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Der Israelit · 1900-07-05 · Heft 54 (5.7.1900) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 54 (5.7.1900)
Date
1900-07-05
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1114 das den Lippen ihres Lehrers entquoll, sich labten, wie freudig und mit welchem Fleiß sie ihren Studien oblagen, der wird auf's tiefste den Fortgang eines solchen Mannes bedauern. Aber wie ernst faßte Herr Dr. Nobel auch seinen Beruf auf! Nicht nur verstand er es, feine Hörer in das weite Gebiet der Halacha, die er meisterhaft zu erklären verstand, einzuführen, er besaß eine ganz besondere Gabe, aus dem reichen Schatz der Prophetenbücher, der Psalmen etc. eine Verbindung herzustellen mit der Halacha, wußte in homiletischer geistreicher Weise das Schriftthum zu erklären und so mit den herrlichen Blüthen seines Geistes und seiner großartigen Rednergabe seine Zuhörer zu fesseln und zu entzücken. Mit flammenden Worten der Begeisterung verstand er es, das Herz mit Liebe zum Judenthum zu erfüllen. Aber bei seiner Einfachheit, seiner Bescheidenheit ist er auch ein Mann der Ueberzeugung, der es nicht scheut, diese zu vertreten, sie zu verfechten mit dem ganzen Muth der Ueberzeugungskraft! Seine Individualität gab der Chewra ein neues Gepräge, mit ihm zog ein neuer Geist ein, der belebend u. erfrischend wirkte. Als am vergangenen Sabbat Herr Rabbiner Dr. Nobel seinen Abschiedsschiur hielt, da zeigte die imposante Versammlung von Damen und Herren, die in dem eigens hierzu gewählten großen Saal der „Philharmonie" den letzten Platz füllte, welche Verehrung man dem scheidenden Lehrer entgegenbrachte. In seiner Abschiedsrede, die übersprudelte von tiefen herrlichen Gedanken, wies Herr Dr. Nobel darauf hin, wie schwer ihm sein Entschluß, nach Königsberg zu gehen, geworden, wie lange er geschwankt und mit sich gerungen habe, bis er sich entschließen konnte, seine ihm so lieb gewordene Chewro, seine theuren Schüler, die ihm ans Herz gewachsen, zu verlassen, um den höchst ehrenvollen wiederholten Ruf — das erste Mal hatte Herr Dr. Nobel abelehnt — zu folgen. Seine Ermahnung an die Schüler, in seinem Sinne weiter zu lernen und zu leben, seine Bitte an die Chewro-Mitglieder und alle Freunde, ihm ein gutes Andenken zu bewahren, fand lebhaftes Echo in den Herzen seiner Zuhörer, bei denen sein Wirken stets in liebevollster Erinnerung bleiben wird. Und heute auf dem Bahnhof, da fand sich eine große Schaar ein, um dem scheidenden Lehrer und Freund und seiner Gattin noch einmal den Beweis ihrer Hochschätzung zu geben und manch' Auge füllte sich mit Thränen. Doch lassen wir das Klagen darüber, daß wir ihn verlieren mußten; die Freundschaft, die das festeste Band zwischen den Herzen der Menschen webt und die größte Entfernung mit einem unsichtbaren Faden verbindet, sie folgt unserm lieben Freund in seinen neuen Wirkungskreis und wie er als schönstes Angebinde von hier die feste Ueberzeugung mitnehmen darf, daß die Saat, die er hier ausgestreut, einst schönste Früchte reifen wird, so möge unsere Hoffnung auch für ihn sich erfüllen: daß er auf dem Felde seiner ferneren Thätigkeit alles das Glück finden möge, was wir ihm von Herzen wünschen, fett jmWö bs n sba\ O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien, 1. Juli. (Rumänische Auswanderer.) Ein eigenartiges Bild bietet sich, wie die „N. Fr. Pr." berichtet, in den letzten Wochen beinahe alltäglich am Handelskai nächst der Reichsbrücke dem Beschauer dar. Rumänische Auswanderer, arme verzweifelte Juden, die sich auf der weiten Reise nach Amerika befinden, biwakiren dort tagsüber im Freien. Wie ein verschüchtertes Rudel Schafe haben sie sich aneinander gedrängt. Es hat den Anschein, als wären sie bestrebt, möglichst wenig Raum einzunehmen, um ja nicht Haß und Mißgunst heraufzubeschwören, um sich die Duldung auf Stunden nicht zu verscherzen. Eine harte Zeit ist für die rumänischen Juden angebrochen. Daß die Juden in der Moldau und in der Walachai niemals ein sonderlich geneigtes Vaterland besaßen und daß sie nicht „Ursach' hatten, es zu lieben," ist genugsam bekannt. Aber die letzten politischen Wandlungen haben ihre Lage zu einer unerträglichen gestaltet. Seit dem Dezember vorigen Jahres mögen etwa 16,000 rumänische Juden zum Wanderstabe gegriffen haben. In Trupps von 40 bis 80 und mehr Leuten treten sie die weite Reise an, deren Ziel Amerika ist. Keine gleißenden Goldträume hegen sie. Nur nach Arbei geht ihr Verlangen. „Erdarbeiter in Canada," das ist das Ideal, dem sie mit hoffnungsglänzendem Auge Ausdruck verleihen, und in ihren phantastischesten Zukunftsträumen schwärmen sie vom Geduldetseln . . . Ein Trupp von 66 Leuten lagerte dieser Tage unter der Reichsbrücke. Darunter befanden sich 16 Frauen und 6 Kinder. Eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft; verschiedenen Standen gehörten sie an, verschieden war ihr Vermögen, und auch in Bildung und Wissen sind sie einander durchaus nicht gleich. Heute eint sie gemeinsames Gegenwartselend u. gemeinsames Zukunftshoffen. Ein angesehener Kaufmann war der Eine. „Vor einem Jahr," sagt er mit bitterer Selbstverspottung, „o, da war ich ein respektabler Herr, da hatte ich 22,000 Francs im Vermögen. Heute kann ich nicht bis zu zwei Hellern zählen, und meine Frau dort unter'm Brückenbogen bläst in die Hände meines kleinen Mädchens, die der kalte Abendwind erstarren macht." Neben ihm steht ein mächtiger, breitschultriger Geselle. Ein harmlose Gutmüthigkeit, die Niemanden etwas übelnehmen kann, spricht aus seinen jovialen Zügen. Der Mann erzählt mit achselzuckender Gelassenheit, als ob, was er vorbrächte, etwas Selbstverständliches wäre, zum mindesten etwas Schicksalbestimmtes, Unabwendbares. Kismet, Kismet! „Den Krieg im Jahre 1877 habe ich mitgemacht. Dann bin ich Gendarm gewesen. Noch nicht lange ist es her. Vor dem Palais Ihres Gesandten bin ich gestanden und habe das Gewehr geschultert. Vor dem Hause vom Baron Aehrenthal. Und ich habe meinen Dienst genau versehen. Der Herr Baron wird's mir auch bestätigen können. Da kommt auf einmal ein neues Ministerium. Aus ist's mit mir. Warum? frage ich. Warum darf ich nicht mehr Gendarm sein? Du bist ein Jud', sagt

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