Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 41 (1900)
- Issue
- Heft 25 (26.3.1900)
- Date
- 1900-03-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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504 rm WWWMW Ja, noch mehr! An dieses Peßach knüpft die Gotteslehre auch ganz im Allgemeinen ihre Ansicht von dem innigen Zusammenhang zwischen Natur und Religion Sie lehrt mit Rücksicht auf die bedeutsame Festesfeier, die in diesen Monat fällt, diesen Monat als das „Haupt der Monate" festzuhalten und bestimmt ihn als „den ersten der Monate des Jahres." es*? mn ennn c'jr-rntrKn Aus dem Wörtchen rnn lesen unsere Alten heraus, Gott habe dem Moses den sich erneuenden Mond gezeigt und ihm die Heiligung dieses „Neumondes" für alle Geschlechter geboten. Und auf diesem Naturvorgang der Monderneuerung beruht mit dem Kalenderwesen gewissermaßen unser ganzes religiöses Leben. So ist die Natur im Sinne der Gotteslehre für den Menschen ein großes, gewaltiges Symbol; wie die Gotteslehre will, daß die Erneuerung des Mondes uns anseuere zu unserer eigenen Erneuerung, daß wir gleich dem Monde nach einem Zeitabschnitt der Lichtverminderung immer und immer wieder einen solchen der Lichtvermehrnng für uns heraufführen, so weist uns die Gotteslehre auf die g a n z e Natur hin als auf eine Erzieherin und Bildnerin, auf eine gottgeschaffene Botin, die uns hehre Erkenntnisse und erhabene Wahrheiten vermittelt und uns aufruft, ihren Lehren getreu zu folgen. Aber wie? Dient denn die Vorschrift der Monatsl)ei!igung, die wir an dem letzten der vier ausgezeichneten Sabbate lesen, nicht lediglich als Einleitung für eine zweite Vorschrift? Wird denn von der genauen Bestimmung des Monatsanfanges nicht deshalb gesprochen, damit genau am zehnten dieses Monats jene andere Vorschrift ausgeführt werden könne, die lautet: r~b nr mzx rrz1? ne» trx zrH „Sie sollen sich nehmen Jeder ein Lamm für seine Familie, je ein Camm für jedes Haus!?" Und wenn die erste der beiden Vorschriften den Israeliten auf die Natur hinweist, führt ihn dann nicht die zweite alsbald wieder weitab von der Natur, hinein in die Welt der strengen religiösen Satzung? In der That scheint hierin eine beabsichtigte Gegensätzlichkeit zu liegen, die sich uns bei tieferem Eindringen als überaus lehrreich erweisen dürste. Denn aus ihr werden wir deutlich erkennen, wie weit nach der göttlichen Lehre die Eigenschaft der Natur als einer bedeutsamen Meisterin sich für den Menschen erstrecken dürfe. Nach der Versicherung unserer Alten reicht die Bestimmung des Mondes zu unserem Zeitenführer bis auf die Schöpfung der Welt zurück. Inmitten der gesummten Natur, die am Anfang aller Dinge in prangender Schönheit aus des Allmächtigen Hand hervorging, setzte er die „beiden Lichter" an die Ausdehnung des Himmels, zu scheiden zwischen Tag und zwischen Nacht, e\j:t zvb', D-jnz^ rrxS vnr „auf daß sie seien zu Zeiten und zu Festen und zu Tagen und Jahren," und in der Deutung dieser Worte hoben unsere Alten den Ausdruck btt*?' als denjenigen hervor, der sich auf die Festsetzung des Monatsanfanges beziehe. Welche tiefe Bedeutung die Feier dieses Monatsanfanges im weiteren Verlaufe der israelitischen Geschichte gewann, wie dieselbe durch besondere Opfer ausgezeichnet und durch besondere Lobgesänge gehoben wurde, wie peinlich die möglichst genaue Bestimmung der richtigen Zeit geregelt wurde und wie die Zweifel über diese Genauigkeit das Festtagsleben Israels für alle Zeiten beeinflußt haben, all dies bedarf hier keiner näheren Erläuterung. Genug, daß wir sehen, wie innig Natur und Religion im Leben Israels verknüpft sind. lind sind denn nicht wirklich die heiligen Schriften Israels voll der Begeisterung für die Natur und ihre Wunder? Stehen wir nicht staunend still vor der Erhabenbeit jener Naturschilderung, die wir gerade am rx"! lesen, da die Seele des Sängers sich jubelnd hinwendet zu Gott und seinen Wunderwerken? Da sie Ihn schaut, wie Er in Licht sich einhüllt, gleichwie in ein Gewand, wie Er im Wasser seine Söller wölbt, umherfährt auf des Windes Flügeln, Stürme zu seinen Boten macht und zu seinen Dienern Feuerslammen? Und wenn wir allwöchentlich in unserm heiligen Sabbat die Feier der Naturvollendung begrüßen und die Welt, deren Schätze wir genießen, immer auf's Neue ihrem Schöpfer und Eigenthümer zurückerstatten, erheben wir uns da nicht entzückt und begeistert zu jener einzig wahren Naturerkenntniß des Psalmisten, die aus dem Donner der Meereswogen, aus dem Tosen der mächtigen Gewässer nur die eine gewaltige Botschaft heraushört: "i z^zz r-:x „Mächtig in der Höhe ist Gott, der Herr!?" Wir nennen diese Begeisterung „die einzig wahre Naturerkenntniß." — Denn allerdings birgt die Hinwendung des Menschen zu den ihn umgebenden Gebilden und Schöpfungen eine tiefernste Gefahr in sich, eine Gefahr, der die größten Geister zum Opfer gefallen sind, vor der es daher um so mehr den gewöhnlichen Sterblichen zu warnen gilt, wenn er einmal aus der dumpfen Enge des Alltagslebens das freie Auge hinauslenkt auf das Blühen, Duften, Wogen und Weben in der Natur. Weil die Natur uns eine so vernehmliche Sprache redet, weil sie uns wie mit tausend Zungen in die Herzen vredigt und uns in all ihren zahllosen Gestaltungen eine Erkenntniß um die andere aufthut, darum hielt man sic neben der eigenen Vernunft als einzige Erkenntnißquelle fest, erblickte in ihrer Offenbarung unseres Wissens letzten Schluß und erklärte, in wabnbethörter Verblendung die Schöpfung an Stelle des Schöpfers sehend: Die Natur ist Gott! Tausende thuen sich heute noch auch in Israel auf diese ihre geistige Errungenschaft wer weiß wie viel zu Gute! Ja. sie halten sich sogar für die Gebildeten und Fortgeschrittenen, die dem Zeitgeist Rechnung tragen und vor der Königin Wissenschaft das Knie beugen, und hohnlächelnd blicken sie auf den demuthvollen Gottesjünger herab, der im Bewußtsein seiner Endlichkeit das Bekenntniß ablegt: die Verkündigungen der Natur z'izi pxi laix px sie sind keine deutlich vernehmbaren Reden und keine Worte, die voll erfaßt werden.