ändern, wobei der „Erach" durch einen prozentualen Zuschlag zur directen Staatssteuer zu ersetzen, das Unfrieden stiftende „Erachmachen" zu beseitigen wäre. Verschiedene Polizeigesetze, die die Gewissensfreiheit einschränken und mit den modernen Anschauungen unvereinbar sind (z. B. das Verbot des Privatminjan, die Anordnung, daß nur Rabbinen oder Vorsänger in Chewros „lernen" dürfen etc.) sind zu beseitigen. Das Selbstverwaliungsrecht der Gemeinden ist entschieden zu erweitern. (Entsprechend dem kirchl. Gesetz für die Protestanten v. I. 1887.) Wenn sich für ein gemäßigtes Revisionsprogramm eine Mehrheit finden würde, dann dürfte jetzt die rechte Zeit gekommen sein, an die maßgebenden Fakroren heranzutreten. Aber wo sind die Männer, welche Interesse für das nächtige Werk zeigen, wo und wie finden sich diese Män-