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Der Israelit · 1900-07-05 · Heft 54 (5.7.1900) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
41 (1900)
Issue
Heft 54 (5.7.1900)
Date
1900-07-05
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1115 man mir. Das war ich früher auch und war doch acht Jahre beim Militär, vier bei der Gendarmerie; da auf einmal postenlos. Jede Arbeit wäre mir recht gewesen, aber keine, gar keine Hab' ich kriegen können." Wieder ein Anderer, ein Handwerker: „Ich bin Anstreicher; die Leute wollen dem Juden nichts zu verdienen geben. Das ist immer die erste Frage: „Bist Du Jud'?" Aber ich war ja beim Militär, bis zum Unteroffizier Hab' ich's gebracht. Da hat man mich bei den Staatsarbeiten nicht zurückweisen können. Aber die Andern waren mir, dem Juden, aufsässig. Da hat einer ein großes Holzstück gegen mich geschleudert. Drei Wochen bin ich krank gelegen, noch jetzt hinke ich.". Und so geht's fort, die ganze lange Reihe hindurch mit herzzerreißender Monotonie das strophenreiche Lied der Bedrückung, des Haffes, der Unduldsamkeit. Und so haben sie sich zusammengethan, um anderswo eine neue, ein gütigere Heimath zu suchen. Den elenden Hausrath haben die Aermeren losgeschlagen, und die Bemittelten haben all das Ihre zu Geld gemacht, unter schweren Verlusten. Was sie besitzen, es ist wenig genug, haben sie zusammengethan, den Weltgewandtesten haben sie zum „Präsidenten" erwählt. Der leitet die Reise, sieht darauf, daß mit den kargen Mitteln ordentlich Haus gehalten werde, und gibt sich redliche Mühe, den spärlich träufelnden Quell der Unterstützungen in das Lager der Auswanderer zu leiten. In Orsova, da haben mildthätige Menschen sich ihrer werkthätig angenommen. Hier in Wien sind sie ziemlich unbeachtet. Dort, wo sie jetzt die zwei Tage, bis der Dampfer nach Paffau abgeht, ihr Standquartier aufgeschlagen haben, wohnen arme Leute, bei denen selber Schmalhans Küchenmeister ist. Aber es kommt schon vor, daß sich den fremden, verängstigten Leuten ein Mann nähert, ein Kohlenarbeiter, ein Tramwaykutscher, der selbst einen Haufen Kinder zu Hause hat, und den Auswanderern einen Sechser in die Hand drückt. Oder es naht eine blaffe, verhärmte Frau, und aus dem Tragkorb zieht sie einen Laib groben Brodes als milde Liebesgabe. Dann herzt sie die Kinder der Fremden, die „armen Hascherln," die so weit, weit fort müssen. Herzliche Worte der Anerkennung und des Dankes haben die Auswanderer für die Bediensteten der Dampfschifffahrts-Gesellschaft, vor Allem für den Hafenkapitän König. Der gutherzige Mann hat dafür Sorge getragen, daß die Leute auf dem Schleppdampfer übernachten dürfen, und was sie ihm nicht hoch genug anrechnen können, die Weiber und Kinder wurden in einem Wartesaal gebettet. ... So arm sie sind und so elend, eine gewisse frohe Entschiedenheit und Entschlossenheit scheint sie Alle zu beseelen. Ihr Vaterland hat ihnen als letzte Liebesgabe — Vagabundenpässe verabfolgt. Jeder, der auswandern wollte, mußte eine Erklärung unterschreiben, des Inhaltes, daß er ein subsistenzloser Vagabund sei. Sonst wurde er arretirt und in sicheren Gewahrsam gebracht. „Sie schämen sich vor Europa!" erklärte der Intelligenteste unter ihnen dieses Vorgehen. „Aber nein," setzte er hinzu, „wir sind keine Vagabunden, keine Bettler, wir sind ehrliche Arbeiter. Unsere Glaubensgenossen in Amerika werden für uns bürgen, daß wir dem Staate nicht zur Last fallen wollen. Und wir werden ihre Bürgschaft nicht Lügen strafen!" Prag, 28. Juni. Hierselbst verschied eine wegen ihres gemeinnützigen Wirkens stadtbekannte und allenthalben hochgeschätzte Persönlichkeit, der Privatier Herr Leopold Kühe, im Alter von 79 Jahren. Der Verblichene hatte seinen seltenen Wohlthätigkeitssinn durch persönliche Unterstützung Armer u. Bedürftiger, sowie durch unermüdliches jahrelanges Wirken in zahlreichen Humanitären u. gemeinnützigen Corporationen und Vereinen bethätigt. Die Achtung und Werthschätzung seiner Mitbürger gab sich in dem großen Vertrauen kund, das ihm durch Uebertragung einer Reihe von Ehrenstellen bewiesen wurde. So war er lange Jahre Vorstandsmitglied und Secretär des israelit. Nächstenliebe-Vereins, Vicepräsident des Vereins für Volksküchen, dem er einen großen Theil seines Lebens in aufopferungsvoller Hingabe und unermüdlicher Thätigkeit widmete, Vorstandsmitglied des Vereins Derech-Jeschara und Maskil el Dol, gehörte dem Vorstande des freiwilligen Rettungscorps und des Thierschutzvereins an, war Revisor vom rothen Kreuze und in früheren Jahren Vorstandsmitglied der Armenkommission der israelitischen Cultusgemeinde, sowie der israelitischen Beerdigungsbrüderschaft. Außerdem gehörte er zahlreichen anderen Vereinen als eifriges Mitglied an. Noch bevor der Volksküchenverein gegründet war, gehörte er mit zu denjenigen, die — das war vor 25 Jahren — die Volksküche für die Alt- und Josephsstadt in's Leben riefen und seither täglich die Ausspeisung der Armen persönlich überwachten. Der Tod des Herrn Kühe, der sich noch bis vor kurzem, im Besitze voller geistiger Frische befand, kam unerwartet. Palästina. Tafed. Herr Josef Friedmann, wohnhaft in Rosch-Pinah, erhielt, wegen großer Verdienste um den Staat, den Rang eines Ruthbey, mit dem Rechte, eine Uniform und einen vergoldeten Degen zu tragen. Herr Friedmann hat sich besonders um die Verwaltung der Stadt Safed verdient gemacht. Die Misere der beschäftigungslosen ländlichen Tagelöhner nimmt jetzt acute Gestalt an. 160 Tagelöhner sollen bereits Palästina verlassen haben, weitere werden Nachfolgen. In der Hoffnung, mit vereinten Kräften ihre Lage eher verbessern zu können, haben sie ein Syndikat mit dem Sitz in Waad el Chanin gebildet, und man sagt, daß die I. K. A. sämmtliche von ihr zu vergebenden landwirthschaftlichen Arbeiten fortan diesem Syndikat in Accord übertragen wird, falls die Juden nur um 40 pCt. höhere Preise als die Araber verlangen sollten.

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