Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 25 (26.3.1900)
- Date
- 1900-03-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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505 Stellen wir sie doch einmal zur Rede, jene Gebildeten und Fortgeschrittenen! Die ganze Fülle eurer Erkenntniß und eurer sittlichen Ueberzeugung schöpfet ihr aus der Natur. Das geistige Versinken in ihre Werkstätte fördert auch manchen Schatz zu Tage, das gestehen wir auch gerne zu. Ja, sogar religiöse Ideen vermöget ihr aus der Natur zu gewinnen: Ihr bewundert die Größe der Schöpfung, wie Alles in ihr eine große Ordnung darstellt, alle Räder und Rädchen in dem gewaltigen Uhrwerk sicher und zweckvoll in einander greifen, das kleinste und größte gleich werth und wichtig, das muffe eine hohe Weisheit gefügt, ein erhabener Werkmeister entworfen und vollführt haben — ihr erschließet Gottes Allmacht! Und wiederum, wenn ihr dann herniederblickt von der Höhe der Natur und eurer Hände Werk betrachtet, wie es gar oft zerfällt, ehe es ausgeführt, wie es nicht passen und nicht glücken will, wie hier ein Rädchen nicht richtig eingreift und dort ein Staubkorn den ganzen Lauf aus der Ordnung bringt, wenn ihr vergleichet die Schöpfung des Geschöpfes mit der seines Schöpfers und beim Anblick der himmlischen Wunderwerke in das zerknirschte Bekenntniß ausbrechet: no intjen '2 2-ix [irrowi’s „Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, was der Erdensohn, daß Du Dich um ihn annimmst" — ihr erschließet des Menschen Ohnmacht! Wie ihr Jahr um Jahr des Winters Nacht entschwinden sehet vor der Sonne erwärmendem Strahl, wie ihr folgen sehet einer Zeit des Sterbens eine Zeit des Blühens, einer Zeit des tobten Erstarrens eine solche des lebendigen Treibens, geht wohl in euren Herzen die stille Sicherheit auf, daß auch im Leben des Menschen oft nach langer Winterqual des Frühlings holde Erfüllung winkt und er in Wonne und Jubel ernten wird, was er in Thränen ausgesät — ihr erschließet die H o ff n u n g! Das Alles sind vereinzelte religiöse Ideen, die euch bei richtiger Betrachtung die Natur bietet, aber sie ergeben noch nicht — Religion! Oder sagt euch die Natur etwa, was gut und was böse sei? Woher habt ihr die Idee des Rechts, die den Verkehr der Menschen regelt und aufrecht hält, da es in der Natur doch kein Recht gibt, als das des Stärkeren, d. h. die rohe Gewalt?! Und woher schöpfet ihr die Liebe, die Herrscherin und Siegerin, die reine, selbstlose, bewußte Liebe, die der kalte Trieb der Natur nimmer kennt? Woher schöpfet ihr die Barmherzigkeit, die euch zu gottähnlichen Wesen macht, schöpfet ihr das Mitleid, das euch erlöst und befreit mit seiner stillen Thräne? Und endlich, aus welchem Schachte der Natur holt ihr euch denn jenen Edelstein hervor, dessen Besitz eurem Leben erst den wahren Werth gibt, der euch erst zu Menschen macht und euch zum Bewußtsein eures eignen Selbst erhebt, den Willen, den freien Willen, ihn, den die strenge Gesetzmäßigkeit des Weltalls nimmer predigt, den das starre Werden und Vergehen in der Natur eher verneint als bejaht, und ohne den ihr auf der Stufe des Thieres verharret, mit all eurem Fortschritt und all eurer Bildung?! | Und wenn nun jene Gebildeten und Fortgeschrittenen auf alle diese Fragen verstummen müssen und staunend erkennen, daß es doch wohl höhere und reinere Quellen geben müsse, niw.i vyo Quellen des Heils, aus denen wir mit Wonne schöpfen, und sie wissen nicht, was sie uns erwiedern sollen und stehen besiegt und überwunden, dann schlagen wir ihnen den Thora-Abschnitt des Sabbat Hachodesch auf und lesen ihnen die beiden Gottesgebote vor, deren eines uns die Natur als Lehrmeisterin aufgestellt, während das andere von der Vorbereitung zum Opfer des Peßachlammes spricht, endlich öffnen wir ihnen die Weisheitsbücher unserer Alten, lesen in ihnen die Frage, weßhalb das Gebot des Peßachopfers unmittelbar auf das der Monatsheiligung folge, und belehren mit der Antwort unsere Gegner und — uns selbst. Das Lamm, so sagen die Alten, wurde von den Egyptern als göttlich verehrt, das Lamm aber war es auch, das als nbv bre als führendes Sternbild den Monat Nissan beherrscht. Die Opferung des Lammes sollte also nicht nur einen drastischen Protest gegen den abgöttischen Kultus der Egypter darstellen, sondern sollte auch dem Hinweis auf die Natur, wie er sich in dem Gebot der Monatsheiligung aussprach, die nothwendigen Grenzen zur Seite geben. Dasselbe Lamm, welches als natürliches Sinnbild über dem Monat Nissan schwebt, es sollte vom Leben zum Tode befördert werden! War ein deutlicheres Symbol denkbar für den Gedanken, daß Gottes strenges Gesetz über aller Natur stehe, als diese Opferung des Peßachlammes? Und enthält denn nicht unsere Peßachfeier heute, nach Jahrtausenden noch, eine ganz ähnliche Bezeichnung? Es bedürfte wahrlich nicht der Aussprüche unserer heiligen Lehre, und wir fühlten dennoch, daß es der Frühlingsmonat ist, dem wir entgegen gehr^i, das Frühlingsfest, zu dem wir uns rüsten! Und wenn es herangekommen ist, wozu laden uns dann seine festlichen Tage? Heißen sie uns hinausziehen in den Tempel der Natur, um uns die Herzen zu erlaben an ihrer Verjüngung? Führen sie uns in die Gärten und Wälder, wo eben die ersten Veilchen sprießen und die ersten Knospen an Baum und Strauch ihre zarte Hülle sprengen, wo die ersten Bächlein so wohlig dahinrauschen und die ersten Vögel ihr süßes Lied anstimmen, und über all der Herrlichkeit der goldige Schimmer lachenden Sonnenscheins lagert? O nein! Tiefe Nacht umfängt die Natur, wenn in Israels Häusern die Festesfeier beginnt, wenn Israels Söhne und Töchter sich niederlassen an ihres Hauses Tisch, um von Gottes Wunderthaten in Egypten zu erzählen! Nicht Blumenduft und nicht Vogelfang erquickt am Frühlingsfeste Israels Gemüth, nein, Israel trübt sich seinen Genuß, sein Brot ist nicht gesäuert, und seine Speise, seine gottgebotene Speise sind — bittere Kräuter! Und weßhalb all dies? Weil Gottes Gesetz über allem Naturgesetz steht, und weil überall da, wo der Mensch bei dem Blick in's Weltall über der Schöpfung den Schöpfer zu vergessen in Gefahr ist, die strenge